30. Januar 2007 Die Tchibo Holding AG, unter deren Dach der Kaffeehändler Tchibo und die Aktienmehrheit des Kosmetikherstellers Beiersdorf (Nivea) angesiedelt sind, verliert ihren Chef: Dieter Ammer verlässt Tchibo Ende April 2007. Er geht damit ein Jahr vor Ablauf seines Vertrags. Der 56 Jahre alte Bremer ist seit Mai 2003 Vorstandsvorsitzender des Unternehmens, das vier Mitgliedern der Hamburger Unternehmerfamilie Herz gehört: Michael, Wolfgang und Joachim Herz sowie deren Mutter Ingeburg Herz. Stärkster Mann in diesem Kreis ist Michael Herz, der früher selbst als Verkaufschef für Tchibo gearbeitet hat und das Unternehmen nun offenbar noch enger an die Leine nehmen will.
Schon seit Monaten ist über einen Abschied Ammers spekuliert worden. Ende November hatte Tchibo-Aufsichtsratschef Reinhard Pöllath – wie man jetzt weiß: wider besseres Wissen – erklärt, diese Spekulationen entbehrten jeder Grundlage. In einem Gespräch mit Journalisten in Hamburg reagierte Ammer ausweichend auf die Frage, ob er von sich aus seinen Rücktritt angeboten habe oder ob die Tchibo-Eigentümer auf die Auflösung seines Vertrags gepocht hätten. Wir trennen uns im besten freundschaftlichen Einvernehmen.“
Probleme im operativen Geschäft
Die Probleme im operativen Geschäft der einst so erfolgsverwöhnten Tchibo GmbH (4 Milliarden Euro Umsatz), die für das Konsumgüter- und Kaffeegeschäft zuständig ist und im vergangenen Jahr bei Umsatz und Ertrag stark unter Druck geraten ist, seien nicht der Grund für die Trennung gewesen, versicherte Pöllath. Immer mehr Wettbewerber wie Aldi und Lidl kopieren das Tchibo-Modell. Preisaggressiv bieten sie in ihren Lebensmittelläden Gebrauchsartikel wie Laufjacken, Pulsmesser oder Handschuhe an. Die sind alle verrückt“, sagte Ammer mit Blick auf die Rabattschlacht, die da draußen tobt“. Auch das warme Winterwetter dürfte zuletzt so manche Verkaufswoche bei Tchibo verhagelt haben. Der Lagerbestand, so räumte Ammer ein, sei nicht zufriedenstellend, auch wenn er im Verhältnis zum Umsatz fast konstant geblieben sei.
Ich bin für eine andere Aufgabe geholt worden“, sagte Ammer. Als er 2003 an den Start gegangenen sei, habe die Tchibo Holding dank des Reemtsma-Verkaufs auf einer Kasse von 5 Milliarden Euro gesessen. Um die Anlage dieser Gelder in unterschiedlichen Geschäftsfeldern hätte er sich kümmern sollen. Doch mit der bald darauf erfolgten, milliardenschweren Mehrheitsübernahme von Beiersdorf habe sich dieser Auftrag quasi erledigt. Ein weiterer Ausbau der Holding sei nicht erwünscht. Tchibo und Beiersdorf könnten sich im Grunde alleine um ihr Wachstum kümmern. Daher werde die Holding fortan nur noch eine betreuende Funktion haben und schlanker aufgestellt. Einen neuen Vorstandsvorsitzenden soll sie nicht bekommen. Wohl aber soll ein weiterer – bislang nicht benannter – Vorstand berufen werden, der die Geschäfte zusammen mit Vorstandsmitglied Arno Mahlert führen soll.
Zwischen Herz und Ammer soll es gekriselt haben
Während Ammer nach eigener Aussage Chefkontrolleur bei Beiersdorf bleibt, übernimmt Michael Herz den Aufsichtsratsvorsitz der Tchibo GmbH. Dies deutet darauf hin, dass Herz sich fortan noch stärker in das Kerngeschäft von Tchibo einbringen wird. Auch in Ammers Geschäftsführung soll sich Herz immer wieder eingemischt haben; zwischen den beiden soll es zeitweise erhebliche Spannungen gegeben haben. Ammer selbst beteuerte, er habe keinen Konflikt mit Herz gehabt, obschon man in einzelnen Dingen auch unterschiedlicher Meinung gewesen sei. Sein Verhältnis zu Herz beschrieb er als offen, freundschaftlich und professionell“.
Ammer will sich fortan seinen eigenen unternehmerischen Geschäften widmen. Er ist direkt und indirekt an einer Reihe von Unternehmen beteiligt, die er über seine Vermögensverwaltungsgesellschaft Amax Holding steuert. Ammer besitzt knapp 13 Prozent des Solarunternehmens Conergy und 5 Prozent des Ökostromanbieters Lichtblick. Allein das Conergy-Paket ist an der Börse zur Zeit 180 Millionen Euro wert. Vor seinem Wechsel zu Tchibo war Ammer Vorstandschef der Brauerei Beck & Co. Zur Belohnung dafür, dass er Beck für den sagenhaften Preis von 1,8 Milliarden Euro an Interbrew verkauft hatte, überwiesen ihm die Alteigentümer einen Bonus in zweistelliger Millionenhöhe.
Text: rit. / F.A.Z.
Bildmaterial: AP
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