Deutsche Bank

Die neue Einsamkeit des Josef Ackermann

Von Rainer Hank und Georg Meck

Ackermann und die Deutschen: Der große Roman hat ein neues Kapitel bekommen

Ackermann und die Deutschen: Der große Roman hat ein neues Kapitel bekommen

25. Oktober 2008 Er ist jetzt wieder ganz allein. Alle dreschen auf ihn ein: härter, grausamer als jemals zuvor. Josef Ackermann, der Schweizer, hat alle Hochs und Tiefs in Deutschland erlebt. Aber so hoch oben wie in den vergangenen Monaten war er noch nie. So tief gefallen wie in der letzten Woche ist er ebenfalls noch nie. Ob er sich davon je wieder erholen wird, ist ziemlich ungewiss.

Ein einziger Satz des Deutsche-Bank-Chefs hat eine Lawine der Abscheu und Verärgerung ausgelöst. Er persönlich würde sich „schämen“, wenn seine Bank in der Krise vom Staat Geld annähme, soll Ackermann vor Spitzenmanagern seiner Bank gesagt haben.

Seit dem stolzen Interview, in dem Ackermann auch einmal selbst seine Rolle herausstreichen wollte, prasselt die Kritik auf ihn nieder

Seit dem stolzen Interview, in dem Ackermann auch einmal selbst seine Rolle herausstreichen wollte, prasselt die Kritik auf ihn nieder

Bis heute ist nicht gänzlich geklärt, was er wirklich gesagt hat, weil die Bank das Zitat weder dementiert noch bestätigt. „Die Deutsche Bank braucht kein Kapital vom Staat“, hat er anschließend noch einmal offiziell nachgelegt, ausgerechnet in der Boulevardzeitung „Bild am Sonntag“. Und buchstäblich alle Welt bestraft ihn dafür jetzt. Als Tolpatsch, Egoist, Spielverderber und Gemeinwohlschänder wird er beschimpft.

Ackermann weiß nicht, wie ihm geschieht

Ackermann weiß nicht, wie ihm geschieht: Muss man sich heute als Bank schämen, wenn man kein Geld vom Staat nimmt? Ist Eigenständigkeit - in Zeiten, in denen Banker überall versagt haben - kein Grund zu Stolz und Selbstbewusstsein? Ackermann leidet und versteht die Welt nicht mehr.

Wäre es doch nur bei den Albernheiten des Tatort-Kommissars Peter Sodann geblieben. Der hat gesagt, er würde den Chef der Deutschen Bank am liebsten einmal richtig verhaften. Und Ackermann hat geantwortet, da werde einem ja angst und bange um das deutsche Land. Dass die Linken ihn nicht lieben, das ist der Banker gewohnt. Es schmerzt ihn auch dann nicht besonders, wenn der Linke ein populärer Ex-Fernsehstar und Bundespräsidentenkandidat ist.

Viel schlimmer aber wiegt die Kritik des neuen deutschen Polittraumpaares Angela Merkel und Peer Steinbrück: „Äußerst bedenklich, unverständlich und völlig unakzeptabel“ sei Ackermanns Bemerkung, ließen die beiden über ihren Regierungssprecher am Wochenbeginn ausrichten. Auch im Verlauf der Woche sah das politische Berlin keinen Anlass, von dieser harten Schelte im Stakkato-Ton etwas zurückzunehmen.

Dass Ackermanns professionelle Imagepolierer mit gestelzten, aber nichtssagenden Formulierungen („im Zusammenhang mit der Kontroverse um die Inanspruchnahme“) in der Hauptstadt gut Wetter machen wollten, hat die Sache auch nicht gebessert.

Finanzwelt distanziert sich wie noch nie

Bis heute ist nicht gänzlich geklärt, was Ackermann wirklich gesagt hat

Bis heute ist nicht gänzlich geklärt, was Ackermann wirklich gesagt hat

Verheerend für Ackermann aber ist, dass die Finanzwelt sich von der Deutschen Bank distanziert wie bislang noch nie. Es gibt Krieg innerhalb der Bankerkaste, und alle zeigen mit dem Finger auf die beiden Frankfurter Glastürme und den Chef. „Ackermann hat sich isoliert. Der Riss ist nicht mehr heilbar“, heißt es in Frankfurter Bankenkreisen: „Er schadet dem Finanzplatz.“

Üblicherweise stehen Banker eng zusammen, wenn es gegen die böse Welt zu kämpfen gilt. Jetzt solidarisieren sie sich mit der Politik gegen Ackermann, wenngleich aus anderen Motiven. Und die Angestellten der Deutschen Bank sind verstört über den zum Fehltritt gewordenen Auftritt ihres Chefs, der sie alle in Misskredit gebracht hat. „Dabei lief doch alles so gut“, sagt einer von ihnen.

Es war tatsächlich supergut für Ackermann gelaufen. Endlich sei der Schweizer in Deutschland angekommen, hieß es. Er hatte sich einen neuen Medienberater genommen, ein neues Image gebastelt und die Ernte harter Arbeit in die Scheunen gefahren.

„Wir sind unter den Weltbesten“, ließ Ackermann im Frühjahr 2007 verkünden und merkte an: „Wenn es der Bank so gut geht, geht es mir auch gut.“ Nicht nehmen ließ er es sich auch, milde auf jene herabzublicken, die ihn einstmals für einen Anspruch von 25 Prozent kritisiert hatten. „Jetzt sind wir bei 45 Prozent, da sind 25 Prozent schon eine große Enttäuschung.“ Er sei überzeugt, dass es noch besser gehe: „Der Druck treibt mich an.“

Erst vor einem Jahr: Versöhnung mit den Deutschen

Niemand hat das damals arrogant gefunden. In jenen Zeiten, als der Dax wieder Fahrt gewonnen hatte und auch die Depots der normalen Leute beträchtlich dicker wurden, feierten die Deutschen die Versöhnung mit Josef Ackermann, und er versöhnte sich mit den Deutschen. Die Sehnsucht nach einem anerkannten Wirtschaftsführer siegte über das Ressentiment gegenüber dem Finanzkapitalisten und das Unbehagen an Ackermanns 14-Millionen-Einkommen. Unmerklich war der Mann mit der Vorliebe für Wall Street und ein bisschen Luxus („ein Porsche in der Garage, ein Steinway-Flügel im Wohnzimmer und ein gutes Glas Bordeaux im Restaurant“) zum Praeceptor Germaniae geworden und in die Nachfolge der abgehalfterten Pierers und Schrempps getreten.

Die Kanzlerin, mit ihrem feinen Gespür für Veränderungen auf den gesellschaftlichen Macht- und Statusskalen, machte den Schweizer zu ihrem Lieblingsbanker. Aus Anlass seines 60. Geburtstags am 7. Februar gab Angela Merkel für Josef Ackermann ein Abendessen im kleinsten Kreis, bei dem der Jubilar sich seine Gäste selbst aussuchen durfte. So viel zuvorkommende Ehre wurde noch selten einem Wirtschaftsführer zuteil.

Der geborene Counterpart für die Politik

Kein Wunder, dass in der anschwellenden Finanzkrise Ackermann der geborene Counterpart für die Politik wurde. Als „Primus inter pares“, als Erstling, neben dem die anderen Top-Manager zurückzutreten hatten, warteten regelmäßig alle, bis er das entscheidende Wort sprach. Das Schicksal des Finanzsystems lag in all den kritischen Tagen in den Händen einer kleinen Gruppe, zu der neben Kanzlerin und Finanzminister mal der Bundesbank-Chef, mal der oberste Finanzmarktkontrolleur oder der erste Mann des Bankenverbandes zählten.

Aber immer war Josef Ackermann dabei, der Mann, der auch der internationalen Bankervereinigung vorsteht. In Washington, auf dem G-7-Gipfel, führte er in dieser Funktion das Wort. Ehe noch das von der Deutschen Bank finanzierte Konzert zu Ehren von Staatschefs und Hochfinanz beendet war, flog er zurück nach Deutschland, zusammen mit Peer Steinbrück.

Natürlich saßen in diesen vielen Krisensitzungen nicht immer die obersten Chefs zusammen. Die operative Arbeit verlagert man in solchen Fällen auf die Ebene der Staatssekretäre und Fachleute. Aber immer wieder müssen die Verantwortlichen zum Telefon greifen. Wenn es sein muss, auch sonntags nachts zwischen ein Uhr und halb zwei, als Ackermann und Merkel sich am frühen 29. September auf die Rettung der Hypo Real Estate einigten. Eine Woche später war alles wieder Makulatur, weil es um die Hypothekenbank noch schlimmer bestellt war als gedacht. Und abermals war es Ackermann, dessen Prüfer den Schrecken nach Berlin kabelten und mit der Steinbrück-Truppe ein zweites Mal um einen Ausweg rangen.

Gewiss, da gab es stirnrunzelnde, augenrollende Zögerlichkeiten bei Steinbrück (der kann bekanntlich poltern, wenn er das will), warum ausgerechnet Ackermann, der oberste Marktwirtschaftler der Nation, plötzlich so scharf auf Staatseingriffe und Staatsgeld sei. Aber dann zimmerten sie zusammen den Plan B und schmiedeten ein Rettungspaket von 500 Milliarden Euro zur Kapitalstärkung deutscher Finanzinstitute. Alles zur Rettung der Volkswirtschaft. Politische und wirtschaftliche Interessen schienen ineinander verschmolzen, zur Verhinderung des finanziellen Kollapses und zum Wohle der Bürger.

Als das Unheil seinen Lauf nahm

Dann nimmt das Unheil seinen Lauf. Seit vergangenem Sonntag, seit dem stolzen Interview, in dem Ackermann auch einmal selbst seine Rolle herausstreichen wollte, prasselt die Kritik auf ihn nieder. Er selbst ist längst wieder unterwegs, in Amerika und sonst wo, auf zu den nächsten Krisenherden. Überrascht, verstört zeigt er sich, als ihm von den Angriffen in der Heimat berichtet wird. Mag er in dem Moment noch hoffen, die Kanzlerin werde die Sache zu seinen Gunsten wenden, so hat er sich getäuscht. Maßlos geärgert habe sich Angela Merkel, wird in Berlin kolportiert. Sogar die Verleihung eines harmlosen Zukunftspreises in Nordrhein-Westfalen an ihren zeitweiligen Lieblingsmanager durchkreuzt sie: Mitte November, unter Mitwirkung des CDU-Ministerpräsidenten Rüttgers, hätte Ackermann ausgezeichnet werden sollen. Jetzt hat sich die Stimmung gedreht. Ackermann beendet das kleinliche Hickhack um die Auszeichnung und verzichtet von sich aus.

Schon am Montagmorgen fallen die Minister im Kabinett über ihn her. Als grob undankbar werten sie Ackermanns Verhalten. Zutiefst illoyal und unprofessionell. Ein absoluter Fauxpas. Als der Regierungssprecher den Zorn der Kanzlerin auch noch nach außen trägt, ist Ackermann wieder der altbekannte Buhmann. Der arrogante Tropf, der die Wirkung seiner Worte nicht unter Kontrolle hat. Inkompatibel mit der Welt der Politik. „Der wird nie verstehen, wie das Geschäft hier funktioniert“, sagt einer aus der Regierungszentrale. Nachdem die Politik ihr Notpaket in einer Woche durchgepaukt hat, verteidigen die Abgeordneten übers Wochenende im Wahlkreis die Milliardenhilfen für die Banken - und Ackermann versagt ihnen Demut und Dankbarkeit.

Ackermann sitzt in der Falle. Hätte er die Milliarden annehmen sollen? Dastehen als ein Mann, der Subventionen vom Steuerzahler einstreicht, die er gar nicht braucht? Das Echo im Volk wäre leicht vorherzusehen gewesen. Das der Märkte auch: Die Bank hat es wohl nötig. Die Mehrheit der Deutsche-Bank-Aktionäre sind Ausländer, die verschreckt Ackermann, wenn der Staat sich in das Geschäft einmischt. Einen in die Tiefe stürzenden Kurs prognostizierten Ackermanns Vertraute. Und was sagen wohl die eigenen Investmentbanker? Die Truppe erwartet Selbstbewusstsein und keine Almosen vom Staat.

Verzicht auf Bonus als PR-Gag gewertet

Plötzlich sind alle gegen ihn, wie immer er es anstellt. Schon die Geste, auf seinen Millionen-Bonus zu verzichten (zugunsten derer, die es „nötiger haben in der Bank“), wurde nicht als Großmut gewertet, sondern als PR-Gag. Um die Gunst des Zeitgeistes zu gewinnen, hätte Ackermann wahrscheinlich seine Villa für Obdachlose räumen müssen. Doch auch die Kollegen in den Bankentürmen kreideten ihm eine „durchschaubare persönliche Profilierung“ an. Für die in diesen Kreisen gepflegte Diskretion liest sich die Reaktion des Commerzbank-Chefs Martin Blessing äußerst giftig: „Ich kann doch nur auf etwas verzichten, was ich verdient habe“, antwortete Blessing auf die Frage, ob er, dem Beispiel Ackermanns folgend, auch seinen Bonus spenden mag. Ohrfeigen dieser Lautstärke wurden in Frankfurt selten vernommen.

Als es in Berlin um den Rettungsfonds ging, haben die Commerzbank-Oberen, der aktuelle Chef wie sein Vorgänger und Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller, noch eng kooperiert, auch diese Harmonie hat sich in den vergangenen Tagen verflüchtigt. Zwischen Müller und Ackermann herrscht inzwischen Funkstille.

Niemand findet sich mehr am Bankenplatz, der Ackermann herzhaft verteidigt. Nicht aus enttäuschten Gefühlen, so denken sie hier nicht, sondern aus Furcht ums Geschäft. Als Gefahr für den Finanzplatz bezeichnen manche nun den Deutsche-Bank-Chef: „Er hat uns allen geschadet.“

Ziel des Rettungspaketes, so argumentieren die Gegner, sei es gewesen, das Vertrauen zwischen den Banken wiederherzustellen und den Geldkreislauf in Schwung zu bringen. Wenn Ackermann nun diejenigen stigmatisiere, die die Hilfe beanspruchten, dann wirke das ziemlich daneben: „Dann nimmt nur die Bank Geld, die so oder so vor dem Exitus steht. Der Steuerzahler wirft dann gutes Geld dem schlechten hinterher“, erklärt ein Investmentbanker. Für die Stabilität des Finanzwesens wäre damit nichts gewonnen. „Vertrauen entsteht nur, wenn eine große Gruppe neues Kapital nimmt.“

Merkel und Steinbrück wäre es von Anfang an am liebsten gewesen, die Banker hätten sich untereinander abgesprochen und wären geschlossen zur Auszahlung der staatlichen Milliarden angetreten - auch jemand wie Ackermann, der die Hilfe nicht nötig hat. Steinbrück, der sich angesichts um Staatsrettung flehender Banken derzeit gerne als Ordnungspolitiker gibt, hatte sich immer gesträubt, die Banken per Gesetz zur Annahme von Steuergeld zu verpflichten.

Zwangsbeglückung nie offensiv vertreten

Ackermann hat die Position der Zwangsbeglückung nie offensiv vertreten, obwohl sie ihm womöglich genutzt hätte: Er hätte sich das Kapital vom Staat aufnötigen lassen können und das auch noch als solidarische Geste dargestellt: „Ich brauche die Milliarden nicht, nehme sie aber der gemeinsamen Sache willen.“

So ähnlich lief es in Amerika: Dort hat Finanzminister Hank Paulson die Chefs der neun führenden Banken einbestellt und ihnen nur gesagt: „Unterschreibt hier!“ Widerrede war nicht möglich, der Staat hat sich an den Banken mit Kapital beteiligt, ohne dass ein Gesetz sie dazu gezwungen hat. Dadurch haben sich selbst Häuser, die gut durch die Krise gesteuert sind, mit Milliarden vom Staat aufgesogen. Auch in England hat man es so ähnlich gemacht.

Jetzt schimpfen Ackermanns deutsche Kollegen wie die Rohrspatzen: Die angelsächsische Konkurrenz hänge die deutschen Banken ab. Und Ackermann soll an allem schuld sein. Denn von der Kapitalquote hängt ab, wie viel eine Bank noch riskieren darf, wie stark sie ihr Geschäft ausdehnen darf oder auf wie viel sie verzichten muss. Und Ackermann hat zum Makel erklärt, was andernorts zum Wettbewerbsvorteil gereicht. Kein Wunder, dass die Konkurrenten ihn verwünschen und hoffen, er werde zur Strafe bald selbst unter der Kapitalschwäche leiden.

Josef Ackermann und die Deutschen: Der große Roman hat ein neues Kapitel bekommen, seit die eigene Branche sich hierzulande von ihm abwendet. Jetzt sehen wir Tragik. Ackermann ist zum Opfer seines gerechtfertigten Stolzes geworden, seines Anspruchs und seines Ehrgeizes im Wettbewerb.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: ddp, Michael Hauri, REUTERS

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