Von Daniel Schäfer
12. April 2008 Ein Hauch angloamerikanischer Finanzwelt umweht die mehr als 100 in den Festsaal des mondänen Hotels Frankfurter Hof gezwängten Journalisten an diesem Mittwochnachmittag. Das Institute of International Finance (IIF), eine bis dato lediglich Fachzirkeln bekannte Organisation, die in Washington, New York oder London vor die Wirtschaftspresse zu treten pflegt, hat sich erstmals in ihrer 25 Jahre währenden Existenz nach Frankfurt bequemt. Und ausgerechnet in der hessischen Metropole, aus Sicht eines New Yorker Investmentbankers allenfalls Provinz, ist der Andrang der Weltpresse größer als je zuvor. Denn nie zuvor waren die Vorschläge des IIF, hinter dem sich ein internationaler Bankenverband mit mehr als 375 Mitgliedern verbirgt, von größerer Tragweite als dieser Tage.
Es geht darum, ob die Politiker westlicher Industriestaaten einer entfesselten Branche wieder mehr gesetzliche Schranken vorsetzen. Grund dazu hätten sie womöglich, haben doch eine exzessive Schuldenvergabe in Amerika sowie Fehlspekulationen und eine mangelhafte Risikopolitik vieler europäischer und amerikanischer Banken die immer noch virulente, wohl schlimmste Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst und die Banken in Öffentlichkeit und Politik in Verruf gebracht. Die aktuelle Finanzkrise haben Geldprofis verbockt, polemisierte jüngst Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD). Da hatte die Gier das Gehirn ausgeschaltet.
Verschachteltes System der Finanzmärkte
Josef Ackermann scheint sich der Tragweite bewusst zu sein. Wir werden alles tun, um unsere Häuser selbst zu reinigen und dies nicht dem Gesetzgeber zu überlassen, sagt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank im Frankfurter Hof. Und er warnt die Politiker: Es wäre vollkommen falsch, jetzt überhastet unausgegorene Gesetze einzuführen. Der Schweizer Bankmanager ist zugleich Präsident des ebenso ehrwürdigen wie einflussreichen IIF, dessen Namen eher an eine Denkfabrik einer amerikanischen Universität als an einen Bankenverband erinnert. Ackermann war es auch, der die Pressekonferenz nach Frankfurt geholt hat. Er sei Feuer und Flamme für diese Idee gewesen, heißt es in seinem Umfeld. Ihm sei es darum gegangen, den Finanzplatz Frankfurt zu stärken, wird verbreitet. Und vielleicht ebenso darum, die Stärke der Deutschen Bank zu demonstrieren?
Denn die Krise, die ihren Anfang in Fehlspekulationen auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt nahm und sich immer tiefer in das verschachtelte System der Finanzmärkte fräste, hat in der Branche vieles durcheinandergewirbelt. Die einst weltgrößte Bank Citigroup ist ebenso wie die Schweizer Großbank UBS durch die Turbulenzen schwer geschädigt worden. Beide haben an der Börse einen enormen Kapital- und Bedeutungsverlust erlitten. Die fünftgrößte amerikanische Investmentbank Bear Stearns ist ebenso dem Kollaps entgegengesteuert wie die britische Hypothekenbank Northern Rock sowie in Deutschland der Mittelstandsfinanzierer IKB und mehrere Landesbanken. Dagegen sind einige Kredithäuser wie die Deutsche Bank oder die spanische Santander vergleichsweise glimpflich davongekommen.
Die Turbulenzen haben gleichwohl einen enormen Schaden angerichtet: Nach Schätzungen des Finanzdatenanbieters Bloomberg haben die Banken bis jetzt Wertkorrekturen von insgesamt 232 Milliarden Dollar verkraften müssen. Bis zu 945 Milliarden Dollar könnten es nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) werden. Die Krise, die ursprünglich nichts anderes war als das Platzen einer Immobilienblase in Amerika, hat vor allem deshalb derartige Ausmaße angenommen, weil Banken die Immobilienkredite in immer kompliziertere Konstruktionen verpackt und weltweit verkauft haben. Das wiederum hat eine Vertrauenskrise unter den Banken ausgelöst, weil jetzt niemand mehr weiß, wer auf welchen Risiken und Verlusten sitzt.
Das Mantra eines stabileren Finanzsystems erwies sich als falsch
Lange Zeit haben Banker wie Ackermann bei jeder Gelegenheit das Mantra verbreitet, die verschachtelten und in immer komplexeren Konstrukten verpackten Risiken trügen zur Stabilisierung des Finanzsystems bei. Finanzhäuser sorgen für eine effiziente Verteilung von Risiken, sagte Ackermann vor einem Jahr. Damals lobte er auch das verbesserte Risikomanagement der Banken. Doch wie sich gezeigt hat, war das Gegenteil der Fall. Angesichts der Undurchschaubarkeit der strukturierten Produkte hat das Risikomanagement der Banken versagt, die Stabilität des Systems ist in Gefahr.
Nachdem dies nun kaum mehr zu leugnen ist, haben sich die Banker dazu durchgerungen, Buße zu tun. In dem von Ackermann und anderen IIF-Bankern vorgestellten Bericht ist von großen Schwachstellen in den Geschäftspraktiken der Kreditinstitute die Rede. Um diese auszumerzen, sollen die Mitglieder einen Verhaltenskodex annehmen, dessen endgültige Version im Sommer verabschiedet wird. Diese Wohlverhaltensregeln sollen unter anderem ein besseres und vom Vorstandschef sowie den Aufsichtsräten schärfer kontrolliertes Risikomanagement vorsehen. Außerdem plädiert der IIF in seine 98 Punkte starken Katalog an Vorschlägen dafür, die Transparenz der verschachtelten Kreditprodukte zu verbessern und die Vergütung der Banker an langfristigen, die Risiken stärker berücksichtigenden Kriterien auszurichten. Selbst Ackermann räumt nun ein, die an kurzfristigen Erfolgen orientierten Anreize hätten mitunter dazu geführt, dass Banker exzessive Risiken eingegangen seien.
Der Druck des Marktes
Doch Beobachter werfen die Frage auf, ob sich Banken jemals an freiwillige Selbstverpflichtungen gehalten haben. Eine jüngste Episode gibt zu denken. Im März 2007 veröffentlichte der IIF einen Bericht, der ein besseres Liquiditätsmanagement der Banken anmahnte und einen Verhaltenskodex vorschlug. Nur leider war der Vorschlag von fast allen Mitgliedsbanken gänzlich ignoriert worden - was ein halbes Jahr später in manchen Fällen zu desaströsen Konsequenzen führte.
Diesmal soll alles anders sein. Der Druck des Marktes und die Einsicht der durch die schwere Krise schockierten Vorstandschefs sollen dafür sorgen, dass die freiwilligen Regeln akzeptiert und umgesetzt werden. Ob der Appell zur Selbstdisziplin ausreicht, um die Politiker von schärferen Gesetzen abzubringen, ist gleichwohl fraglich. Schon in der vergangenen Woche hatten die Finanzminister der Europäischen Union beschlossen, bis zu 30 Geldkonzerne durch öffentliche Expertengremien zu kontrollieren. Am Freitag beschäftigten sich Politiker und Notenbanker auf dem G-7-Gipfel in Washington mit diesen Themen.
Der Bankbranche sind die neuen Produkte über den Kopf gewachsen
Manch einer stellt freilich die Frage, ob Banker und Politiker nicht die wahren Wurzeln der Krise verkennen. Denn die Gründe sind nicht nur auf dem amerikanischen Häusermarkt oder in schlechtem Risikomanagement und mangelnder Transparenz vieler Banken zu suchen, sie liegen tiefer. Das Grundproblem: Der Bankbranche sind in den vergangenen Jahrzehnten die immer innovativeren und nicht selten segensreichen Finanzprodukte über den eigenen Kopf gewachsen. Finanzunternehmen haben zuletzt einen überproportionalen Anteil am Wirtschaftswachstum der Industrienationen erwirtschaftet. Zudem haben sie ihre Bilanzen mit großen Schuldenbergen aufgebläht und sich in Größenordnungen katapultiert, die langfristig kaum haltbar erscheinen. Anfang der achtziger Jahre entsprach die Verschuldung der amerikanischen Finanzbranche einem Zehntel der Kreditsumme, die von der Industrie aufgenommen wurde. Heute beträgt der Anteil die Hälfte.
Ein Bedeutungsverlust der Investmentbanken, die ihre Schulden drastisch zurückfahren müssen und weniger Geschäft machen werden, scheint unausweichlich zu sein. Das wird nach Ansicht von Beobachtern unabhängig davon geschehen, ob die harte Hand des Staates der unsichtbaren des Marktes ins Handwerk pfuschen sollte. Während die Banken schärfere Gesetze für die eigene Branche um jeden Preis vermeiden wollen - mit Ausnahme der unumstrittenen Verschärfung der Regeln für Hypothekenvermittler -, sind sie bei anderen nicht zimperlich. Ackermanns IIF-Kollege Cees Maas plädierte in Frankfurt dafür, die Ratingagenturen durch eine externe, unabhängige Instanz kontrollieren zu lassen. Darüber ist zwischen diesen Kreditbewertern und den Banken längst ein Streit entbrannt.
In der Stunde der Not ist der Staat dann wieder gefragt
Ohnehin ist der Ruf nach dem Staat für die Banken nicht per se anrüchig: Ackermann befürwortete denn auch abermals weitere staatliche Eingriffe und Stützungsaktionen. Nicht um Banken zu retten, sondern um eine noch größere Krise und eine Rezession zu verhindern. Nolens volens beugen sich Politiker und Aufsichtsbehörden dem Aufruf. In der Stunde der Not ist der Staat dann wieder gefragt: als Reparaturbetrieb für die internationalen Finanzmärkte, mokiert sich Jochen Sanio, Präsident der deutschen Finanzaufsichtsbehörde Bafin. Aber der Staat werde die Erwartungen erfüllen, um Schlimmeres zu verhindern. Auch wenn unverantwortliches Verhalten so mancher Bankmanager belohnt werde.
Das Gravitationszentrum der Entscheider ist inzwischen wieder über den Atlantik gewandert, zum G-7-Gipfel nach Washington. Das ist für den Journalistentross gewohntes Terrain. Eine Verwechslung, wie sie den italienischen Tageszeitungen Corriere della Sera und Il Sole 24 Ore diese Woche unterkam, wäre dort undenkbar: Die Zeitungen zitierten Ackermann - aber aus Berlin und nicht aus Frankfurt, wo er tatsächlich sprach.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Tobias Schmitt
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