Seitenwechsler Hansen

Gegenwind und Aufwind

Von Kerstin Schwenn

08. Mai 2008 Als gebürtiger Husumer ist Norbert Hansen Gegenwind gewohnt. Die knappe Mitteilung, er werde als Vorsitzender der Bahngewerkschaft Transnet zurücktreten, um Arbeitsdirektor bei der Deutschen Bahn zu werden, hat den Wind nun kräftig auffrischen lassen. Hämische Reaktionen auf den Seitenwechsel im Zuge des bevorstehenden Bahn-Börsengangs ließen nicht lange auf sich warten. Die Linke wirft dem SPD-Mitglied Hansen vor, für ihn gehe „Eigennutz vor Gemeinnutz“. Mit „windelweichen Formulierungen“ zur Beschäftigungssicherung habe sich Hansen eine gute Ausgangsposition geschaffen, um als Personalvorstand den Renditeinteressen der Aktionäre einer privatisierten Bahn Rechnung zu tragen.

Gregor Gysi formuliert: „Was Hartz bei VW war, wird Hansen jetzt bei der Bahn.“ Und der FDP-Politiker Rainer Brüderle ätzt: „Unabhängig von Herrn Hansens Qualifikationen sieht das sehr nach Kungelei und alter Deutschland AG aus. Der Vertreter der Monopolgewerkschaft wird offensichtlich belohnt. Man kann nur hoffen, dass die Bahn jetzt nicht das gescheiterte VW-Konstrukt übernehmen will.“ Das Bündnis „Bahn für alle“ klagt schließlich, das Transnet-Mitglied Hans-Gerd Öfinger zitierend: „Hansen hat unsere Gewerkschaft als Karrieresprungbrett missbraucht und mit seinem Verhalten der Transnet und allen DGB-Gewerkschaften schweren Schaden zugefügt.“

Hansen hat im DGB keinen leichten Stand

„Von vorn“ ist für Hansen seit Jahren die bekannte Windrichtung. Im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) hat der pragmatische Norddeutsche, der in Hamburg lebt, keinen leichten Stand. Die Gewerkschaft Verdi, die sich in Verkehrsfragen nicht den Rang streitig machen lassen will, hatte sich immer gegen eine Bahnprivatisierung ausgesprochen und im DGB diese Linie durchgesetzt. Der Konflikt wurde dadurch verschärft, dass sich Transnet und die Beamtengewerkschaft GDBA in der Tarifgemeinschaft angenähert haben - auch für den Deutschen Beamtenbund Grund für Argwohn. Der Dauer-Druck aus den eigenen Reihen ist an Hansen nicht spurlos vorübergegangen. Die frühere Jungenhaftigkeit ist fast ganz verschwunden - auch wenn er noch den kleinen Ohrstecker trägt und Harley Davidson fährt.

Der 55 Jahre alte Hansen, Vater zweier erwachsener Kinder, arbeitet seit seinem 15. Lebensjahr bei der Bahn. Als Jungwerker fing er an, erst als Rangierer, später am Schalter, seit 1979 als Gewerkschaftsfunktionär, seit 1999 an der Transnet-Spitze. Aus Einsicht in die Notwendigkeit, private Mittel mobilisieren zu müssen, um die Bahn im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu erhalten, unterstützte der oberste Arbeitnehmervertreter von Beginn an den Privatisierungskurs von Bahnchef Hartmut Mehdorn. Seine eigene Gewerkschaft folgte ihm, auch wenn an der Basis nicht selten ein Murren zu vernehmen war. Die Zurückhaltung, die die Bahn ihren 240.000 Mitarbeitern in den Jahren der Sanierung zumutete, konnte er vermitteln - allerdings am Ende nur in begrenztem Maße, wie der zermürbende Tarifkonflikt des zurückliegenden Jahres belegt. Dieser Konflikt hat Hansen in den Augen vieler Eisenbahner als Verlierer aussehen lassen. Schließlich konnte der Chef der Konkurrenzgewerkschaft GDL, Manfred Schell, für seine Lokführer eine höhere Entgelterhöhung aushandeln.

„Wir machen bei der Bahn nichts, was Norbert nicht will“

Die Transnet musste deswegen Mitglieder zur GDL ziehen lassen. Eine bittere Erfahrung für Hansen, der sich immer als moderater Gewerkschaftsführer verstand, mehr als Gefährte des Arbeitgebers denn als Gegenspieler. Diese Haltung hat ihm den Vorwurf eingebracht, er übe einen zu engen Schulterschluss mit dem Bahnvorstand. Doch Hansen hat sich auf die Rolle als „Mehdorns Männerfreund“ nie festlegen lassen. Er handelte eben mal wie ein Gewerkschaftsführer, mal wie der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende eines internationalen Logistikkonzerns - eine Funktion, die er auch seit Jahren innehat.

Aufsichtsratschef Werner Müller soll ihm nun den neuen Posten angetragen haben, nicht zuletzt auf Drängen der SPD. Dort zählt Hansens Wort zur Bahn viel. Nicht von ungefähr ließ sich Fraktionschef Peter Struck mit dem Satz vernehmen: „Wir machen bei der Bahn nichts, was Norbert nicht will.“

Für Hansen hat sich der Gegenwind also in einen Aufwind gedreht. Als Bahn-Vorstand wird er alles daran setzen, dass Beschäftigungssicherung auch nach der Teilprivatisierung kein Fremdwort ist, obwohl Investoren auf Rendite in der Verkehrssparte dringen. Der „konzerninterne Arbeitsmarkt“ soll trotz der neuen Aufteilung des Konzerns erhalten bleiben. Hansen wird sich dann voraussichtlich mit dem Bahn-Personalvorstand Margret Suckale abstimmen müssen, die wohl nach dem Börsengang das Personalressort der teilprivatisierten Verkehrsgesellschaft übernehmen wird.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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