Von Lena Bopp
20. Mai 2008 Kevin Kuranyi mag ein guter Stürmer sein, seine modischen Fähigkeiten lassen hingegen ein bisschen zu wünschen übrig. Er ist der Letzte, der den Raum verlässt, in dem die deutsche Fußball-Nationalmannschaft vor ihrem Abflug in das Trainingslager nach Mallorca eingekleidet wurde. Im blauen Freizeitdress und nagelneuen, schwarzen Lederstiefeletten schlappt er hinter seinen Sportkameraden her und merkt nicht, dass seine Hosenränder auf den Stiefeln hängen und die Jacke im Hosenbund klemmt. Für den Sportler ist das eine Petitesse. Für den Produktmanager des Modehauses Strenesse, das für die Garderobe der Fußballer verantwortlich zeichnet, ist es eher peinlich. Er lacht trotzdem.
Nach der Weltmeisterschaft 2006 fertigt Strenesse in diesem Jahr zum zweiten Mal die Kleidung für Deutschlands beste Fußballer an: Ein "Casual-Outfit" und ein "formelles Outfit", beides in dem für Strenesse typischen Stil - klare, körpernahe Schnitte, keine ablenkenden Details, hochwertiges Material wie Kaschmir, Wolle und Seide. Gabriele Strehle, die den kreativen Bereich des Konzerns leitet, hat auch dieses Mal selbst an den Entwürfen mitgewirkt und das Besondere ihrer Marke dabei nicht aus dem Blick verloren. "Es war ihr wichtig, über die Kleidung der Fußballer eine Verbindung zur Kollektion herzustellen", sagt Produktmanager Alexander Bree.
Die Herrenlinie war das Sorgenkind des Hauses
Das dürfte dem Unternehmen gut tun, denn die Herrenlinie, mit der man 2001 auf den Markt kam, war jahrelang das Sorgenkind des Hauses. Vier Jahre hat der Nördlinger Familienkonzern nur Verluste eingefahren und stand 2006 kurz vor dem Aus. "Für sie war die Krise ein Schock, eine Niederlage, die sie erst einmal verarbeiten musste", hat Gerd Stehle einmal über seine Frau gesagt. Er selbst sah die stürmischen Zeiten als Ansporn, um Lösungen zu finden. Strehle setzte die beiden externen Manager, an die er 2005 die Geschäfte übergeben hatte, nach nur vier Monaten vor die Tür und übernahm selbst wieder den Vorstandsvorsitz. Seither ist alles wie früher: Er kümmert sich um das Geschäft, sie um das Design. Seit einiger Zeit ist Gerd Strehles Tochter Viktoria Strehle für die Flagstores und die Accesoire-Linie zuständig. Inspiration und Erholung sammelt der Clan an den Wochenenden nach wie vor im familieneigenen Bauernhaus am Tegernsee.
Nicht weit entfernt, in Hawangen im Allgäu, ist Gabriele Strehle aufgewachsen. Sie stammt aus einfachen Verhältnissen, hat die Hauptschule besucht, eine Maßschneiderlehre abgeschlossen und danach die Meisterschule für Mode in München absolviert. Im selbstgeschneiderten, hellgrünen Kleid stellte sie sich dann 1973 bei der Strehle KG in Nördlingen vor. Der Besitzer Gerd Strehle wollte seinem Modehaus, das bis dato eine eher preiswerte Damengarderobe kreiert hatte, einen jugendlichen Touch geben - und so wurde aus Strehle und Jeunesse das Label Strenesse.
Börsengang abgeblasen
Gabriele hat ihm bei der Suche nach der eigenen Linie geholfen, erst als Designerin, später als Leiterin der Kreativabteilung. Sie, die sich selbst als dünne, schüchterne und von Zweifeln angekränkelte junge Frau beschrieb, hat ihrem Chef die Stirn geboten, wenn es darum ging, ihre modischen Ideen umzusetzen. "Erst haben wir gestritten, dann haben wir uns verliebt", sagte Gerd Strehle. "Ich habe 20 Jahre gebraucht, um mit meiner Frau den richtigen Umgang zu finden. Jemand hat mal gesagt: Wenn ihr nicht mehr streitet, gibt's die Firma auch nicht mehr."
Danach sieht es derzeit aber nicht aus. Infolge der Krise hat man den Konzern umstrukturiert, den geplanten Börsengang abgeblasen sowie die Teilnahme an den großen Modenschauen in Mailand, Paris und New York abgesagt. Die Familie ist zusammengerückt, und der Familienkonzern - eines der wenigen deutschen Modelabels, die noch in eigener Hand sind - schreibt langsam wieder schwarze Zahlen. 73 Millionen Euro Umsatz hat Strenesse im Jahr 2007 gemacht und 379 Mitarbeiter beschäftigt. "Das ist das Strenesse-Tempo", sagt Strehle dazu. "Am besten sind wir, wenn es langsam geht. Geht's zu schnell, läuft's schief." Lena Bopp
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb
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