Automobile

Delphi-Pleite bringt General Motors in Insolvenzgefahr

Zunehmend unter Druck - GM-Chef Wagoner

Zunehmend unter Druck - GM-Chef Wagoner

12. Oktober 2005 Die Insolvenz des amerikanischen Autozulieferers Delphi Corp. droht zum nächsten Milliardengrab für Autobauer General Motors (GM) Corp. zu werden. Im schlimmsten Fall schätzt GM die Belastungen aus der Insolvenz auf 11 Milliarden Dollar. Der Zusammenbruch von Delphi kommt zur Unzeit für GM: Der Autobauer ist selbst schwer angeschlagen und fährt hohe Verluste ein. Das Schicksal von GM ist an Delphi geknüpft: Der Zulieferer ist eine ehemalige Tochtergesellschaft von GM, bei deren Abspaltung im Jahr 1999 Verpflichtungen für GM festgesetzt wurden, die bis heute fortbestehen.

Der Aktienkurs des größten amerikanischen Autoherstellers General Motors Corp. (GM), Detroit, hat auf die Insolvenz des Autozulieferers Delphi Corp. mit drastischen Kursverlusten reagiert. Am Montag war der Kurs an der New Yorker Börse um 10 Prozent eingebrochen. Im späten Handel am Dienstag erholte sich die GM-Aktie leicht. Delphi, eine ehemalige Tochtergesellschaft von GM, hatte am Samstag Gläubigerschutz nach Kapitel 11 des amerikanischen Insolvenzrechts angemeldet. Ein solches Verfahren sieht die Neuausrichtung und Sanierung eines Unternehmens vor. Anleger befürchten für GM nun mögliche Lieferengpässe während der Sanierung von Delphi. Zudem muß der ohnehin angeschlagene Autokonzern wahrscheinlich einen Teil der Pensionsverpflichtungen für die ehemaligen Mitarbeiter von Delphi übernehmen, die GM bei der Abspaltung von Delphi vor sechs Jahren garantiert hatte. GM hatte die Belastungen aus der Insolvenz von Delphi auf bis zu 11 Milliarden Dollar beziffert ().

GM-Aktien auf der Verkaufsliste

Analyst Ronald Tadross von der Bank of America setzte GM-Aktien daraufhin auf die Verkaufsliste. Er rechnet mit einer Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent, daß GM aufgrund steigender Pensionsverpflichtungen selber einen Insolvenzantrag stellen muß. Zudem befürchtet er, daß die Automobilarbeitergewerkschaft UAW gegenüber GM zu weniger Konzessionen bereit sein wird als gegenüber Delphi. GM verhandelt bereits seit Monaten mit der Gewerkschaft über Zugeständnisse.

Die Kreditbewertungsagentur Standard & Poor's (S&P) setzte die Bonität von GM um eine weitere Stufe auf BB- herab. Alle großen Ratingagenturen hatten die Kreditwürdigkeit von GM wegen der geschäftlichen Schwierigkeiten im Heimatmarkt bereits in der Vergangenheit auf das Niveau von Ramschanleihen zurückgestuft. S&P hat GM zudem auf die Liste mit negativem Ausblick gesetzt. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit weiterer Herabstufungen. Eine niedrigere Bonität erhöht die Finanzierungskosten für ein Unternehmen. GM und deren Finanzsparte GMAC gehören zu den größten Emittenten von Unternehmensanleihen in den Vereinigten Staaten.

Die Bonität von GMAC hat S&P allerdings unverändert auf dem Niveau BB belassen. Eine mögliche Höherstufung dieser Sparte hänge davon ab, wie stark sich die Finanzsparte von GM trennen könne, teilte S&P mit. Deutsche-Bank-Analyst Rod Lache interpretierte das als Signal, daß GM möglicherweise kurz vor einer "strategischen Alternative" für GMAC stehe, die die Gesellschaft stützen würde. Denkbar wäre eine Beteiligung von Finanzinvestoren. GMAC hatte bereits Anfang August eine Mehrheitsbeteiligung an der Hypothekensparte GMAC Commercial Holding an Investoren verkauft.

Konsolidierung gefährdet

Der Insolvenzantrag von Delphi könnte nach Ansicht von S&P-Analyst Scott Sprinzen die Anstrengungen von GM behindern, sein nordamerikanisches Autogeschäft wieder auf Erfolgskurs zu bringen. Delphi werde wahrscheinlich Zugeständnisse bei den Preisen für Autoteile fordern. Zudem bestehe für GM das Risiko, daß Delphi bestimmte Lieferverträge kündigt. Auch Unterbrechungen bei der Lieferung seien möglich, wenn die Gewerkschaft bei Delphi mit Streiks gegen die erwarteten Lohnkürzungen und Kündigungen protestieren würde.

Nach Ansicht von S&P könnte GM aber letztlich von der Neuausrichtung bei Delphi profitieren, wenn die Einkaufspreise für Komponenten längerfristig sinken. Zudem könne GM Aufträge stärker an andere Zulieferer vergeben. Aber es würde "Jahre" dauern, bis diese Einsparungen wirksam würden, hieß es bei der Agentur. Delphi-Vorstandschef Robert Miller will unterdessen GM um Geschäftsgarantien in Höhe von 1 Milliarde Dollar im Monat bitten, um die Sanierung zu stützen.

Nach Angaben einer GM-Sprecherin rechnet der Autokonzern wegen des Insolvenzverfahrens von Delphi nicht mit "sofortigen Auswirkungen" auf seinen Betrieb. "Wir konzentrieren uns weiter darauf, unser Geschäft in Nordamerika so schnell wie möglich zu verbessern", sagte die Sprecherin. Im September hatten GM wie auch Konkurrent Ford Motor auf dem Heimatmarkt deutliche Absatzeinbrüche hinnehmen müssen.

Text: nks., F.A.Z., 12.10.2005, Nr. 237 / Seite 17
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance / dpa

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