Von Siegfried Thielbeer, Hannover
05. Juli 2005 Ebenso wie der VW-Vorstandsvorsitzende Pischetsrieder fordern auch die beiden Vertreter des Landes Niedersachsen im Aufsichtsrat von Volkswagen, Ministerpräsident Wulff (CDU) und Wirtschaftsminister Hirche (FDP), eine lückenlose Aufklärung des Schmiergeldskandals.
Wulff sagte am Dienstag, die Landesregierung teile die Sorge vieler Menschen über die Vorgänge, habe aber volles Vertrauen, daß der Vorstandsvorsitzende Pischetsrieder für Aufklärung sorgen werde. Nun müsse man erst die internen Prüfungsberichte und die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abwarten. An Spekulationen über Imageschäden wolle er sich nicht beteiligen. Er sei für Differenzierung und auch gegen eine allgemeine Debatte über die Rolle der Gewerkschaften oder die Mitbestimmung.
Vorgänge im Bereich von Herrn Hartz
Die Vertreter der Landesregierung, so fügte er hinzu, hätten auch nicht den Rücktritt des Personalvorstands Hartz angeregt oder gefordert. Aber dies bedeute auch nicht, so korrigierte Wulff eine Verlautbarung des Aufsichtsratsvorsitzenden Piech, daß irgend jemand vor Abschluß der Ermittlungen einen Persilschein bekommen könne. Und dann brachte Wulff, der sich betont zurückhaltend und neutral gab, doch den Namen von Peter Hartz noch einmal ins Spiel: Einige Vorgänge liegen im Bereich von Herrn Hartz.
Zuvor schon hatte Wulff die Vorwürfe des IG-Metall-Vorsitzenden Peters zurückgewiesen, er wolle Hartz und das ganze System der Mitbestimmung beschädigen. Peters sollte keinen Beitrag dazu leisten, daß aus Verfehlungen einzelner eine Debatte über Mitbestimmung und Gewerkschaften werde. Daran könne niemand ein Interesse haben. Wer jetzt der Regierung ein politisches Manöver unterstelle, sagte Wulff, müsse sich fragen lassen, ob er nach der Devise Haltet den Dieb vorgehe.
Bollwerke des Genossenfilzes
Dabei muß man nicht böswillig sein, wenn man mutmaßt, daß für Wulff und die CDU sich nun eine Gelegenheit zur Abrechnung mit dem System VW bietet, mit dem SPD, Gewerkschaften und Betriebsräte jahrelang gegen die CDU agiert hatten. Die Abteilung Sportförderung bei VW, für die der von VW weiterhin voll bezahlte SPD-Abgeordnete Viereck gearbeitet haben wollte, und die Abteilung Regierungskontakte hatten bei der CDU schon lange als Bollwerke des Genossenfilzes gegolten.
Und die CDU ärgerte es ungemein, daß VW-Personalvorstand Hartz als Kanzlerberater mit seinen Reformvorschlägen, mit denen er eine Halbierung der Arbeitslosigkeit bis zum Jahr 2005 vorausgesagt hatte, dazu beitrug, daß Schröder im Sommer 2002 doch wiedergewählt worden war. Wie kleinlich das politische Agieren des Betriebsrats unter seinem Vorsitzenden Volkerts schließlich wurde, mußte selbst der Landtagspräsident Gansäuer erfahren, für den der Betriebsrat bei dessen Antrittsbesuch bei VW keine Zeit hatte.
Nützlich für die Karriere des Kanzlers
Daß Schröder - der Autokanzler und Kanzler der Bosse - aufsteigen konnte, verdankte er nicht zuletzt seinem Engagement für VW sowie dem Engagement von VW für ihn. Selbstverständlich ist ein niedersächsischer Ministerpräsident, als Vertreter des größten Eigentümers, des Landes, auch im Aufsichtsrat, stets interessiert am Wohlergehen des größten Arbeitgeber des Landes.
Aber unter Schröder bekam diese Rolle des Ministerpräsidenten - oftmals durch Medienauftritte verstärkt - eine neue Qualität. Kaum ein neues Produkt, das VW entwickelte, kein neues Modell das vorgestellt wurde, ohne daß erst der Ministerpräsident, dann der Kanzler dabei war, am Steuer kurbelte oder sonstwie suggerierte, dies sei auch seine Leistung.
Parteipolitische Begünstigung
Umgekehrt steigerte die Präsenz des Politikers die mediale Aufmerksamkeit für das neue Produkt auch noch etwas, lag somit auch im Interesse der Autobauer. Unter dem für Kommunikation zuständigen Vorstandsmitglied Kocks dürfte aber die Grenze zur parteipolitischen Begünstigung, so jedenfalls die Einschätzung der CDU, um einiges überschritten worden sein.
Das zeigte sich im Kleinen, auch in der lokaler Wolfsburger Politik, wo Kocks aus dem Autokonzern heraus Wahlkampf gegen den CDU-Kandidaten Schnellecke machte und sich damals eben für jenen Viereck - wenn auch vergebens - eingesetzt hatte, ebenso wie im Großen, in der Landespolitik. Der gegenwärtige Ministerpräsident Wulff, der Schröder zweimal bei den Landtagswahlen unterlag, schrieb jedenfalls die zweite Niederlage der indirekten Förderung Schröders durch VW zu.
Roter Filz und die VW-Führung
Der Vorstandsvorsitzende Piech, eigentlich, wie es intern heißt, ein unpolitischer Manager, verdankte seine Karriere der Unterstützung der Betriebsräte, die völlig einseitig für die SPD engagiert waren. Niemand war deshalb letztlich überrascht, daß Piech Kocks lange gewähren ließ, bis schließlich Despektierlichkeiten gegen den neuen Chef Pischetsrieder zu seinem Ausscheiden führten.
Es kann kein Zweifel bestehen, daß Wulff und seine Anhänger sehr daran interessiert waren, die enge Verflechtung zwischen SPD, Betriebsräten und VW-Führung aufzubrechen und dem Autokonzern eine neutralere Rolle aufzuzwingen. Was Wulff über Piech denkt, kann man sich denken, auch wenn formal die Formen zwischen dem Aufsichtsratsvorsitzenden (Piech) und seinem Stellvertreter (Wulff) gewahrt bleiben.
Dabei mußte Wulff behutsam vorgehen, denn an einer Schädigung des VW-Konzern konnte er nicht interessiert sein. Gleiches gilt für Pischetsrieder, der sich zudem nur schrittweise von der Kontrolle des Aufsichtsratsvorsitzenden, der sein Vorgänger war, emanzipieren kann.
Ein Meisterstreich
Die CDU jedenfalls bereitete ihren Schlag monatelang vor, und kurz vor vergangenen Weihnachtspause, einer sonst nachrichtenarmen Zeit, gab es dann die ersten Veröffentlichungen. Die Vorgänge um die beiden SPD-Abgeordneten Viereck und Wendhausen wurden publik gemacht, wobei sich die Regierung natürlich zurückhielt. Die SPD Niedersachsens, die sich gerade von ihrer Wahlschlappe zu erholen begann, hatte ihre Raffke-Affäre am Hals. Der Fraktionsvorsitzende Gabriel bewunderte fast den Meisterstreich des Gegners.
Aber Gabriel war auch klar, daß das eigentliche Ziel Hartz und Kanzler Schröder selbst waren. Am Ende reichte es aber nicht gegen Hartz. Sollte es jetzt, kurz vor der neuen Bundestagswahl der reine Zufall gewesen sein, daß die neue Affäre losgetreten wurde?
Krumme Geschäfte
In der VW-Korruptionsaffäre gibt es eine Hauptverdachtslinie und diverse Nebenschauplätze. Im Mittelpunkt der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen stehen Helmuth Schuster und Klaus-Joachim Gebauer. Schuster war Personalvorstand der tschechischen VW-Tochtergesellschaft Skoda; Gebauer arbeitete in der VW-Personalabteilung. VW hat beide Manager fristlos entlassen und bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig angezeigt. Sie stehen unter dem Verdacht der Untreue und des Betrugs: Sie sollen Gelder, die VW respektive Skoda zugestanden hätten, auf Privatkonten umgeleitet haben. Schuster soll ein Geflecht von Tarnfirmen in Indien, Angola, Tschechien, Luxemburg und der Schweiz gesponnen haben. Vom Erfolg dieser Firmen - zum Beispiel in ihrer Rolle als Generalimporteur von Fahrzeugen aus dem VW-Konzern - wollten Schuster und seine Komplizen profitieren. Von Skoda-Zulieferern soll Schuster Schmiergelder gefordert haben.
Nach den bisherigen Erkenntnissen der Ermittler waren viele seiner "krummen Geschäfte" im Stadium der Anbahnung. Im Zusammenhang mit dieser Affäre ist der VW-Gesamtbetriebsratschef Klaus Volkert zurückgetreten. Volkert soll gemeinsam mit Schuster indirekt an einer Firma namens F-Bel beteiligt gewesen sein, die sich bei Skoda um einen Großauftrag beworben hatte. Dem Vernehmen nach hat F-Bel den Auftrag nicht bekommen. Allein der Versuch, auf diese Weise von Aufträgen des Konzerns zu profitieren, ist anrüchig.
Volkert soll zudem eine Liaison mit einer Brasilianerin gehabt haben. Dabei soll seine Geliebte mehrfach auf Kosten von VW nach Deutschland geflogen sein. Nach dem aktuellen Stand der Ermittlungen gibt es keine konkreten Hinweise, daß VW-Personalvorstand Peter Hartz in die Affäre verwickelt ist. Nicht auszuschließen ist, daß er den ein oder anderen Beleg im Zusammenhang mit Volkerts Liebesaffäre abgezeichnet hat. Deshalb muß Hartz möglicherweise schon bald zurücktreten. (rit.)
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb
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