08. Februar 2006 Der spanische Baukonzern Ferrovial hat überraschend angekündigt, daß er den Kauf des britischen Flughafenbetreibers BAA erwägt. Ein etwaiges Angebot würde von einem Konsortium ausgehen und in bar erfolgen. Nähere Einzelheiten machte Ferrovial in der offiziellen Mitteilung an die britische Börsenaufsicht nicht, die der spanische Konzern mit zunehmenden Gerüchten in der Finanzwelt begründete.
Trotz der eher vagen Angaben stieg der Kurs von BAA umgehend um mehr als 20 Prozent. Der Flughafenkonzern, der unter anderem den größten europäischen Flughafen in London-Heathrow betreibt, gilt als internationaler Branchenführer. Mit seinem Börsenwert von rund 12 Milliarden Euro halten ihn Beobachter zwar nicht direkt für unterbewertet. Offenbar glauben viele Anleger aber, daß ein Übernahmeversuch im gegenwärtigen Umfeld der Aktienmärkte beinahe automatisch zu Kursaufschlägen führt. Möglicherweise wäre der Kursanstieg von BAA noch höher ausgefallen, wenn der deutsche Marktführer Fraport (Flughafen Frankfurt) nicht umgehend erklärt hätte, er selbst habe kein Interesse an BAA. Fraport müsse sich auf die gegenwärtigen Investitionsvorhaben konzentrieren, zu denen der Ausbau des Frankfurter Flughafens gehört
Aufschwung am spanischen Baumarkt ist begrenzt
Von einem Bieterrennen um BAA kann bisher also nicht die Rede sein. Daß zumindest die Kaufabsicht von Ferrovial für realistisch gehalten wird, liegt in dessen Umfeld begründet. Im Zuge des langjährigen spanischen Wirtschaftsaufschwungs hat sich die früher zersplitterte Baubranche des Landes zu einem der wichtigsten spanischen Wirtschaftszweige emporgearbeitet. Allein im vergangenen Jahr wurden 800.000 Wohnungen gebaut, mehr als in Deutschland, Frankreich und Italien zusammen. Außerdem investiert Spanien, gestützt auf hohe EU-Zuflüsse, kräftig in den Ausbau der Infrastruktur. Unter diesen Bedingungen haben sich in Spanien fünf Baukonzerne etabliert, die inzwischen jeweils europäisches Format aufweisen. Selbst der kleinste dieser spanischen Baukonzerne namens Metrovacesa wird an der Börse inzwischen doppelt so hoch bewertet wie der deutsche Marktführer Hochtief, dessen Marktkapitalisierung knapp 3 Milliarden Euro beträgt.
Ferrovial liegt mit einem Marktwert von gut 9 Milliarden Euro auf dem zweiten Platz hinter dem Marktführer ACS-Dragados. Allen spanischen Bauwerten ist indes die Einsicht gemein, daß der Aufschwung am spanischen Baumarkt begrenzt sein dürfte. So schwächen sich die Preisanstiege am spanischen Immobilienmarkt allmählich ab. Außerdem stehen die Zeichen auf Zinsanstieg, so daß die Nachfrage nach neuen Wohnungen gedämpft werden könnte. Schließlich muß Spanien damit rechnen, daß die Zuflüsse aus Brüssel, die derzeit netto noch mehr als 1 Prozent zum spanischen Bruttoinlandsprodukt beitragen und das Land seit Jahren zum größten Nettoempfänger der EU machen, in absehbarer Zeit versiegen. Somit zeichnet sich ab, daß die öffentlichen und privaten Aufträge für die spanischen Baukonzerne künftig weniger reichlich werden.
Flughafenbetreiber wollen mit eigener Kraft wachsen
Dagegen hat die Branche schon vorgebaut. Nach spanischen Erhebungen stammt bereits der größere Teil ihres Umsatzes nicht mehr aus der reinen Bautätigkeit, sondern aus einer Fülle von meist baunahen Dienstleistungen wie dem Betrieb von Straßen oder eben auch Flughäfen, und zwar längst auch außerhalb Spaniens. So hat Ferrovial im vergangenen August den schweizerischen Flughafen-Gepäckbearbeiter Swissport International AG erworben. Der spanische Baukonzern Acciona ist neben Fraport in Frankfurt als Betreiber tätig.
Einen Kommentar zum möglichen Eigentümerwechsel lehnte der britische Flughafenbetreiber ab. Im Umfeld der Geschäftsführung heißt es jedoch, das börsennotierte Unternehmen wolle auch weiterhin mit eigener Kraft wachsen. Als Beleg führen Manager von BAA ihren jüngsten Zukauf in Ungarn an: Für 1,85 Milliarden Euro hatten die Briten im Dezember rund 75 Prozent an dem Budapester Flughafen erworben und mit ihrer üppig dotierten Offerte Mitbieter wie Hochtief und Fraport überboten. Nach dem bewährten Muster im Inland will BAA-Chef Mike Clasper den Neuwerb in Ungarn jetzt mit Hochdruck auf Umsatz und Rendite trimmen: Bis 2010 soll sich das Passagieraufkommen auf 20 Millionen im Jahr verdoppeln. Binnen zwei Jahren werde der Jahresgewinn des Flughafens Budapest, der im vergangenen Jahr bei 68 Millionen Euro lag, auf über 100 Millionen Euro wachsen, lautet der Plan.
Fünftes Terminal soll wichtige Wachstumsschübe bringen
In ähnlicher Manier hatte Clasper BAA zum führenden Flughafenbetreiber des Landes ausgebaut. Der in den achtziger Jahren privatisierte Dienstleister gehört, gemessen an seinem Marktwert von 12 Milliarden Euro, zu den 50 größten Börsenwerten in der britischen Industrie. Mit mehr als 12.000 Beschäftigten führt BAA bei insgesamt sieben britischen Flughäfen Regie, darunter den großen Londoner Stützpunkten Heathrow, Gatwick und Stansted. Zu den wichtigsten Umsatz- und Gewinnträgern sind mittlerweile die Einzelhandelsgeschäfte und Restaurants avanciert. BAA erlöst rund 2 Milliarden Pfund im Jahr. Davon steuert der Handelsumsatz mit 820 Millionen Pfund (1,2 Milliarden Euro) den Löwenanteil bei.
Wichtige Wachstumsschübe verspricht sich BAA vom Bau des fünften Terminals in London-Heathrow, das im März 2008 eröffnet werden soll. Durch die Erweiterung des größten Flughafen-Drehkreuzes in Europa soll das Passagieraufkommen von heute 60 Millionen auf mehr als 90 Millionen Fluggäste im Jahr steigen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.02.2005
Bildmaterial: picture-alliance / dpa
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