05. September 2007 Stier im Dienst von Demeter müsste man sein. Auf dem Hof von Dieter Euler im hessischen Schlüchtern schiebt er eine ruhige Kugel. Er steht inmitten einer Schar anmutiger Kühe der Rasse Angus, frisst Gras und kommt seiner Aufgabe nach.
Bei uns werden die Kühe alt, sagt Euler. Solange sie Kälber kriegen, bleiben sie beim Bullen. Stress gibt es auch, aber nur gelegentlich, wenn die zwei Pferde auf der Weide aus purem Vergnügen Kühe jagen gehen. Die spielen ein bisschen und kneifen sie, erklärt der Bio-Bauer.
Ein bunter Zoo wie im Kinderbuch
Die Pferde gehören nicht unbedingt zur artgerechten Rinderhaltung in der Bio-Landwirtschaft. Die Tochter hat sie hinterlassen, sie studiert inzwischen Tiermedizin. Von den vier Söhnen bewirtschaftet einer den Hof mit: zwei Leute, 35 Sauen mit 200 Ferkeln, 38 Mutterkühe, rund 300 Hektar Land und 400 PS Traktorleistung - damit gehört das Hofgut Lindenberg zu den großen Höfen der Gegend. Nicht nur unter den Öko-Betrieben, sondern überhaupt.
Von anderen Bio-Landwirten unterscheidet sich Euler in zweierlei Hinsicht: Erstens hat er seinen Betrieb schon 1986 umgestellt, zu einer Zeit, als es weder die EU-Öko-Verordnung von 1991 gab noch den Bio-Boom. Und zweitens, weil er von Zuschüssen nicht viel hält, obwohl er sie bekommt. Subventionen sind wie Heroin, sagt der Bio-Bauer, man gewöhnt sich daran.
Ein Bauer, der keine Subventionen mag
In den Anfangsjahren habe es Marktpreise für die Bio-Produkte gegeben, 1993 kamen dann die Flächenprämien - mit der Folge, dass die eher schwachen Standorte auf Bio umgestellt haben, weil dort der feste Zuschuss einen größeren Teil vom Ertrag ausmacht. Für den Bauern seien die Prämien eher ein durchlaufender Posten, die Abnehmer rechneten sie ein, meint Euler. Von mir aus könnte man die Subventionen nach einer Übergangsfrist komplett streichen.
Angst müssten die Bauern davor nicht haben, sondern die vielen, die von der Verwaltung der Zuschüsse leben. Zum Beispiel jene, die seine Flächen nachmessen. Zwei Hektar Abweichung höchstens seien erlaubt, das werde bei seinen 300 Hektar in einer hügeligen und zerklüfteten Gegend schon durch die Messtoleranz überschritten.
Die Verbände mögen öffentliches Geld
Felix Prinz zu Löwenstein, der im Vorstand des Bunds ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) und im Anbauverband Naturland sitzt, hält die Prämien dagegen für gerechtfertigt. Man darf das nicht nur als Subvention sehen, sondern als Entlohnung für die Umweltleistung, sagt er. Diese Leistungen gibt es nicht nur in der Vorstellung einiger Öko-Freaks, sondern sie sind auch unter den Stichworten Bodenschutz, Gewässer-, Arten- und Tierschutz ganz offiziell beim Bundesministerium für Landwirtschaft aufgelistet.
Weil der Bauer auch nach Ansicht Löwensteins wenig davon sieht, kann man die Subventionierung der Bio-Landwirtschaft als Absatzförderung begreifen, welche die Produkte verbilligt, die im Schnitt etwa eineinhalbmal so teuer sind wie vergleichbare Produkte aus traditionellem Anbau. Das sei doch sinnvoll, meint Löwenstein.
Hohe Subventionen für jeden Öko-Hektar
Billig für die Allgemeinheit ist es nicht. Für die Umstellung zum Beispiel von Acker- oder Grünland gibt es vom Staat einen Regelsatz von 210 Euro je Hektar, für die Beibehaltung ökologischer Anbauverfahren 160 Euro; für Gemüseanbau und Dauerkulturen erhält der Landwirt deutlich mehr. Europäische Union, Bund und Länder teilen sich die Kosten, außerdem gibt es ein Bundesprogramm Ökologischer Landbau, das bis 2010 fortgeschrieben wird. Damit sollen mehr Bauern zum Umsteigen animiert werden.

Schuf Angebot ohne Nachfrage: die ehemalige Landwirtschaftsministerium Renate Künast (Grüne) beim Riechen an Biofutter
Das gelingt offenbar. Deutschland wird zunehmend grün, auch in den Regalen. Infolge der Lebensmittelskandale, die regelmäßig die Verbraucher verunsichern, wächst der Markt für Bio-Produkte. Der Lebensmittel-Einzelhandel und zunehmend auch die Discounter haben die Bio-Waren für sich entdeckt.
So erreichte der deutsche Markt für Bio-Lebensmittel im Jahr 2006 nach Angaben des Bauernverbandes ein Umsatzvolumen von 4,5 Milliarden Euro, 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Das klingt nach viel, macht aber letztlich erst drei Prozent des Gesamtmarkts aus. Die von der ehemaligen Landwirtschaftsministerin Renate Künast ausgerufenen 20 Prozent haben bisher nur die Karotten fast erreicht.
Nur fünf Prozent der Fläche sind Bio
Dennoch, das Marktwachstum ist für die Bio-Branche erfreulich. Nur ist es bei den deutschen Erzeugern noch nicht ganz angekommen, denn die Fläche wächst langsamer als der Bedarf. Anfang des Jahres waren das 833.000 Hektar, entsprechend fünf Prozent der landwirtschaftlichen Fläche. Obwohl die Bauern in Scharen umstellen, gibt es anscheinend derzeit noch immer zu wenig Öko-Betriebe, so dass ein großer Teil der Produkte importiert werden muss. Andere sind weiter, Österreich baut schon auf zehn Prozent der Fläche Bio-Produkte an.
Deutschland ist aber der bei weitem größte Konsumentenmarkt in der EU, und die steigende Nachfrage hier macht sich seit Ende 2005 in steigenden Preisen bemerkbar. Die Ertragslage der Bio-Bauern hat sich nach Angaben der Bundesregierung in den zwei vergangenen Jahren verbessert, die Gewinne der Öko-Betriebe sind etwas stärker gestiegen als jene der konventionellen Landwirte.
Die Fehler von Renate Künast
Aber was heißt das schon? Euler verweist auf die Überproduktion vergangener Jahre, die er Künast-Blase nennt. Die ehemalige Landwirtschaftsministerin habe eine Erzeugung ohne Nachfrage geschaffen. Unter dem Eindruck der BSE-Krise Anfang des Jahrhunderts schwappte schon einmal die Bio-Welle. Bis heute gibt es in Deutschland kein einziges Rind aus Bio-Beständen, das positiv getestet wäre - aber 414 Fälle in konventioneller Rinderhaltung, davon drei in diesem Jahr. Nur regt sich niemand mehr darüber auf, der Fleischmarkt hat sich normalisiert.
Über Vorwürfe, die deutschen Bauern hätten die Chance zur Umstellung verpasst, regt Euler sich auf. Bis der Bauer seine Produkte als ökologisch erzeugt verkaufen kann, vergehen zwei bis drei Jahre, während deren er biologisch erzeugen, aber konventionell verkaufen muss. Eine generelle Empfehlung, zum Bio-Bauern zu werden, mag Euler nicht geben. In der konventionellen Landwirtschaft kann ich Fehler mit der Spritze behandeln, sagt er und meint damit unter anderem einseitige Bodenbelastung und Düngung.
Der Bio-Bauernhof als organisches System
Der Bio-Landwirt sieht seinen Hof als organisches System: Tierhaltung geht nicht ohne entsprechende Flächen, auf denen das Futter produziert wird, und die Fruchtfolge ist zu beachten. Da stelle sich dann die Frage der Vermarktung für sämtliche Produkte. Nur wenn alles zueinanderpasse und verkauft werden könne, seien die Ertragslage gut und die Umstellung zu empfehlen.
Im Detail steht der Bio-Bauer damit im Widerspruch zu seinen Kollegen. Man müsse jetzt eindeutig dazu raten umzustellen, erklärt Löwenstein. Das ist meistens auch wirtschaftlich sinnvoll, sagt er mit Blick auf die erwartete weiter steigende Nachfrage nach Bio-Produkten. In Einzelfällen sei es eventuell nicht möglich, gibt Löwenstein zu, etwa da, wo gerade in Ställe zur intensiven Tierhaltung investiert worden ist. Sie sind für Bio-Schweine nicht zu gebrauchen, weil diese Auslauf haben müssen. Euler hat in der Hinsicht Schwein gehabt; weil er schon so früh umstellte, darf er den alten Stall weiterbenutzen, bis der neue gebaut ist.
Bio-Bauer aus Überzeugung
Insgesamt, meint Löwenstein, brauchen wir eigentlich 100 Prozent Bio. Da stellt sich die Frage nach der Motivation zur Umstellung. Die Idee vom schnellen Euro kann danebengehen, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern. Angeblich sind sogar schon Bauern wieder auf konventionelle Produktion umgeschwenkt, bestätigen mag das niemand. Leute wie Euler, der einer der Ersten war, sind aber aus Überzeugung Bio-Bauer.
Sechs von zehn sind einem deutschen Öko-Verband angeschlossen, der strengere Regeln befolgt als die EU-Norm. Die gestattet zum Beispiel eine Teilumstellung auf Bio-Produktion, die nach Ansicht des harten Kerns nur halbherzig ist. Woher weiß man, dass das Gift nicht auch auf die Öko-Produkte gespritzt worden ist? Euler ist Gründungsmitglied von Bioland, aber jetzt bei Demeter, weil die in Hessen so ein lustiger Haufen sind.
Der Beipackzettel brachte den Anstoß
Drei Erlebnisse seien es gewesen, die ihn zur Umstellung gebracht hätten, sagt er. Die Beipackzettel hätten ihn nachdenklich gemacht, weil die facettenreichen Bedingungen, unter denen gespritzt werden muss, in der Praxis fast nie einzuhalten seien. Beim Dreschen habe er noch das Fungizid gerochen, das in der Wachstumsphase gesprüht worden ist. Also waren ja wohl die Stoffe noch da.
Den Ausschlag hat schließlich gegeben, dass 1986 ein Mittel gegen Spelzenbräune beim Weizen über Nacht aus dem Verkehr gezogen worden ist, ohne jede Erklärung. Sein Vater habe in den fünfziger Jahren DDT in Nylonstrümpfe gestopft und diese an Stangen über dem Feld ausgeschüttelt. Da war noch nicht bekannt, dass es Krebs verursacht und Jahre später beim Pinguin am Südpol nachweisbar wurde. Wer sagt uns denn, dass die neuesten Erkenntnisse von heute morgen noch etwas wert sind? Das ist eine Lebensphilosophie geworden, die den wahren Bio-Bauern von Trendwellen-Reitern unterscheidet.
Löwenstein, der seinen Betrieb 1992 umgestellt hat, sieht das anders. Wichtig sei doch, was man mache. Das Ergebnis im Gesamten sei zu betrachten: Derjenige, der umstellt, weil sich das wirtschaftlich rechnet, kommt nach meiner Erfahrung bald dahinter, dass das auch aus anderen Gründen sinnvoll ist. Eine späte Einsicht ist besser als gar kein Öko-Landbau.
Text: F.A.Z., 17.08.2007, Nr. 190 / Seite 14
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa
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