Heinrich von Pierer und die Staatsanwaltschaft

Höchstens eine Million und ein Klecks auf der Weste

09. Mai 2008 Am Ende wird wohl nur ein kleiner Klecks auf der weißen Weste des Heinrich von Pierer bleiben. Im Schmiergeldskandal von Siemens glaubt die Staatsanwaltschaft auch nach einer Reihe neuer Zeugenaussagen nicht, dass sich der langjährige Firmenpatron nennenswert schuldig gemacht hat. Es gebe „keine zureichenden Anhaltspunkte für ein strafrechtlich relevantes Verhalten“, erklärten die Ermittler nach tagelanger Prüfung neuer Erkenntnisse. Höchstens eine Ordnungswidrigkeit könne dem 67-Jährigen vorgeworfen werden. Die drohende Geldbuße von bis zu einer Million Euro dürfte den vermögenden von Pierer weit weniger stören als sein Imageverlust in der jüngsten Zeit.

Es scheint schon ein bisschen verwunderlich, dass die Staatsanwaltschaft erst jetzt zu prüfen beginnt, ob von Pierers Rolle nicht zumindest als Ordnungswidrigkeit einzuordnen ist. Denn dabei geht es um die Frage, ob die alte Unternehmensleitung alles getan hat, um Straftaten im Konzern zu verhindern - die nach Bekanntwerden der Schmiergeldzahlungen in Milliardenhöhe bei Siemens eingeleiteten Schritte weisen darauf, dass dies ja wohl nicht der Fall war. Aber selbst wenn von Pierer deshalb belangt wird, wird er dies als Petitesse abtun können. Denn die Erklärung der Ermittler bedeutet, dass sie überzeugt sind, dass er nichts von den in seiner nächsten Umgebung eingefädelten Machenschaften mitbekommen hat.

Hilflos im Strudel von Distanzierungen und Beschuldigungen

Von Pierer hat seit Bekanntwerden der ersten Vorwürfe im Herbst 2006 immer beteuert, dass dem genau so war. Als was für ein Ehrenmann er damals noch galt, zeigten auch die Reaktionen: Selbst die kritischen Aktionärsschützer glaubten von Pierer seine Version und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sah keinen Grund, auf ihn als Chef des Innovationsrats der Bundesregierung zu verzichten. Doch mit dem immer weiter ausufernden Umfang des Skandals rückten gerade in den letzten Wochen immer mehr Unterstützer von von Pierer ab. Merkel löste - immerhin elegant - den Innovationsrat auf und ersparte von Pierer damit die Blöße, entlassen zu werden.

Von Pierer sah sich hilflos in diesem Strudel von Distanzierungen und Beschuldigungen. „Ich habe gesagt, dass es mir unendlich leid tut, mehr kann ich nicht machen“, sagte er in einem seiner wenigen Interviews. Nur in seinem Geburts- und Heimatort Erlangen stehen die Menschen so unerschütterlich zu ihm wie in seiner zwölfjährigen Vorsitzenden-Zeit, in der er den Ruf des „heiligen Heinrich“ hatte.

Er wurde Chef, als bei Siemens die Umsätze wegbrachen

38 Jahre war der am 26. Januar 1941 geborene Nachfahre Habsburger Militäradels bei Siemens. Nach der Promotion als Jurist und dem Diplom als Volkswirt begann er 1969 als Syndikus in der Rechtsabteilung. 1977 wechselte von Pierer zur Siemens-Tochter Kraftwerk Union AG (KWU), deren kaufmännische Leitung er nach der Integration in den Mutterkonzern übernahm. Ab 1989 führte er den Bereichsvorstand Energieerzeugung, 1990 wurde von Pierer Mitglied des Zentralvorstands, 1991 Vize-Chef und schließlich 1992 Vorstandsvorsitzender der Siemens AG.

Von Pierer übernahm die Konzernleitung in einer Zeit, als bei Siemens die Umsätze wegbrachen. Mit knallhartem Stellenabbau und einer stärkeren Ausrichtung der Geschäfte auf die Weltmärkte - vor allem das Potential Asiens nutzte von Pierer als einer der ersten in Europa - setzte er den Konzern wieder auf die Erfolgsspur und verschaffte sich selbst in Umfragen den Titel „mächtigster Manager Deutschlands“. Preußische Selbstdisziplin kennzeichnete den Vater von drei Kindern in all den Jahren dieser Erfolgsgeschichte. Sein glänzender Ruf führte dazu, dass er 2004 sogar als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten gehandelt wurde.

„Wir sind doch nicht im Film!“

Der so angesehene von Pierer scheint deshalb an die Decke gegangen zu sein, als er in den jetzt nicht bestätigten Verdacht geriet, über seine politischen Kontakte krumme Geschäfte mit Argentinien eingetütet zu haben. „Wir sind doch nicht im Film! Wir sind hier doch nicht in 'Der Pate, Teil III'!“, regte er sich auf - und bekam nun von den Ermittlern Recht.



Text: FAZ.NET mit AFP
Bildmaterial: ddp, dpa

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