Von Daniel Schäfer
25. Januar 2005 Die jahrelang nahezu versiegte Finanzierungsquelle Wagniskapital fängt langsam wieder an zu sprudeln. Erstmals seit einigen Jahren können sich junge Technologieunternehmen wieder Hoffnung auf dringend benötigte Kapitalspritzen machen. Denn nach etlichen Jahren der Abstinenz schaffen es die etablierten Risikokapitalgesellschaften wieder, den Investoren frisches Geld abzuringen.
So ist es den marktführenden deutschen Wachstumsfinanzierern Wellington Partners und Techno Venture Management (TVM) unlängst gelungen, genügend Investoren für neue Fonds aufzutreiben. Gleichzeitig kehrt wieder ausländisches Risikokapital auf den deutschen Markt zurück.
Unterstützung durch die EU
Als ein Vorreiter für die Branche könnte sich das Münchener Venture-Capital-(VC-)Unternehmen Wellington erweisen, das im vergangenen Jahr 110 Millionen Euro für seinen dritten Technologiefonds eingesammelt hat. Wir wollen den Fonds im Juli mit einer Größenordnung von 150 Millionen Euro schließen, umreißt Rolf Christof Dienst, Partner von Wellington, das Ziel. Erstmals seit mehr als zwei Jahren würde damit in Deutschland wieder ein VC-Fonds geschlossen. Wurden im Jahr 2001 noch 2 Milliarden Euro in deutsche VC-Fonds investiert, war es zwei Jahre später gerade einmal ein Zehntel dieser Summe.
Doch selbst für die renommierte Branchengröße Wellington war es nun schwerer als erwartet, Gelder aufzutreiben. Anderthalb Jahre zog sich das Fundraising hin, und letztlich gelang es nur dank der Unterstützung des European Investment Funds (EIF) der Europäischen Union, diese Größenordnung zu erreichen. EIF investiert 25 Millionen in den Wellington-Fonds; auch bei dem neuen TVM-Fonds ist der staatliche Investor mit von der Partie. Ohne EIF hätte das Fundraising länger gedauert, räumt Dienst ein.
Ausschließlich ausländisches Geld
Die mangelnde Risikobereitschaft der deutschen Finanzindustrie spiegelt sich im Status quo der Wagniskapitalszene wider: So fließt in den neuen Wellington-Fonds ausschließlich ausländisches Geld. In Deutschland ist Venture Capital durch den Neuen Markt in der falschen Schublade gelandet, sagt Rolf Mathies, Managing Partner der Hamburger Risikokapitalfirma Earlybird, die frühestens im kommenden Jahr neue Gelder einsammeln will.
Außerdem investierten die Kapitalgeber - überwiegend Versicherungen, Fonds, Banken und Pensionskassen - extrem prozyklisch. Das bedeutet, daß sich nach den Firmenpleiten des Neuen Markts und den schmerzhaften Verlusten der VC-Szene derzeit alle Geldgeber auf ein Trendthema konzentrieren: die Übernahme etablierter, großer Unternehmen durch Finanzinvestoren.
Wer das nicht sieht, ist ein schlechter Investor
Dabei sind die Preise in diesem Segment zur Zeit sehr hoch. Dagegen sind hoffnungsvolle Wachstumsfirmen aus Branchen wie der Biotechnologie, Software, Kommunikation, Gesundheit und Nanotechnologie, die sich häufig in Technologieparks wie dem Adlershof in Berlin tummeln, zu Schnäppchenpreisen zu haben: Wir kaufen zu einem Viertel der Bewertungen ein, die vor vier Jahren noch galten, freut sich Dienst. Gleichzeitig hat sich das Risiko dramatisch verringert. Wer das nicht sieht, ist ein schlechter Investor.
Demgegenüber haben ausländische Investoren die Chancen der deutschen Niedrigpreise erkannt: So wollen Ende April erstmals seit fünf Jahren wieder 60 große internationale Investoren auf der German Tech Tour den deutschen Markt nach Investitionsmöglichkeiten absuchen.
Ausleseprozeß
Als ein Eisbrecher für die Branche könnte sich auch der Börsengang des Biotechnologieunternehmens Paion im Februar erweisen, denn viele VC-Unternehmen sind in den vergangenen Jahren länger als geplant auf ihren Beteiligungen sitzengeblieben, weil der Ausstiegskanal Börse verstopft war. Allerdings können nur die aussichtsreicheren, ohnehin bereits gut finanzierten Unternehmen an die Börse gehen. Bei den kleinen, unterfinanzierten Beteiligungen wird es noch viel Blut geben, ist sich Mathies sicher.
Auch in der VC-Branche wird sich im Jahr 2005 wohl die Spreu vom Weizen trennen. Insgesamt 20 Unternehmen würden in diesem Jahr den Versuch starten, einen neuen Fonds aufzulegen, schätzt Detlef Mackewicz von der Beratungsgesellschaft Mackewicz und Partner.
Einige davon werden scheitern. Viele seien verwöhnt von den guten Jahren und hätten es verschlafen, langfristige Kontakte zu Investoren aufzubauen. In Europa werden von 400 VC-Gesellschaften nur 150 übrig bleiben, schätzt Peter Laib, Geschäftsführer des führenden europäischen Investors in Private-Equity-Fonds (Dachfonds), der Züricher Adveq.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.01.2005, Nr. 21 / Seite 20
Bildmaterial: F.A.Z.
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