Von Daniel Schäfer und Gerald Braunberger
15. Mai 2008 Es sei kein Vergnügen, mit der Commerzbank Verhandlungen zu bestreiten, sagte dieser Tage ein bedeutender deutscher Bankmanager. Die führen sich derart selbstbewusst auf, dass man meinen könnte, die Commerzbank gehöre zu den zehn größten Banken der Welt, erläuterte er seine Einschätzung. Der selbstbewusste Blick auf das eigene Haus gehört zu den Konstanten in der Führung der Commerzbank - mögen auch die Personen wechseln, die an der Spitze der zweitgrößten deutschen Geschäftsbank stehen.
Die Commerzbank vollzieht an diesem Donnerstag einen bedeutsamen Personalwechsel. Der 72 Jahre alte Aufsichtsratsvorsitzende Martin Kohlhaussen tritt altersbedingt in den Ruhestand. Er räumt seinen Stuhl für den 63 Jahre alten bisherigen Vorstandssprecher Klaus-Peter Müller. Die Rolle des Vorstandssprechers übernimmt Martin Blessing, der mit seinen erst 44 Jahren einen Generationswechsel verkörpert.
Drei Typen deutscher Bankmanager
Kohlhaussen, Müller und Blessing stehen für drei Typen deutscher Bankmanager, anhand deren sich der Wandel aufzeigen lässt, den die Branche innerhalb von knapp 20 Jahren durchlebt hat. Kohlhaussen stand vor allem in seiner Zeit als Vorstandssprecher (1991 bis 2001) für die alte deutsche Bankenherrlichkeit und die sich allmählich auflösende Deutschland AG. Äußerlich stets kontrolliert wirkend und damit das genaue Gegenteil seines bulligen Vorgängers Walter Seipp, verordnete Kohlhaussen der Bank eine mehr auf Ertragskraft als auf schiere Größe zielende Strategie. Kohlhaussen zählte aber noch zu jener Kaste deutscher Bankmanager, die, mit einem starken Ego ausgestattet, die Bedeutung ihrer Häuser überschätzten und im Unterschied zu ihren Kollegen in anderen Ländern überfällige Zusammenschlüsse von Großbanken an persönlichen Unverträglichkeiten scheitern ließen.
Die Scherben dieser Gutsherrenmentalität musste sein Nachfolger Klaus-Peter Müller aufsammeln. Als der Sohn eines einstigen Düsseldorfer Oberbürgermeisters im Mai 2001 von Kohlhaussen den Stab übernahm, stand die Bank dem Abgrund nahe. Der Börsenwert war auf 4 Milliarden Euro abgestürzt, Gerüchte über Liquiditätsschwierigkeiten drohten eine sich selbst erfüllende Prophezeiung zu werden, und die Bank schien an hohen Wertberichtigungen zugrunde zu gehen. Müller brachte eine neue, weniger antiquierte Führungskultur in die Bank, in welcher der eloquente Rheinländer seine gesamte Karriere verbrachte.
Gut, aber nirgendwo so richtig an der Spitze
Der nie um einen flotten Spruch verlegene Müller verordnete der Bank eine Schrumpfkur, schloss Filialen, verkleinerte das Investmentbanking radikal und strich zahlreiche Stellen. Damit brachte er die Commerzbank in wenigen Jahren auf einen profitablen Kurs zurück und trug mit seiner rheinischen Frohnatur überdies dazu bei, das gelbe Institut in der Öffentlichkeit als Sympathieträger zu etablieren. Während die Dresdner Bank und die bayerische HVB in dieser Zeit ihre Unabhängigkeit verloren, zog sich die Commerzbank aus eigener Kraft aus dem Sumpf.
Gleichwohl schien auch während Müllers Ägide die Fahne der Commerzbank immer ein wenig höher zu hängen, als ihre tatsächliche Position in der internationalen Bankenlandschaft es rechtfertigte. Als eine von zwei börsennotierten deutschen Großbanken stellt Müller sein Haus auf eine Stufe mit der Deutschen Bank. Letztere hat freilich im vergangenen Jahr einen dreimal größeren Gewinn erwirtschaftet. Dabei gelang es Müller nicht, einen Ausweg aus dem strategischen Dilemma der Commerzbank zu finden: Sie ist in allen Geschäftsbereichen gut, aber nirgendwo so richtig an der Spitze. Und vor allem kann sie im internationalen Konzert nicht mitspielen, denn dafür fehlt ihr die schiere Größe.
Schnelles Handeln ist gefragt
Ebenjenes Dilemma zu lösen, tritt nun die dritte Bankergeneration an. Mit Martin Blessing rückt nun auch in der 138 Jahre alten Commerzbank ein Banker neuen Typs an die Spitze: Der hochaufgeschossene Zahlenmensch hat in Frankfurt, St. Gallen und Chicago studiert und anschließend eine Blitzkarriere bei der Unternehmensberatung McKinsey absolviert. Darauf folgten der Wechsel zur Dresdner Bank und anschließend zur Commerzbank, wo ihn Müller erst das Privatkunden- und anschließend das Mittelstandsgeschäft sanieren und zu hochprofitablen Geschäftszweigen ausbauen ließ.
Der schlagfertige Blessing hat in seiner neuen Rolle nicht viel Zeit, lange über die Strategie der Bank nachzudenken. Schnelles Handeln ist gefragt, denn ähnlich wie zur Zeit der Machtübernahme durch Müller spricht wieder einmal jeder mit jedem in der Bankenbranche. In guter Tradition des Hauses agiert Blessing sehr selbstbewusst. Am liebsten würde er die Bank als führende Kraft in ein Bündnis entweder mit der wohl bald zum Verkauf stehenden Postbank oder mit der sich gerade auf eine Abspaltung vom Allianz-Konzern vorbereitenden Dresdner Bank führen - und am liebsten in eine Allianz mit beiden Häusern. Doch die Gefahr ist groß, dass diese Projekte an einem zu großen Selbstbewusstsein scheitern - wie im Jahr 2000 die Gespräche seines Vorvorgängers mit der Dresdner Bank.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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