29. Juli 2005 Innerhalb von wenigen Minuten hat Jürgen Schrempp, der Vorstandsvorsitzende des Daimler-Chrysler-Konzerns, am Donnerstag die Aktionäre des Stuttgarter Autoherstellers um Milliarden reicher gemacht: die Ankündigung, er werde zurücktreten, ließ den Kurs nach oben schnellen, wie es wohl keine seiner Taten in den zurückliegenden Jahren je geschafft hat. Der Wert des Konzerns stieg von 36 auf 40 Milliarden Euro.
Mindestens seit fünf Jahren gehören Rücktrittsforderungen zum Alltag des Jürgen Schrempp. Daß sie in der jüngeren Vergangenheit etwas leiser geworden waren, hängt wohl auch damit zusammen, daß niemand mehr daran glauben konnte, daß Schrempp noch gestürzt werden könnte: an allen wichtigen Positionen des Unternehmens, vor allem aber im Vorstand und Aufsichtsrat, hat er über die Jahre so viele Getreue plaziert, daß er sich seines Machterhalts sicher sein konnte.
Ich bin ein sehr glücklicher Mensch
Daß die amerikanische Zeitschrift "Business Week" Schrempp im Jahr 2004 zum "Schlechtesten Manager des Jahres" kürte, paßt ins Bild, ist aber in Schrempps Wahrnehmung wohl nicht mehr als eine Randnotiz. Kritiker des Vorstandsvorsitzenden werfen ihm seit langem vor, die Bodenhaftung verloren zu haben. Schrempp fand trotz der Anfechtungen genügend Anlässe, sich feiern zu lassen. Dazu gehört beispielsweise auch die Ernennung des gelernten Automechanikers an der Daimler-Spitze zum Professor durch den damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Erwin Teufel. Am Tag seiner Rücktrittserklärung wirkte Schrempp kein bißchen zerknirscht. "Um eine persönliche Anmerkung zu machen", sagte er am Donnerstag in der Telefonkonferenz, in der die Quartalszahlen des Unternehmens präsentiert wurden, "ich bin ein sehr glücklicher Mensch".
Schon als Schrempp in der Hauptversammlung vom 24. Mai 1995 zum Vorstandsvorsitzenden der damaligen Daimler-Benz AG gewählt wurde, war sein Ansehen ramponiert. Sein Name stand für die Entlassung von 16.000 Mitarbeitern bei der Luft- und Raumfahrt-Tochter Dasa, deren Chef er war. Von den 5,7 Milliarden Mark Verlust, die man seinem Vorgänger Edzard Reuter bei seinem Abgang anlastete, gingen tatsächlich fast 4,2 Milliarden Mark auf Schrempps Konto.
Mit Milliardenverlusten kokettiert
Doch Schrempp hatte bessere Karten als Reuter. Längst hatte sich herausgestellt, daß die Vision vom "Integrierten Technologiekonzern", die Reuter pries, wohl nicht in eine ertragreiche Zukunft führen würde. Seit Mitte der achtziger Jahre hatte Daimler zuerst MTU und Dornier gekauft, dann - gegen den Willen der Kartellwächter aber ausgestattet mit einer Ministererlaubnis - die größte deutsche Waffenschmiede MBB. Die daraus geformte Dasa ergänzte Schrempp durch den Kauf des niederländischen Flugzeugbauers Fokker Ende 1992, was den Konzern bis zur Insolvenz drei Jahre später 3,5 Milliarden Mark kostete. Ein Fehler übrigens, mit dem Schrempp später noch kokettierte: Er sei wohl der einzige Vorstandsvorsitzende eines großen Konzerns, der schon vor seiner Berufung so viele Milliarden in den Sand gesetzt habe.
Milliardenverluste verursachte auch der Elektrokonzern AEG, der bereits marode war, als Reuter 1985 den Einstieg wagte - mit 1,6 Milliarden Mark Kaufpreis die bis dahin größte Firmenübernahme der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Reuter hatte 1990 außerdem die Dienstleistungsgesellschaft Debis gegründet, zu der auch das bald wenig ertragreiche französische Softwarehaus Cap Gemini Sogeti gehörte. "Herr Schrempp, verkaufen Sie den ganzen Schrott", rief bei der Hauptversammlung vor zehn Jahren ein Kleinaktionär, der Edzard Reuters Reden von der Diversifizierung nicht mehr hören wollte.
Vom behäbigen Hersteller von Luxuskarossen zur Welt AG
Und Schrempp tat genau das: Konzentration aufs Fahrzeuggeschäft lautete sein Motto. Durch die Verkäufe all der von Reuter zusammengekauften Tochtergesellschaften mag der Stuttgarter Autokonzern über die Jahre weit über zehn Milliarden Euro erlöst haben. Größter Einzelposten dürften die 5,5 Milliarden Euro sein, die Daimler im Frühjahr 2000 von der Deutschen Telekom für die Hälfte am Debis Systemhaus bekam (heute T-Systems). Obwohl die Konzentration auf das Fahrzeuggeschäft logisch erschien, erntete Schrempp mit den Verkäufen immer wieder auch Kritik, weil es gelegentlich schien, als sei der Zeitpunkt auch am Geldbedarf des Konzerns orientiert. "Vielleicht hat Herr Schrempp Probleme, seine Bilanz darzustellen", meinte beispielsweise Joachim Dreyer, Vorstandschef der Telefongesellschaft Debitel, als diese an die Swisscom verkauft wurde: Die Debitel-Mittel könnten dazu dienen, die Probleme mit dem Smart zu kaschieren.
Der Konzentration auf das Fahrzeuggeschäft folgte bald der Wunsch, zur Nummer Eins der weltweiten Automobilindustrie zu werden mit nennenswerten Marktanteilen in allen wichtigen Regionen der Welt. Um aus dem behäbigen schwäbischen Hersteller von Luxuskarossen eine Welt AG zu formen, wagte Schrempp 1998 den großen Coup, die Fusion mit Chrysler, die als Hochzeit im Himmel gepriesen wurde. Drei Jahre später sah die Situation ausweglos aus: Daimler mußte den jetzt designierten Schrempp-Nachfolger Dieter Zetsche als Sanierer nach Amerika schicken. Ungeachtet der sich schon abzeichnenden Probleme kaufte Daimler sich Anfang 2000 in einer Nacht- und Nebel-Aktion bei Mitsubishi ein: "Es spricht sicher für sich, daß es schon beim dritten Treffen zwischen Herrn Kawasoe und mir zur Vertragsunterzeichnung gekommen ist", brüstete sich Schrempp über seine guten Beziehungen zum Mitsubishi-Vorstandsvorsitzenden. Letztes Frühjahr wäre der Manager beinahe über das Engagement bei dem mittlerweile skandalgeschüttelten japanischen Hersteller gestolpert. Nur massiver Widerstand im Vorstand überzeugte Schrempp davon, daß es besser sei, Mitsubishi den Geldhahn zuzudrehen.
Größter Kapitalvernichter aller Zeiten oder doch nicht?
Die Vision von der Welt AG unter der Führung des traditionsreichen deutschen Herstellers mit dem Stern kam am Kapitalmarkt durchaus an. Noch vor der Fusion mit Chrysler kletterte der Kurs der Daimler-Aktie auf die schwindelerregende Höhe von 105 Euro, ein Wert der nie wieder erreicht wurde. Mit Blick darauf wurde Schrempp auf den Hauptversammlungen der vergangenen Jahre als "größter Kapitalvernichter aller Zeiten" geziehen, ein Etikett, das er nicht akzeptiert. Wenn man die Entwicklung seit seinem Amtsantritt verfolge, sagt Schrempp, hätten die Aktionäre durch Kurssteigerungen und Dividendenzahlungen eine Rendite von sechs Prozent jährlich, rechnete er im Frühjahr, kurz vor seiner zehnten Hauptversammlung, vor.
Auch andere Erfolgsmeldungen wurden zum zehnjährigen Jubiläum als Vorstandsvorsitzender in Umlauf gebracht: In neun von zehn Jahren habe Daimler einen Konzerngewinn ausgewiesen, insgesamt 13 Milliarden Euro Dividende ausgeschüttet und einen Umsatz von 1,2 Billionen Euro erwirtschaftet. Dabei sei die Produktivität gewaltig gesteigert worden, der Umsatz pro Mitarbeiter habe von 169.000 auf mehr als 369.000 Euro zugenommen. Dabei hat Schrempp immer den Standort Deutschland hochgehalten, Milliarden wurden allein in den zurückliegenden zwei Jahren in Baden-Württemberg investiert. Und erst am Montag dieser Woche bekräftigte Schrempp gegenüber dem Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Erich Klemm den Willen, an dem im vergangenen Jahr unter großem öffentlichen Applaus geschlossenen Beschäftigungspakt festzuhalten - "ohne Wenn und Aber".
Warum geht Schrempp gerade jetzt?
"Daimler-Chrysler ist noch nicht am Ziel, aber auf dem richtigen Weg", schilderte Jürgen Schrempp am Donnerstag seine Sicht der Lage. Der Konzern habe eine gute Basis für das weitere Fortkommen. Warum aber geht Schrempp dann gerade jetzt, wenn er noch nicht am Ziel ist? Damals, im Frühjahr 2004, habe der Aufsichtsrat ihn gebeten zu bleiben. Er habe seinen Vertrag bis 2008 verlängert, sagte Schrempp. Es habe viele Baustellen im Konzern gegeben, fuhr er fort und nannte die damals spektakulär gefloppte Lastwagen-Maut oder die Finanzkrise bei Mitsubishi. "In so einer Situation sollte ein Vorstandschef nicht gehen, und ich wäre auch nicht gegangen", sagte Schrempp. "Aber jetzt bewegt sich das Unternehmen in die richtige Richtung, also ist es die richtige Zeit."
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Juli 2005
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