Telekom, Lidl und HP

Die Vertrauensbrecher

Von Carsten Knop und Johannes Winkelhage

Vertrauensbrecher I: die Telekom

Vertrauensbrecher I: die Telekom

31. Mai 2008 Kriminell werden Personen, nicht Unternehmen. Entweder sind es die Angeschlagenen, die aus einer Position der Schwäche nach Auswegen aus ihrer verfahrenen Position suchen - und dabei zu unlauteren Mitteln greifen. Schwach war zum Beispiel der einstige Telekom-Vorstandsvorsitzende Kai-Uwe Ricke, als während seiner Amtszeit Journalisten und eigene Manager bespitzelt wurden. In die Ecke getrieben war auch die frühere Verwaltungsratsvorsitzende des Computerherstellers Hewlett-Packard, Patricia Dunn, als sie in den Vereinigten Staaten Ähnliches geschehen ließ.

Es gibt auch diejenigen, die sich aus zu großer Selbstgewissheit und vermeintlicher Allmacht über Gesetze hinwegsetzen, die sie für sich selbst nur als Marginalie empfinden, weil die Verstöße doch einem höheren Ziel dienen. So stark wähnte sich offenbar der frühere Telekom-Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Zumwinkel. Oder auch die Führung des Lebensmittelfilialisten Lidl. Den Managern, die das ausgefeilte Schmiergeldsystem von Siemens ersonnen haben, war geltendes Recht ebenfalls gleichgültig. Man arbeitete schließlich für den größten deutschen Industriekonzern.

Wichtige Gespräche lieber auf dem Hof statt im Büro

Vertrauensbrecher II: Lidl

Vertrauensbrecher II: Lidl

Lange bevor die erste Zeile über alle diese Skandale geschrieben worden ist, hätte aber wohl jeder Wirtschaftsjournalist vermutet, dass solche Nachrichten am ehesten einmal vom Automobilhersteller Volkswagen kommen würden. Dort hieß es von ehemaligen Mitarbeitern immer wieder, man habe wichtige Gespräche lieber auf dem Hof statt im Büro geführt. Denn, so raunten sich VW-Angestellte zu, der Konzernsicherheit seien sogar Abhörmethoden zuzutrauen. Der starke Vorstandsvorsitzende von damals, Ferdinand Piëch, ist heute der allmächtige Vorsitzende des Aufsichtsrats. Die Sache hat einen Haken: Das Stadium der Gerüchteküche haben diese Unterstellungen nicht verlassen. Und mehr Verwertbares als die „Babyphon“-Affäre, den plumpen Abhörversuch des Zimmers des Porsche-Vorstandsvorsitzenden und VW-Aufsichtsratsmitglieds Wendelin Wiedeking in einem Wolfsburger Luxushotel, haben Ermittler nicht in der Hand. Dafür mussten sich Richter und Staatsanwälte intensiv mit strafrechtsrelevanten Lustreisen des VW-Betriebsrats beschäftigen.

Bevor in Deutschland etwas passierte, war es denn auch der amerikanische Computerkonzern Hewlett-Packard (HP), der durch Spitzelmethoden gegenüber Journalisten unangenehm auffiel - und dafür gerichtlich zur Rechenschaft gezwungen worden ist. In dem Skandal um die interne Untersuchung eines Informationslecks in Aufsichtsratskreisen im Zusammenhang mit dem Ausscheiden der früheren Vorstandsvorsitzenden Carly Fiorina hatten private Ermittler seite Ende 2004 unter anderem Journalisten mit fragwürdigen Methoden ausgeforscht. Die Reporter, darunter Angestellte der „Business Week“, der „New York Times“ sowie „Cnet-News“, und einige ihrer Angehörigen hatten HP daraufhin verklagt. Mit drei Journalisten der „Business Week“ sowie der „New York Times“ hat sich das Unternehmen erst im Februar auf einen Vergleich geeinigt.

Auch Hewlett-Packard ließ Journalisten bespitzeln

Die Affäre war durch eine interne Untersuchung im Auftrag der damaligen Verwaltungsratsvorsitzenden Patricia Dunn ausgelöst worden. Die Ermittler sollten herausfinden, wie Informationen aus dem Gremium an die Presse gelangt waren. Im Rahmen der von HP-Managern gesteuerten Untersuchung hatten sich Privatdetektive unter Angabe falscher Identität die Telefondaten von Journalisten und HP-Mitarbeitern verschafft. Detektive erschlichen sich unter falschem Namen die Telefondaten der Betroffenen, durchsuchten sogar deren Müll. Als Putzpersonal verkleidete Ermittler sollten in den Redaktionsbüros spitzeln - was allerdings nicht passierte. Die Affäre kostete Dunn und weitere hohe Manager des Konzerns schließlich den Arbeitsplatz. Ein Verfahren im amerikanischen Bundesstaat Kalifornien legte das Unternehmen mit einer Millionenzahlung bei.

„Das war ein Affront für die freie Presse“, sagte der Anwalt der Journalisten, die nun dem Vergleich zugestimmt haben. Dem Unternehmen habe nicht gepasst, was in der Presse geschrieben wurde, und so habe man versucht, die Quellen der Journalisten zu enttarnen. In Deutschland schien so etwas unvorstellbar zu sein.

Zwar ist jedem Journalisten bewusst, dass über ihn bei entsprechender Bedeutung in den meisten Unternehmen, mit denen er zu tun hat, Informationen zu seinem Lebenslauf und seiner bisherigen Berichterstattung gesammelt werden. Und wenn es die Unternehmen nicht selbst tun, können sie sich diese Informationen von einschlägigen Beratungsunternehmen zuliefern lassen. Von einer Verletzung von Persönlichkeitsrechten oder der Pressefreiheit kann in einem solchen Fall aber keine Rede sein.

Vertrauensbrecher III: Hewlett-Packard

Vertrauensbrecher III: Hewlett-Packard

Um Persönlichkeitsrechte hat sich in Deutschland dann aber der Einzelhändler Lidl besonders wenig geschert - und das in ganz großem Stil: Lidl hat mehr als 500 seiner rund 2700 Filialen in Deutschland von Detektiven überwachen lassen, wohl vor allem, um Diebstähle durch Mitarbeiter aufzudecken. Nicht weniger als 30 rechtlich selbständige Regionalgesellschaften hatten Überwachungsaufträge an Detekteien vergeben. Die baden-württembergischen Datenschützer untersuchen zur Zeit, ob Lidl mit Sitz in Neckarsulm wegen der Bespitzelungsaffäre möglicherweise ein Bußgeld zahlen muss; Verstöße gegen das Bundesdatenschutzgesetz können mit Geldstrafen von bis zu 250.000 Euro geahndet werden.

Es bleiben die frühen Morgenstunden für ein Treffen

Der Telekom schließlich war dann auch die Pressefreiheit gleichgültig. Möglicherweise lässt sich gerade dieser Spitzelskandal mit der Persönlichkeitsstruktur der beiden Manager erklären, die sich nun mit staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen auseinandersetzen müssen. Der eine, Klaus Zumwinkel, fühlt sich sicher, weil er ohnehin der starke Mann ist. Der andere, Kai-Uwe Ricke, lässt die Dinge geschehen, weil er angeschlagen ist. Könnte es so gewesen sein?

Dazu zwei Rückblenden: Es ist spät geworden in den Davoser Bergen; die Ausschweifungen des Vorabends sind Zumwinkel noch anzusehen, als sich der damalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Post am frühen Morgen des 29. Januar im Jahr 2005 im Hotel Morasani Schweitzerhof mit einigen Journalisten zum Frühstück trifft. Der Termin wurde während des Davoser Weltwirtschaftsforums kurzfristig angesetzt. Es bleiben nur die frühen Morgenstunden für ein Treffen. Das eigentliche Thema soll das Briefmonopol sein. Einen wirklich aktuellen Anlass gibt es aber nicht. Außer der Tatsache, dass auch ein Klaus Zumwinkel in Davos ist. Die Person ist die Nachricht, und die hat keine Scheu vor der Presse. Wenn sie ihm denn nützt.

Der starke Zumwinkel und der schwache Ricke

Hier zeigt sich einer, der gewinnen kann - die Nummer eins bei der Post und seit 2003 Chefaufseher der Telekom. Und heute steht er zweifach unter Verdacht: Eine private Steueraffäre hat ihn beide Posten gekostet; seit Donnerstag dieser Woche ermittelt die Bonner Staatsanwaltschaft in einem zweiten Fall gegen Zumwinkel. Hat er die Ausspähungen der Telekom angeordnet? Gedeckt? Oder toleriert? Hat er von der kolportierten Ausforschung von Bankdaten, von Bewegungsprofilen und den schmutzigen Methoden der Telekom-Schnüffler gewusst?

„Nachdem er Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Telekom wurde, war Zumwinkel wieder Chef aller Unternehmen der ehemaligen Deutschen Bundespost. Von da an bis zum Ende seiner Karriere näherte er sich in der Selbsteinschätzung immer mehr einem allmächtigen, gleichsam gottähnlichen Zustand“, beschreibt ein hochrangiger, ehemaliger Telekom-Manager den damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden.

Anderthalb Jahre später in Bonn: Am 28. Juni 2006 empfängt Kai-Uwe Ricke Journalisten zum vertraulichen Hintergrundgespräch. Irgendwo an anderer Stelle in der Telekom laufen zur selben Zeit die Aktivitäten zur Bespitzelung von Aufsichtsräten - und von Journalisten. Treffpunkt ist die Konzernzentrale. Ricke residiert in dem Büro, in dem früher schon Ron Sommer saß. Es ist immer noch derselbe große Raum. Derselbe Tisch. Er ist fast quadratisch, groß, glatt und kalt.

Hat Zumwinkel die Spitzelei angeordnet? Gedeckt? Toleriert?

Ricke sitzt dort, gezeichnet von den Querelen der vergangenen Monate. Die Telekom verliert Kunden - jeden Monat mehr. Ricke möchte über Regulierung reden, möchte argumentieren, die Telekom als geschundenes Unternehmen darstellen. Der Stil ist ungewöhnlich für ihn. Das Gespräch tritt auf der Stelle. Zeitweise wirkt Ricke abwesend. Es ist spürbar, dass ihm der Streit im Vorstand zusetzt. Der gleicht damals einem Hühnerhaufen, in dem jeder Provinzfürst machte, was er wollte. Walter Raizner und René Obermann, stellvertretend für Festnetz und Mobilfunk, lieferten sich lautstarke Duelle - die Ricke nicht unterbunden hat. An allen Ecken und Enden wurde Rickes Position durch Indiskretionen untergraben. Gleich mehrere seiner Vorstandskollegen haben an seinem Stuhl gesägt - öffentlich und oft unwidersprochen.

Ricke wirkt Mitte 2006 kraftloser als sonst. Auch sein Umgang mit den Medien hat sich deutlich verändert. Der war zu Beginn seiner Amtszeit im Jahr 2002 offener. Später trifft er die Medien immer seltener, betrachtet die Berichterstattung mit zunehmender Skepsis. Keine fünf Monate nach dem Treffen im Juni wird Ricke entlassen. Von Klaus Zumwinkel, der als Vollstrecker der Großaktionäre agiert. Welche Rolle spielt der schwache Ricke in der Spitzelaffäre? Hat er die Spitzelei der Telekom angeordnet? Gedeckt? Toleriert? Diese Fragen muss nun die Bonner Staatsanwaltschaft klären.

So unterschiedlich alle Fälle sind, so haben sie doch eins gemeinsam: Gesetze wurden gebrochen, hauseigene Regeln missachtet, egoistische Ziele vor die Sache der Unternehmen gestellt - und Vertrauen zerstört.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

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