Kampf um TUI

Willkommen im Wunderland

Von Hendrik Ankenbrand und Johannes Ritter

12. Juli 2008 Tor Olov Trøim wundert sich: „Was haben wir denn getan? Wir haben 1,2 Milliarden Dollar in die TUI AG investiert. Ist da was Falsches dran? Wenn jemand zu uns käme mit so viel Geld, würden wir ,danke' sagen. Wir jedoch werden aufgefordert, schleunigst wieder nach Norwegen oder Zypern zurückzukehren.“

Zypern. Dort, in Limassol, residiert die Monteray Enterprises Ltd. Über dieses Unternehmen hat Trøims Geschäftspartner, der Norweger John Fredriksen, 15 Prozent der TUI gekauft. So mild und angenehm das (Steuer-)Klima in Fredriksens Wahlheimat auch sein mag: Seit dem Einstieg der Wikinger weht dem TUI-Vorstandsvorsitzenden Michael Frenzel ein eisiger Wind ins Gesicht. Fredriksen will den dienstältesten Vorstandschef unter den 30 Dax-Unternehmen aus dem Amt jagen - lieber heute als morgen: „Herr Frenzel hat 14 Jahre lang nicht das geliefert, was er versprochen hat. Er hat klar bewiesen, dass er für diesen Job nicht qualifiziert ist“, urteilte Trøim jüngst im Gespräch mit der F.A.Z.

Michael Frenzel wundert sich auch

Trotz der scharfen Attacken wundert sich Trøim darüber, dass Frenzel nicht den Dialog sucht mit seinem größten Anteilseigner, obwohl er dies doch auf der Hauptversammlung versprochen habe. Dies kontrastiere scharf mit dem regen Austausch, den Frenzel mit Alexej Mordaschow pflege, dem zweitgrößten TUI-Aktionär. „Fragen Sie mal, wie oft Herr Frenzel in den vergangenen vier Wochen in Moskau war. Und dann fragen Sie mal, wie oft er in dieser Zeit Herrn Fredriksen gesehen hat“, echauffiert sich Trøim.

Michael Frenzel wundert sich auch. Schließlich macht er doch gerade das, was Fredriksen vehement gefordert hat: Er stellt die Weichen für die Trennung von Hapag-Lloyd. Und das, obwohl er die Container-Reederei doch so gerne behalten würde als eine Hälfte seiner - gescheiterten - Zwei-Säulen-Strategie aus Reise und Schifffahrt. Die Schwierigkeit dabei ist: Frenzel und Fredriksen haben unterschiedliche Vorstellungen, auf welche Art die Trennung erfolgen soll. Der TUI-Vorstand will Hapag-Lloyd meistbietend verkaufen und den Erlös zur Rückführung der gewaltigen Schuldenlast sowie für Investitionen in das Reisegeschäft nutzen. Der norwegische Milliardär plädiert hingegen für einen Spin-off, der im Ergebnis dazu führen würde, dass jeder Aktionär zusätzlich zu seinen TUI-Anteilen auch Hapag-Lloyd-Aktien erhält.

Eine öffentliche Reaktion wäre einer „Dragon Lady“ unwürdig

Doch der Verkaufsprozess läuft längst. Am 21. Juli müssen die Interessenten ihre ersten Gebote abgeben. Ganz vorn dabei: die Reederei NOL, die siebtgrößte Reederei der Welt, die vom Singapurer Staatsfonds Temasek getragen wird. Dessen Chefin Ho Ching staunt - im Stillen. Bevor NOL überhaupt ein Angebot für Hapag-Lloyd abgegeben hat, schlägt ihr aus Deutschland tiefe Abneigung entgegen. Doch eine öffentliche Reaktion wäre einer echten „Dragon Lady“ unwürdig.

Unter diesem Etikett haben die hiesigen Zeitungsleser die Chefin des Singapurer Staatsfonds und NOL-Mutterkonzerns Temasek in den vergangenen Wochen das Fürchten gelehrt. Der Liebhaber von ressentimentbeladenem Fernost-Gemetzel aus den Filmfabriken Hollywoods erkennt die asiatische „Dragon Lady“ leicht an ihrer verführerischen und zugleich verschlagenen Art. Der Lotusblüte gleich weckt ihre vorgebliche Zartheit, Anmut und Exotik des Mannes heißblütiges Begehren, was von der „Dragon Lady“ in intriganter und verräterischer Weise ausgenutzt wird. Bis dahin bleiben die gruseligen Charakterzüge verborgen, was in den Augen Hamburger Wirtschaftspolitiker gut zu Ho Ching passt.

Was will die „drittmächtigste Frau der Welt“?

Gerade dass man der öffentlichkeitsscheuen Gattin des Singapurer Stadtstaatschefs Lee Hsien Loong aufgrund der nur spärlich bekannten Details auf persönlicher wie auf geschäftlicher Ebene weder Gut- noch Bösartigkeit nachweisen kann, bereitet Sorge. Was will die „drittmächtigste Frau der Welt“ (Forbes), unter deren Führung sich Temasek mit staatlichem Vermögen im vergangenen Jahr für 4,4 Milliarden Dollar bei der amerikanischen Investmentbank Merrill Lynch eingekauft hat? Wird sie Hapag-Lloyd das Herz, die Verwaltung samt hochmodernem Computer-Logistiksystem, herausreißen und nach Singapur verpflanzen?

Genau davor hat Dieter Lübkemann Angst. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Hapag-Lloyd denkt an die 2000 Mitarbeiter in Hamburg, an die Ausbildungsstellen, die Zukunft. Wenn NOL den Zuschlag erhält, glaubt Lübkemann, ist Hapag-Lloyd schon so gut wie in Singapur. Also haben Betriebsräte im Hamburger Hafen ein Protesttransparent aufgehängt. Im Gegensatz zu Lübkemann sind die meisten der eher konservativ geprägten mittleren Angestellten der Hapag-Lloyd-Verwaltung keine Gewerkschaftsmitglieder, deshalb lässt die Protestbeteiligung nach Lübkemanns Geschmack anfangs zu wünschen übrig. Doch je öfter der Name NOL in der Presse zu lesen ist, desto mehr wächst das Unbehagen. Anfang Juli bringt die Belegschaft geschlossen den Verkehr vor der Firmenzentrale an der Hamburger Außenalster zum Erliegen. „Vielleicht müssen wir auch mal vors Rathaus ziehen“, überlegt Lübkemann.

„Wir werden nicht tatenlos zusehen, wenn Gefahr in Verzug ist“

Wenige Tage danach reibt er sich verwundert die Augen: Die Betriebsräte dürfen im Inneren des Hamburger Regierungssitzes auf 100 Jahre altem Leder Platz nehmen. Im holzgetäfelten Phönixsaal unterschreibt Lübkemann an der Seite vom Wirtschaftssenator einen Vertrag zur Abwehr ausländischer Investoren. Die Hansestadt, steht dort zu lesen, werde eine solche Übernahme von Hapag-Lloyd als „unfreundlichen Akt“ bewerten. Das ist eine Drohung gegen die „Dragon Lady“ Ho Ching. Wenige Tage später legt dann der Hamburger Finanzsenator Michael Freytag (CDU) nach: „Wir werden nicht tatenlos zusehen, wenn Gefahr in Verzug ist.“ Hamburg will sich an einem Kauf von Hapag-Lloyd mit einer dreistelligen Millionensumme beteiligen. Jetzt wüssten die Interessenten, „dass sie gegen die Stadt Hamburg bieten“, poltert Freytag. „Aktive Industriepolitik“ nennt man in Hamburg diese abermalige ordnungspolitische Sünde. Vom Nivea-Hersteller Beiersdorf kaufte die Stadt vor Jahren 10 Prozent für 1,1 Milliarden Euro, die sie später mit Gewinn wieder abstieß. Am Flugzeugbauer EADS erwarb Hamburg ebenso Anteile wie an der Kupferhütte Norddeutsche Affinerie.

Von der lokalen Unternehmerschaft hat Hamburg deswegen keinen Ärger zu erwarten - kämpft man um Hapag-Lloyd in der „Hamburger Lösung“ doch gemeinsam. Gebastelt hat das Konsortium bieterwilliger Hamburger Kaufleute und Reeder der Logistikunternehmer Michael Kühne, der bis zu einem Viertel von Hapag-Lloyd kaufen will, weil eine ausländische Übernahme eine „Katastrophe“ wäre. Kühne kann nichts so leicht überraschen, eher wundern sich die Leute umgekehrt über den wortgewaltigen Patrioten, dessen Vater 1969 den Sitz der familieneigenen Firma Kühne + Nagel in die steuerparadiesische Schweiz verlegt hat.

Das Marktumfeld hat sich eingetrübt

Wer setzt sich durch? Das Marktumfeld in der Container-Schifffahrt hat sich eingetrübt. Die Weltkonjunktur schwächelt, die Treibstoffkosten erreichen immer neue Höhen. Die Politik stänkert gegen ausländische Bieter. Und Fredriksen droht mit einer Verkaufsblockade. All dies könnte dazu führen, dass die Angebote für Hapag-Lloyd niedriger ausfallen als erwartet. Für einen Preis unterhalb von 4 Milliarden Euro wird Frenzel seine Hamburger Perle wohl nicht hergeben. Kommt es in einem solchen Fall automatisch zum Spin-off? Nein. Denn dafür ist eine Dreiviertelmehrheit der Hauptversammlung erforderlich. Und die ist gegen Frenzels russische, spanische, ägyptische und marokkanische Reisefreunde im Aktionärskreis nicht zu schaffen.

Es sei denn, Fredriksen gelingt es, eine Schneise in Frenzels Verteidigungslinie zu schlagen und Gegenspieler auf seine Seite zu ziehen. Am ehesten könnte ihm dies in Russland gelingen: Der Stahlmilliardär Mordaschow ist zwar im Touristikgeschäft mit Frenzel verbandelt. Aber warum sollten diese Verträge nicht auch nach einer Aufspaltung des Konzerns fortbestehen? Fredriksen und Mordaschow sprechen jedenfalls miteinander. Regelmäßig.

Überlebenskünstler Frenzel beweist starke Nehmerqualitäten

Sollte ein Verkauf tatsächlich nicht klappen und sich eine Abspaltung anbahnen, könnte vielleicht eine neue Allianz entstehen. Fredriksen hat schon vor Wochen versucht, Kühne in sein Boot zu ziehen. Er hat ihm vorgeschlagen, TUI-Aktien zu kaufen, um anschließend gemeinsam eine Aufspaltung durchzuboxen. Doch Kühne winkte ab, weil er sich nicht offen gegen das TUI-Management stellen wollte. Wenn der Verkauf aber scheitert und es eines Tages darum geht, sich an einer abgespaltenen Hapag-Lloyd zu beteiligen, könnten Kühne und seine Kaufleute ihre Haltung durchaus ändern. Er sei bereit, an jeder konstruktiven Lösung mitzuwirken, gab Kühne am Mittwoch vielsagend zu Protokoll. Auch die Stadt Hamburg könnte sich auf diesem Umweg noch bei der ach so schützenswerten Reederei engagieren. Eingeladen hat Trøim den Stadtstaat schon. Fredriksen würde gerne 15 bis 40 Prozent von Hapag-Lloyd übernehmen. Allzu viel Geld müssten Kühne und seine Hamburger dann also gar nicht in die Hand nehmen, um gemeinsam mit den Norwegern die Aktienmehrheit an dem Traditionshaus zu halten.

Doch noch liegt diese Option gar nicht auf dem Tisch. Der TUI-Aufsichtsrat hat sich am Donnerstag klar hinter Frenzels Verkaufskurs gestellt. Solange die angriffslustigen Norweger nicht die Mehrheit der TUI-Aktien hinter sich versammeln, werden sie diesen Kurs auch nicht ändern können. Dank der erstaunlichen Rückendeckung seiner Aufseher beweist Überlebenskünstler Frenzel weiterhin starke Nehmerqualitäten. Kritik perlt an ihm ab; er scheint das Ganze aussitzen zu wollen. Wenn ihm zwischendurch alles zu bunt wird, kann er ja mal ausspannen, in Zypern zum Beispiel: Le Meridién Limassol, Doppelzimmer mit Meerblick ab 126 Euro pro Person. Zu buchen bei TUI. Schöne Ferien!



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, REUTERS

Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 5.326,63 -1,12
TecDax 573,04 -5,15
DowJones 9.940,53 -0,15
Nasdaq 1.845,93 -0,91
STOXX 50 2.878,82 +0,22
Nikkei 225 10.155,90 -3,03
S&P 500 Zert. 10,50 -1,78
Euro/Dollar 1,36 +0,89
Bund Future 117,17 +0,16
Gold 879,30 +2,04
Öl 85,76 -1,06
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