31. Januar 2005 Ankleiden, gehen und auch fernsehen fällt ihnen zunehmend schwerer. Sie vergessen oft, wo sie Brille oder Zeitung abgelegt haben. Auch versäumen sie, nach dem Essen den Tisch abzuräumen und das Geschirr in den Spüler zu stellen. Bisweilen unterbleibt sogar der Gang zur Toilette: Es sind Alltäglichkeiten, mit denen Alzheimer-Kranke nach und nach immer weniger zurechtkommen. Viele Jahre lang konnten Frauen und Männer mit schwerer Alzheimer-Demenz in Europa nicht auf wirksame Medikamente hoffen. Erst seit dem Herbst 2002 gibt es ein Mittel, das ihr Leiden lindert und ihnen den Tagesablauf erleichtert. Der Wirkstoff wird Memantine genannt und ist keineswegs von einem börsennotierten Konzern wie Pfizer oder Sanofi-Aventis entwickelt worden. Vielmehr stammt er aus den Labors der Frankfurter Merz Pharma KGaA.
Seit April 2004 wird dieses Mittel des mittelständischen Unternehmens auch in Amerika verkauft. Und Merz hofft darauf, den Patientenkreis und mithin den Markt für Memantine ausdehnen zu können: Den Antrag auf Zulassung für die leichten Alzheimer-Stadien hat das Unternehmen bei der europäischen Zulassungsbehörde EMEA eingereicht.
Mittel gegen neurologische Erkrankungen und Schönheitspillen
Die Merz Pharma ist neben dem Schreibgeräterhersteller Merz & Krell eine der großen Tochtergesellschaften der Merz KGaA mit Sitz im Frankfurter Nordend - und hat auch dort zunehmend Arbeitsplätze geschaffen. Zu Merz Pharma zählt zum einen die Tochter Merz Pharmaceuticals, die Memantine sowie andere innovative Mittel gegen Alzheimer, Depression und Parkinson entwickelt hat. Die Consumer Care-Sparte mit den Marken Tetesept und Spezial-Dragees sowie die auf künstliche Zähne und Füllmaterialen spezialisierte Dental-Tochter komplettieren das Sortiment der Merz Pharma, die auch Tochterfirmen in Österreich, der Schweiz und den Vereinigten Staaten hat.
Die seit Jahrzehnten vertriebenen Spezial-Dragees, die der Schönheit dienen sollen, und die Tetesept-Linie mit Vitamintabletten und Badezusätzen sind bekannter als die innovativen (ethischen) Medikamente gegen Erkrankungen des Nervensystems und der Seele. Dafür sorgen schon Anzeigen und Werbefilme in den Medien. Gleichwohl: Die ethischen Arzneimittel wie das unter dem Namen Axura vertriebene Memantine, das ebenfalls 2002 auf den Markt gebrachte Anti-Depressivum Solvex (Reboxetin) und das seit längerem vertriebene Parkinsonmittel PK-Merz sind das Hauptgeschäft. Rund drei Viertel des Umsatzes erzielt Merz Pharma mit Arzneimitteln. Im Geschäftsjahr 2003/04 erlöste das Unternehmen 304 Millionen Euro.
Zahl der Arbeitsplätze auch in Frankfurt erhöht
Anders als börsennotierte Konzerne wie Bayer fällt es nicht durch Arbeitsplatzabbau in Deutschland auf. Obwohl die Gesundheitspolitik mit Festbeträgen für innovative Arzneimittel bei forschenden Arzneimittelherstellern auf heftige Kritik stößt und Konzernen bisweilen als Anlaß für die Drohung dient, hierzulande Stellen zu streichen. Das 1908 gegründete Unternehmen hat im Geschäftsjahr 2003/04 die Zahl der Mitarbeiter auf von 1.072 auf 1.129 erhöht; rund 400 davon sind im Nordend tätig. Von dem Zuwachs hat auch der Standort Frankfurt profitiert: Die Belegschaft wurde um zwölf Prozent aufgestockt. Stellen geschaffen hat das Unternehmen nicht zuletzt in Forschung und Entwicklung, in der derzeit 111 Frauen und Männer arbeiten. Und weitere sollen nach Angaben des Unternehmens hinzu kommen.
Weil Merz Pharma geschäftlich erfolgreich ist und neue Mitarbeiter einstellt, ist es gerade beim Wettbewerb Hessen-Champion mit dem zweiten Platz belohnt worden. Schon 2002 gab es für das Alzheimer-Mittel den Innovationspreis der Deutschen Wirtschaft. Von fachmedizinischer Seite wird Memantine bescheinigt, in schweren Stadien der Krankheit das Fortschreiten der Symptome zu verzögern. Das Mittel ist sehr gut verträglich und eine wichtige Ergänzung des Behandlungsspektrums, sagte der Leiter des Alzheimer-Zentrums an der TU München, Professor Alexander Kurz, dieser Zeitung. Bei der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft wird aber bezweifelt, daß alle für die Gabe von Memantine in Frage kommenden Patienten dieses Mittel auch verschrieben bekommen und erhalten.
Großes Aufsehen in den Vereinigten Staaten
Memantine hat auch und gerade in den Vereinigten Staaten für Aufsehen gesorgt. Ein Grund: Die entsprechende Stoffklasse war zuvor dort nicht verfügbar. Folglich hat Merz den Hunger nach Innovationen bedient. Neu war Memantine indes nicht, als es 2002 unter dem Namen Axura auf den Markt kam. Vielmehr war es zuvor jahrelang verschrieben worden, um verschiedene hirnorganische Zustände wie zum Beispiel andere Formen der Demenz zu therapieren. Nach intensiven Forschungen und weiteren Studien von Merz Pharma wurde es schließlich für mittlere und schwere Stadien bei Alzheimer im Frühjahr 2002 zugelassen.
Die angestrebte Zulassung auch für leichte Stadien eröffnete Merz Pharma weiteres Umsatzpotential. Zwar wäre das Mittel in diesem Segment nicht konkurrenzlos. In diesem Fall wäre Merz Pharna aber der einzige Arzneimittelhersteller, der Mittel gegen alle Stadien der Alzheimer-Krankheit verkaufen kann. Die Zulassung wäre der nächste Meilenstein, heißt es mithin bei dem Unternehmen. Während die europäische Fachbehörde den Antrag prüft, forscht Merz Pharma mit anderen Wirkstoffen zur Behandlung von neurologischen Erkrankungen. Der Anteil der in die Forschung fließenden Gelder beträgt 20 Prozent gemessen am Umsatz.
Begehrten Investment-Grad erreicht - Aber kein Börsengang
Über die Ertragslage hüllt sich das Unternehmen, das in Frankfurt eine Alzheimer-Stiftungsprofessur finanziert, in Schweigen. Schlecht kann es aber nicht verdienen. Denn Merz hat seine Kreditwürdigkeit von der Deutschen Bank prüfen lassen und einen begehrten Investment-Grad bescheinigt bekommen. Auf seinem Weg zur Kapitalmarkt-Fähigkeit scheint das Unternehmen mithin gut voranzukommen. Bis auf weiteres werden aber keine Merz-Aktien auf dem Frankfurter Parkett gehandelt werden: Ein Börsengang ist derzeit nicht geplant, heißt es auf der Internetseite des Konzerns.
Text: @thwi
Bildmaterial: Archiv
Kommentar: Karstadt und der Plan ![]()
Röttgen und Brüderle: Die Energieminister
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