Von Georg Meck und Winand von Petersdorff
06. Mai 2008 Die Revolte passiert ganz weit hinten in der Tagesordnung. Unter den Punkten 11 und 12 kündigt sich der Aufstand rebellischer Aktionäre gegen die Führung der TUI an, dort ruft der norwegische Reeder John Fredriksen zum Sturz des Aufsichtsratsvorsitzenden auf. Einen Angriff mit dieser Wucht haben deutsche Unternehmen lange nicht gesehen. Die Schlacht, die am Mittwoch im Congress Centrum zu Hannover ausgetragen wird, hat insofern gute Chancen, in die Dax-Historie einzugehen. Noch nie haben Aktionäre den Chef des Aufsichtsrates in einer Hauptversammlung aus dem Amt gejagt - genau das verlangt der rauhbeinige TUI-Großaktionär John Fredriksen, gefürchtet wegen seiner ruppigen Methoden, verehrt für sein unternehmerisches Geschick.
Knapp zwölf Prozent der TUI-Aktien hält der Milliardär selbst über seine auf Zypern angesiedelte Fondsgesellschaft, zudem beruft er sich auf eine gewaltige Gefolgschaft unter anderen Investoren. Seit Monaten treibt Fredriksen den TUI-Vorstand vor sich her. Wir bleiben standhaft, behauptet Vorstandschef Michael Frenzel. In strategischen Fragen hat der dienstälteste Chef eines Dax-Konzerns sich jedoch dem Angreifer ergeben: Die TUI wird gespalten oder zerschlagen, je nach Wortwahl.
Da baute sich eine Riesenwelle auf
Frenzel bleibt keine andere Wahl, als seine Perle, die Hapag Llyod, zu verkaufen. Das haben die Rebellen mit ihren ständigen Attacken erzwungen. Es zeichnete sich eine unkontrollierte Entwicklung ab, räumt der TUI-Chef ein. Da baute sich eine Riesenwelle auf, mit der Gefahr, dass der Konzern unkontrolliert zerschlagen wird. Das besorgt er jetzt selbst - proaktiv, wie er sagt. Aus Furcht vor einer feindlichen Übernahme vollzieht der Überlebenskünstler die Kehrtwende. Wieder einmal. Erst hatte er die Hapag Lloyd gekauft, dann wollte er sie qua Börsengang versilben. Als das in schwierigem Umfeld nicht geklappt hat, wurde sie mit Milliardenzukäufen aufgepäppelt und zur Stütze des Konzerns erklärt.
Noch Anfang des Jahres hatte Frenzel die Container-Schifffahrt als 100 Prozent Kerngeschäft ausgegeben. Sein ganzes Konzept basierte auf der Zwei-Säulen-Strategie, den beiden Sparten Tourismus und Schifffahrt, die sich gegenseitig stützen, wenn es in einem Bereich mal nicht so läuft. Diese Idee hält Frenzel bis heute für schlüssig, nur darf er sie nicht mehr verfolgen. Der Druck des Marktes wurde zu groß. Um seinen Job und einen Rest an Handlungsfreiheit zu retten, zieht Frenzel nun in die entscheidende Schlacht: Stürzt am Mittwoch der Vorsitzende des Aufsichtsrates, wankt auch er. Das hat ihm Widersacher Fredriksen in seiner direkten Art bereits zu verstehen gegeben.
Was Fredriksen genau vorhat, bleibt vage
Natürlich geht es in dem Konflikt um persönliche Animositäten und Eitelkeiten, aber nicht nur. Zunächst ist zu entscheiden: Wer erhält den Zuschlag für die Hapag Lloyd? Womöglich Fredriksen selbst oder zumindest ein ihm genehmer Käufer? Was genau er vorhat, bleibt vage. Nur, dass sich seine Investition lohnen muss, versteht sich von selbst. Das hängt wesentlich davon, wie der Erlös aus dem Verkauf verteilt wird. Was passiert mit den fünf Milliarden Euro, die laut den kühnsten Schätzungen von Analysten mit den Containerschiffen einzunehmen sind? Frenzel liegt naturgemäß daran, die wenig profitablen Reste der TUI überlebensfähig zu halten, am liebsten schuldenfrei. So mancher Aktionär, nicht nur Fredriksen, dagegen hofft auf eine kräftige Sonderausschüttung.
Vor diesem Hintergrund spielt sich der Kampf um Köpfe und Aufsichtsratssitze ab, den die beiden Parteien jetzt so verbissen austragen. Bis zur letzten Minute vor der Hauptversammlung wird um jede Stimme, um jeden Investor gerungen. Denn es wird eng am Mittwoch.Darin sind sich die Kontrahenten ausnahmsweise einig, auch wenn sie jeweils auf ihrer Seite einen leichten Vorsprung sehen. Wer am Ende gewinnt, darauf mag im Moment niemand wetten. Auch nicht die Manager der großen Fonds, die TUI-Aktien halten. Auch die raunen nur: Es wird knapp.
Eine einfache Mehrheit der Stimmen in der TUI-Hauptversammlung genügt, um den Aufsichtsrat zu kippen. Das sieht die Satzung des Konzerns vor (im Gegensatz zu den meisten anderen Unternehmen, bei denen laut Aktienrecht eine Dreiviertelmehrheit für derartige Beschlüsse nötig ist). Wie viele Stimmen Frenzel dafür hinter sich scharen muss, hängt wesentlich von der Präsenz der Aktionäre auf der Hauptversammlung ab. Voriges Jahr waren 47 Prozent der Eigner vertreten, dieses Jahr wird die Zahl wohl wesentlich höher liegen, schließlich tun beide Seiten alles, um ihre Lager zu mobilisieren.
30 Prozent der Stimmen scheinen Frenzel in jedem Fall sicher
Für die TUI reiste Finanzvorstand Rainer Feuerhake zu den institutionellen Investoren. Zürich, London, Frankfurt hießen die Stationen der Roadshow. Zurück kehrte die TUI-Truppe mit demonstrativer Zuversicht, man sei auf Wohlwollen der Aktionäre getroffen, heißt es. Was sollen sie auch anders sagen in dieser heißen Phase? 30 Prozent der Stimmen scheinen Frenzel in jedem Fall sicher, dafür bürgen die ihm wohlgesinnten Investoren; vorneweg der russische Stahlmilliardär Andrej Mordaschow sowie die spanische Rui-Familie.
Auf mindestens 30 Prozent taxiert auch Fredriksen seine Unterstützer. Auf seine Seite schlägt sich der große britische Pensionsfonds Hermes, der Frenzel seit geraumer Zeit zusetzt und aktuell über 0,6 Prozent der TUI-Aktien verfügt. Nach zwei Jahren intensiver Gespräche mit der TUI sehen wir wenig Veränderung, deshalb werden wir für die Abwahl des Aufsichtsratsvorsitzenden stimmen, kündigt Hermes-Direktor Hans-Christoph Hirt an - und stimmt ein in die Kritik am Wertvernichter Frenzel: Der strategische Schlingerkurs hat zu der unbefriedigenden Performance der TUI-Aktie beigetragen. Bei der TUI gibt es keine langfristige strategische Planung.
Die TUI-Führung wird von Aktionären mit Partikularinteressen gestützt
Hermes halte seit mehr als 14 Jahren TUI-Aktien und sei an einer langfristigen Wertsteigerung interessiert, sagt Hermes-Manager Hirt, erbost über Frenzels Einteilung der TUI-Eigner in zwei Gruppen: die guten, stabilen Aktionäre (die ihn stützen) auf der einen Seite, die kurzfristigen, spekulativen auf der anderen. Hirt zieht die Grenze anders: Die TUI-Führung wird vor allem von Aktionären mit Partikularinteressen gestützt. Drastischer formuliert: Die Russen, Spanier und Marokkaner, die Frenzel als Aktionäre gewonnen hat, wollen in erster Linie Geschäfte mit dem Konzern machen, denen geht es nicht um den Wert ihres Aktienpakets. Die aus diesem Kreis vom TUI-Vorstand handverlesenen Aufsichtsräte erfüllen deshalb keine Kontrollfunktion, monieren Fonds-Manager seit Jahren und kritisieren die erheblichen Interessenskonflikte.
Frenzels jüngstes Manöver, den Aufsichtsrat Franz Vranitzky noch schnell vor der Hauptversammlung gegen einen Gefolgsmann Mordaschows auszuwechseln, sehen die Investoren deshalb voller Argwohn: Typisch TUI, wieder holt sich Frenzel einen Verbündeten statt einem Kontrolleur, schimpft der Vertreter einer namhaften deutschen Fonds-Gesellschaft. Es sind beileibe nicht nur die angelsächsischen Investoren, die mit Fredriksen sympathisieren - der Widerstand gegen Frenzel und seinen Chefaufseher Krumnow ist breiter geworden. Und was eine rebellische Minderheit bewirken kann, das hat das Beispiel der Deutschen Börse vor drei Jahren gezeigt: Dort hat Christopher Hohn mit seinem Hedge-Fonds TCI den Vorstandsvorsitzenden Werner Seifert und den Aufsichtsratschef Rolf Breuer aus den Ämtern gedrängt.
Breuer hatte sich damals die Schmach einer Abwahl nur dadurch erspart, dass er gegenüber den Angreifern kapituliert hat. Diesen Zeitpunkt hat sein ehemaliger Deutsche-Bank-Kollege, der TUI-Aufsichtsratschef Jürgen Krumnow, verpasst. Zum Rückzug ist es jetzt wohl zu spät. Krumnow muss am Mittwoch an der Seite von Frenzel kämpfen.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, F.A.Z.
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| Euro/Dollar | 1,56 | +0,00 |
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