Conti wechselt den Eigentümer

Zwei Tage und zwei Nächte

Von Henning Peitsmeier und Carsten Knop

Am Ende ging alles ganz schnell

Am Ende ging alles ganz schnell

21. August 2008 Es ist schon nach ein Uhr nachts, als die Mitteilung aus Hannover in alle Welt geschickt wird: „Continental schließt weitreichende Investorenvereinbarung mit Schaeffler“, sind die drei Seiten überschrieben, die einer Kapitulation gleichkommen. Und allein die Uhrzeit der Pressemeldung aus dem Hause Continental verrät, dass bis tief in die Nacht verhandelt worden ist. Stundenlange Beratungen im Sitzungsraum „Herrenhausen“ im vierten Stock der Conti-Zentrale in Hannover-Vahrenwald hat es oft gegeben in den zurückliegenden fünf Wochen.

Doch ein einziges persönliches Treffen am vergangenen Dienstag zwischen Conti-Chef Manfred Wennemer und dem Angreifer Jürgen Geißinger, dem Geschäftsführer der Schaeffler-Gruppe hat gereicht, um die Weichen in Richtung Übernahme zu stellen. Bevor an diesem Donnerstag die Öffentlichkeit von der Vereinbarung erfuhr, gingen noch Sitzungen des Conti-Aufsichtsrats voraus – und unzählige Treffen aller möglichen Berater.

Eklat vor der Sitzung des Kontrollgremiums

Kurz vor der Sitzung des Conti-Kontrollgremiums am vergangenen Mittwoch hatte es noch einen Eklat gegeben. Da hatte der Conti-Aufsichtsratsvorsitzende Hubertus von Grünberg Wennemer vorgeschlagen, doch künftig gemeinsam mit ihm, seinem Stellvertreter, dem Gewerkschafter Werner Bischoff, und dem Schaeffler-Management über eine mögliche Einigung zu verhandeln. Das war für Wennemer ein Affront – eine solche Entscheidung wäre Wennemers vorzeitige Entmachtung gewesen. Doch schon vor Wochen hatte Grünberg seine Haltung klar formuliert: „Für mich ist es das Wichtigste, dass sich Conti in dieser Lage so schnell wie möglich wieder auf die operativen Aufgaben konzentriert“, sagte er in einem Interview. „Die Situation ist schwierig genug: die Kostenexplosion bei den Rohmaterialien, die Krise der amerikanischen Autoindustrie, nicht zuletzt die Integration von Siemens VDO – so ein Ding haben wir noch nicht vor der Brust gehabt. Ein derartiges Übernahmeangebot lenkt den Vorstand zu sehr ab.“

In der Aufsichtsratssitzung in der vergangenen Woche setzte sich Wennemer zwar doch damit durch, gemeinsam mit seinem Finanzvorstand Alan Hippe weiterverhandeln zu dürfen. Aber sein Mandat wurde eng begrenzt. Das Ziel einer Einigung mit den Schaefflers wurde überdeutlich. Und keines der Folterinstrumente, die Wennemer zur Abwehr des Übernahmevorstoßes ersonnen hatte wurde erwähnt. Noch nicht einmal die Möglichkeit der Einberufung einer außerordentlichen Hauptversammlung wurde angekündigt.

Wennemer und Hippe haben am Dienstag aufgegeben

So saßen sich Wennemer und Hippe auf der einen und Schaeffler-Geschäftsführer Jürgen Geißinger sowie sein Finanzvorstand auf der anderen Seite dann am Dienstag gegenüber – und erzielten bis zum späten Abend die Einigung, über die am Mittwoch in Hannover entschieden werden konnte. Damit steht fest: Wennemer und Hippe haben den Abwehrkampf am Dienstag aufgegeben. Mit ihnen haben auch die Berater einen Übernahmekampf verloren, der nur schwer zu gewinnen war. Allen voran die Investmentbank Goldman-Sachs um Vorstand Alexander Dibelius war es nicht gelungen, eine Abwehrmauer zu errichten.

Durch die Hintertür hatte sich Schaeffler ein riesiges Aktienpaket gesichert. Der Trick: Im Auftrag von Schaeffler steuerte Merrill Lynch eine ganze Reihe von Banken, mit deren Hilfe Schaeffler der Einstieg bei Conti gelang. Das war rechtlich umstritten, aber am Tag der Nachricht über die Einigung zwischen Conti und Schaeffler gab auch die zuständige Aufsichtsbehörde Bafin ihren Segen: Sie konnte keine Verletzung von Meldepflichten feststellen.

„Ein Zeichen der Kontinuität im Wandel“

Am Tag der Einigung überwog dann auf alles Seiten die Erleichterung – in den beteiligten Unternehmen, in der Autoindustrie und auch in der Politik. „Ich bin optimistisch, dass der Einstieg eines langfristig orientierten Investors aus der gleichen Brache gut für die weitere Unternehmensentwicklung der Continental AG sein kann und zu einer Stabilisierung beiträgt“, sagt Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU).

Continental, bekannt vor allem für sein Reifengeschäft und führend in vielen Bereichen moderner Automobiltechnik, bleibt zwar in den kommenden vier Jahren selbständig. De facto hat das 1871 gegründete Unternehmen seine Unabhängigkeit aber schon an diesem Donnerstag verloren. Von nun an hat der verschwiegene Familienkonzern Schaeffler mit Sitz in Herzogenaurach das Sagen in Hannover.

Inhaberin Maria-Elisabeth Schaeffler, ihr Sohn Georg und Schaeffler-Geschäftsführer Jürgen Geißinger übernehmen die Kontrolle über Conti. Wer unter ihnen die größte Beteiligung der Schaeffler-Gruppe führt, das entscheidet formaljuristisch noch der Conti-Aufsichtsrat. Heißer Anwärter auf den Posten, den Wennemer schon in neun Tagen abgibt, ist Karl-Thomas Neumann, auch Finanzvorstand Alan Hippe ist ein Kandidat. Schon in der kommenden Woche will der Conti-Aufsichtsrat diese wichtige Personalie klären und damit „ein Zeichen der Kontinuität im Wandel“ setzen, wie es in Hannover vorausschauend hieß. Hippe, 41 Jahre, und Neumann, 47 Jahre, stehen für eine neue Managergeneration. Insbesondere der Elektronikspezialist Neumann, der zuvor einige Jahre bei Volkswagen gearbeitet hat, genießt einen hervorragenden Ruf im Kundenkreis des niedersächsischen Automobilzulieferers.

Geißinger am Ziel

Und die Stimmen aus der Autoindustrie haben Gewicht: Nicht zuletzt waren es führende Manager der Autoindustrie, von VW-Chef Martin Winterkorn bis zum Daimler-Vorstandsvorsitzenden Dieter Zetsche, die sich früh für eine friedliche Einigung zwischen Conti und Schaeffler ausgesprochen haben. Die Haltung der Conti-Klientel erschwerte Wennemers Abwehrbemühungen.

Schaeffler-Geschäftsführer Geißinger ist nun am Ziel angekommen. Conti gibt dem Wälzlagerhersteller genau jene Expertise, die in der Autoindustrie in Zukunft am meisten gefragt ist. Mit elektronischen Systemen für Motor, Getriebe und Fahrwerk erzielt Conti hohe Margen im hart umkämpften Geschäft der Autozulieferer. Für Schaeffler, die in Hannover zu Beginn der Übernahmeschlacht abschätzig als „Blechbieger aus Franken“ bespöttelt wurden, ist Conti ein Stück Zukunft. Geißinger weiß das: „Damit schaffen wir die Voraussetzung für die Kombination zweier deutscher Technologieführer, die innovative Lösungen für die künftigen Herausforderungen der Automobilindustrie liefern wird.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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Übernahmekampf beendet

Conti und Schaeffler einig, Wennemer geht

Schaeffler kommt, Conti-Chef Wennemer geht

Ende einer Übernahmeschlacht: Schaeffler steigt bei Conti ein. Die Franken erhöhen ihren Angebotspreis deutlich und beschränken sich zunächst auf eine Minderheitsbeteiligung. Conti-Chef Wennemer geht - und der frühere Bundeskanzler Schröder soll die Wahrung der Conti-Interessen sicherstellen.

Chronologie

Schaefflers erfolgreicher Griff nach Conti

Der Übernahmekampf um den Autozulieferer Continental dauerte über Wochen an. Die wichtigsten Stationen seit Mitte Juli, als die Pläne der Franken öffentlich wurden.

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Der Schiedsrichter

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Gerhard Schröder ist nun Ombudsmann bei Continental. Die Arbeitnehmervertreter hatten einen „Garantor“ verlangt, der über die Einhaltung der von Schaeffler gemachten Zusagen wacht. Seine Ernennung stieß auf große Zustimmung. Von Henning Peitsmeier

Im Porträt: Maria-Elisabeth Schaeffler

Die Überzeugungstäterin

Maria-Elisabeth Schaeffler

Die Eigentümerin des Wälzlagerherstellers INA Schaeffler, Maria-Elisabeth Schaeffler, beherrscht den formvollendeten Auftritt. Zugleich ist sie eine gewiefte Taktikerin. Beides hat sie im Conti-Übernahmekampf erfolgreich unter Beweis gestellt. Von Thiemo Heeg

Im Porträt: Manfred Wennemer

Der Verlierer

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„Egoistisch, selbstherrlich, verantwortungslos.“ Womöglich sind dem Conti-Chef diese drei Wörter zum Verhängnis geworden, haben ihn seinen Job gekostet. Es ist eine bittere Niederlage für Manfred Wennemer, der bisher das Siegen gewohnt war. Von Henning Peitsmeier

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Geißinger: „Wir verfolgen unsere Ziele mit langem Atem”

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Spindoktoren für den Übernahmekampf

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Wegen guter Voraussetzungen werden reiche Familien zunehmend als Unternehmenskäufer auftreten. Wenn es aber um die ganz großen Übernahmen geht, greifen Staatsfonds und Investoren aus den Schwellenländern zu.