15. März 2008 Vom zwölften Stock des VW-Hochhauses hat Martin Winterkorn einen großzügigen Blick auf die Welt unter ihm. Auf die Autostadt am Mittellandkanal, auf die Hügellandschaft und das Werk dahinter, in dem in einer Woche mehr Autos vom Band rollen, als bei Porsche in Zuffenhausen in einem ganzen Jahr. Winterkorn ist Vorstandsvorsitzender von Europas größtem Autohersteller, das ist sein Selbstverständnis.
Zwar wird Porsche bald die VW-Mehrheit besitzen. Aber als angehender Abteilungsleiter einer Tochtergesellschaft des Sportwagenherstellers fühlt sich der bullige Mann nicht. Darauf angesprochen, ist es mit der Gemütlichkeit schnell dahin: Wenn ich mich als Abteilungsleiter von Porsche fühlen würde, könnte ich nicht jeden Tag Entscheidungen für einen Konzern mit 330.000 Mitarbeitern treffen, sagt Winterkorn und schaut trotzig durch seine randlose Brille.
Von ,heiligen Kühen' zu reden, war vielleicht nicht sehr geschickt
Aber im Vorstand der neuen Porsche Holding, die über VW thront, ist für ihn kein Platz. Solange es einen Aufsichtsrat der Volkswagen AG gibt, wird der Vorstand an dieses Gremium berichten. Und dort fallen alle für Volkswagen wichtigen Entscheidungen. Über die Zusammensetzung des Vorstands in der Porsche Holding muss man dann diskutieren, sobald Porsche mehr als 50 Prozent an VW hält. Winterkorn erweckt den Eindruck, als sei er genervt von den ewigen Fragen nach dem künftigen Mehrheitsaktionär, zu den Querelen zwischen den Betriebsräten beider Unternehmen, zu seinem Verhältnis zu Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. Porsche hat am Anfang die Mitarbeiter unnötig aufgeschreckt. Von ,heiligen Kühen' zu reden, das war vielleicht nicht sehr geschickt.
Es war Wiedeking, der die heiligen Kühen bei VW schlachten wollte und offen den Wolfsburger Haustarif in Frage stellte. Damit begann die Fehde mit VW-Betriebsrat Bernd Osterloh, der seither keine Gelegenheit auslässt, gegen Wiedeking zu stänkern. Dafür zeigt Winterkorn ein gewisses Verständnis: Der Betriebsratsvorsitzende hat das Recht, sich frei zu äußern.
Auch Winterkorns Verhältnis zu Wiedeking gilt als angespannt. Der VW-Chef widerspricht: Unser Verhältnis ist gut. Wir waren vor Weihnachten zuletzt gemeinsam zu Abend essen, bei Aufsichtsratssitzungen sitzen wir mittags zusammen bei einer Currywurst, nach Präsidiumssitzungen trinken wir abends ein Bier.
Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz?
Winterkorn ist ein Ziehsohn Ferdinand Piëchs. Der VW-Chefkontrolleur soll ebenfalls mit Wiedeking über Kreuz sein, ihn intern gar angegriffen haben. Weil Piëch auch Osterloh nicht zur Ordnung rief, soll ihn die Porsche-Familie aus dem Präsidium des Porsche-Aufsichtsrats, dem Machtzentrum des Konzerns, gedrängt haben. Wenn Piëch tatsächlich die Führungsrolle bei VW an Wiedeking abgeben muss, dann, so wird spekuliert, könnte auch Winterkorns Stuhl wackeln. Winterkorn schüttelt den Kopf. Glauben Sie im Ernst, dass Herr Dr. Piëch das Präsidium des Porsche-Aufsichtsrats verlässt, wenn er das nicht will? Er macht sich also keine Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz? Nein. Ich werde im Mai 61 Jahre alt, habe einen Fünf-Jahres-Vertrag. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Mannschaft mit mir als Chef in eine Richtung zieht und den Konzern noch erfolgreicher macht.
In dieser Woche hat Winterkorn in der Bilanzpressekonferenz Rekordzahlen vorgelegt. Die Frage der Deutungshoheit ist gestellt: Wie viel Winterkorn steckt tatsächlich in den Zahlen? Wie viel ist Winterkorns Vorgänger Bernd Pischetsrieder und dessen ehemaligem Markenvorstand Wolfgang Bernhard zuzuschreiben? Letztlich waren es Pischetsrieder und Bernhard, die 2006 gegen den Widerstand der Belegschaft den Haustarifvertrag reformierten, Arbeitszeiten verlängerten und Tausende Stellen abbauten. Der Tarifvertrag, den damals die Vorstände Neumann, Pischetsrieder und Bernhard abgeschlossen haben, ist natürlich das Fundament für unser heutiges Ergebnis, gibt er zu.
Ob ich ein Blech perfekt oder lieblos biege, beides kostet das gleiche Geld
Auf das Ergebnis muss Winterkorn aufsatteln. Die Porsche-Familie wacht sorgsam darüber, dass bei VW nicht die Kosten aus dem Ruder laufen. Nichts darf die Rendite gefährden. Entgegen anderslautenden Stimmen aus dem Konzern sieht Winterkorn, wie er sagt, das auch so. Aber warum sind Investitionen und Entwicklungskosten im vergangenen Jahr dann nach oben geschnellt? Die Kosten steigen nur, weil wir mehr Produkte entwickeln, weil wir wachsen wollen - aber keinesfalls zu Lasten der Rendite, jedes Projekt muss sich rechnen und seine Renditeziele erfüllen.
Hinweise aus dem Unternehmen, wonach zum Beispiel der neue Polo aufgrund design- und technikgetriebener Änderungen eine negative Rendite einfahren könne, bezeichnet Winterkorn als falsch. Er beteuert, dass die zahlreichen Änderungen an verschiedenen, noch von Bernhard konzipierten Modellen nicht mit Kostensteigerungen einhergingen: Ob ich ein Blech perfekt oder lieblos biege, beides kostet das gleiche Geld. Präzision im Werkzeugbau verursacht keinen höheren Aufwand, man muss nur wissen wie es geht.
Im Übrigen werde selbst ein Polo wegen des Designs gekauft: Eine schöne Seitenlinie, schöne Fallungen machen ein Auto begehrenswerter. In diesem Zusammenhang erlaubt sich Winterkorn einen Seitenhieb auf den großen Rivalen Toyota, dem er eines Tages den Rang ablaufen will: Der Toyota Auris verkauft sich deshalb so schlecht, weil er von der Ästhetik nicht mehr so gefällt wie der Corolla. Es sei auch nicht der Porsche-Chef gewesen, der zuerst zur Jagd auf Toyota aufgerufen habe: Ich als Qualitätsmann habe Toyota schon seit 15 Jahren vor Augen, seitdem ist das für uns die Benchmark in puncto Qualität und nicht erst, seit Herr Wiedeking das öffentlich gesagt hat.
Da mischt sich Herr Dr. Wiedeking nicht ein
Bis zum Jahr 2018 soll der VW-Konzern mehr als 10 Millionen Autos verkaufen und gleichzeitig eine Kapitalrendite von 21 Prozent erreichen. Die vielen neuen Autos im Konzern will Winterkorn kostengünstig bauen, und zwar in drei Baukästen, je nachdem, wie der Motor eingebaut ist: längs, quer, oder - wie bei den geplanten Kleinstwagen - im Heck. Bei Audi haben wir den modularen Längsbaukasten, aus dem eine Million Fahrzeuge entstehen werden. Jetzt kommen alle drei, vier Monate neue Modelle auf den Markt, das geht Schlag auf Schlag. Und so machen wir das nun bei Volkswagen mit dem neuen modularen Querbaukasten auch.
Wenn er diese Fertigungsprozesse erklärt, ist Technikenthusiast Winterkorn ganz in seinem Element: Flugs zieht er ein Blatt Papier hervor, zeichnet mit wenigen Strichen ein Kreuz, einen sogenannten Hilfsrahmen auf Gummilagern, auf dem wiederum der Motor sitzt. Eine Transferstraße beim Lieferanten reicht, um für mehrere Modelle je nach Spurbreite die Hilfsrahmen zu bauen. Dank der Modularität senken wir allein die Materialkosten um einen zweistelligen Prozentsatz, sagt Winterkorn. Damit stellen wir den Konzern für das nächste Jahrzehnt auf, das ist ureigenstes Geschäft von Volkswagen, da mischt sich Herr Dr. Wiedeking nicht ein.
Und was geschieht im Nutzfahrzeuggeschäft?
Aus Kosten- und Währungsgründen will er die lokale Wertschöpfung im Ausland erhöhen, Winterkorn nennt dies Tiefenlokalisierung. Das heißt, dass VW zum Beispiel in seinem Werk in Mexiko nicht mehr den Kunststoff aus Deutschland bezieht, sondern von einem Lieferanten vor Ort. Beim geplanten Werksneubau in Amerika denkt Winterkorn bereits an seinen Großaktionär: Natürlich schauen wir voraus und haben im Auge, wie auch Audi und Porsche dieses Werk nutzen können.
Und was geschieht im Nutzfahrzeuggeschäft, wo VW gerade erst die Kontrolle über Scania gewonnen hat? Greift Winterkorn nun auch nach der Mehrheit von MAN? Er wiegelt ab: Zunächst müssen wir Scania als neunte Marke integrieren. MAN, das muss man in einem größeren Zeithorizont sehen.
Zur Person
In einem Gespräch mit Martin Winterkorn fallen spätestens nach fünf Minuten Begriffe wie Fugen, Fallungen oder Spaltmaße: Der Mann an der Spitze von Europas größtem Autohersteller ist leidenschaftlicher Ingenieur. Weil er obendrein ein Auto-Fanatiker ist, steht er im Ansehen bei Firmenpatriarch Ferdinand Piëch ganz oben. Piëch, der Aufsichtsratsvorsitzende, kann sich auf seinen Vorstand verlassen. Der mächtige Porsche-Enkel hat ihn vor 15 Monaten zum Nachfolger von Bernd Pischetsrieder bestimmt. Wiko, wie er intern genannt wird, hat im Windschatten von Piëch eine steile Karriere gemacht, seit er 1981 von Bosch zur VW-Marke Audi wechselte. Studiert hat der 1947 in Leonberg geborene Schwabe Metallkunde und Metallphysik in Stuttgart, ging dann zum Max-Planck-Institut für Metallforschung. Winterkorn ist verheiratet. Seine Frau lernte er bei Audi kennen.
Zum Unternehmen
Volkswagen, das ist ein Unternehmen mit 330 000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 108,9 Milliarden Euro. Im vergangenen Rekordjahr verkaufte der Konzern insgesamt 6,2 Millionen Autos seiner Marken VW, Audi, Seat, Skoda, Lamborghini, Bentley und Bugatti. Als neunte Marke kommt nun der schwedische Lastwagenhersteller Scania hinzu. Das alles wird sich bald wiederfinden unter dem Dach der neuen Porsche Automobil Holding SE. Zwischen Porsche und VW gibt es trotz des aktuellen Streits enge technologische Verzahnungen. Wir arbeiten mit Porsche heute schon gut zusammen: Zum Beispiel baut Volkswagen die Rohkarosse für den neuen Porsche Panamera, die Audianer machen die Presswerkzeuge dazu. Unser ganzes Präzisions-Know-how fließt in dieses Auto ein, beschreibt VW-Chef Winterkorn Gemeinsamkeiten. Porsche-Chef Wendelin Wiedeking erwartet, dass sich Europas größter Autohersteller an dem japanischen Rivalen Toyota messen lässt. Bis 2018, so der Plan, soll VW auf Augenhöhe mit den Japanern sein.
Das Gespräch führten Henning Peitsmeier und Johannes Ritter.
Text: F.A.Z., 15.03.2008, Nr. 64 / Seite 17
Bildmaterial: dpa, REUTERS
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