Pharma

Die Pharmabranche atmet erleichtert durch

15. April 2005 Für den zuletzt von schlechten Nachrichten gebeutelten Pharmasektor brechen wieder bessere Zeiten an. Der amerikanische Pharmakonzern Eli Lilly hat im Patentstreit um sein umsatzstärkstes Medikament Zyprexa gegen Schizophrenie vor Gericht einen wichtigen Sieg errungen. Auf die Entscheidung reagierte die Investmentbank Credit Suisse First Boston unmittelbar mit einer Heraufstufung des gesamten Pharmasektors. Auch die deutsche Fondsgesellschaft DWS sieht nun die Zeit für einen Wiedereinstieg in den Pharmasektor gekommen. "Der Wendepunkt ist da", sagte Fondsmanager Thomas Bucher, Leiter des Healthcare Teams von DWS, dieser Zeitung. Auf der ganzen Welt zogen die Kurse der Pharmaunternehmen am Freitag zum Teil deutlich an. Besonders beliebt waren Unternehmen wie Astra-Zeneca, Johnson & Johnson oder Bristol Myers Squibb, die vergleichbare, patentgeschützte Präparate im Angebot haben wie das betroffene Medikament von Eli Lilly.

Der Grund für die Euphorie: Die Entscheidung gilt als wegweisend für die Hersteller von Originalpräparaten in der Auseinandersetzung mit Anbietern von Nachahmermedikamenten (Generika) um die Gültigkeit von Patenten. "Das Urteil ist von grundsätzlicher Bedeutung, weil es nicht gelungen ist, ein Patent für eine Substanz anzufechten", sagt Bucher. "Wäre es geknackt worden, hätte man sich fragen müssen, welchen Wert Substanzpatente überhaupt noch haben." Analysten der Investmentbank Merrill Lynch bestätigten Bucher in dieser Ansicht. Als wahrscheinlich gilt, daß der Kurs von Eli Lilly bei einem Patentverlust um bis zu 30 Prozent eingebrochen wäre - und die Aktien der anderen Anbieter innovativer Arzneimittel mit nach unten gerissen hätte. Nun heißt es, der Sektor scheine überverkauft und die Fundamentaldaten erholten sich.

Nach dem Urteil bleibt das Zyprexa-Patent für das Schizophrenie-Mittel nun aber bis April 2011 in Kraft. Drei Generikahersteller, unter ihnen die amerikanische Ivax und der israelische Branchenriese Teva, hatten das Zyprexa-Patent angezweifelt. Für Eli Lilly kann die Bedeutung des Urteils nicht hoch genug eingeschätzt werden, denn das Unternehmen hat mit dem Medikament im vergangenen Jahr einen Umsatz von 4,42 Milliarden Dollar und damit fast ein Drittel seines Konzernumsatzes gemacht. Zwar haben die Generikahersteller angekündigt, in die Revision gehen zu wollen, doch wird diesem Vorstoß nur eine geringe Erfolgschance gegeben. Denn nach der Meinung von Bucher und seinen Kollegen bei der CSFB ist die 212 Seiten lange Urteilsbegründung höchst überzeugend. In ihr weist der Richter darauf hin, daß es keine klaren und überzeugenden Beweise dafür gegeben habe, daß das Zyprexa-Patent ungültig sei. Er stimmte allen Behauptungen, die Lilly zum Schutz seines Patents vorgetragen hatte, in vollem Umfang zu.

Nach Ansicht von Bucher steigt nun die Wahrscheinlichkeit, daß auch andere Pharmakonzerne in der Auseinandersetzung mit Generikaherstellern um die Gültigkeit des Patentschutzes ihrer eigenen Medikamente bessere Karten haben. So wird beispielsweise bei Pfizer der Patentschutz des Blutfettsenkers Lipitor angezweifelt. Lipitor ist das umsatzstärkste Medikament der Welt. Auch das Patent des Blutverdünnungsmittels Plavix der französischen Sanofi-Aventis wird gegenwärtig von Generikaherstellern angefochten. Diese Auseinandersetzung hatte Aventis bei seinem Kampf gegen die Übernahme durch Sanofi-Synthelabo immer wieder als Bedrohung für einen gemeinsamen Konzern angeführt. Bei CSFB hieß es zudem, daß die deutsche Altana AG, Bad Homburg, mit Blick auf die Patentsituation bei ihrem wichtigsten Präparat, dem Magenmedikament Pantoprazol, nun in einer aussichtsreicheren Position sei.

Die Eli-Lilly-Aktie gewann nach dem Urteil an der Börse im Verlauf 4 Prozent an Wert hinzu. Die Altana-Papiere stiegen in einem schwachen Marktumfeld um rund 1,8 Prozent. Nach den Worten von Bucher und seiner Kollegen profitiert die Pharmabranche zur Zeit aber nicht nur von der guten Nachricht aus dem amerikanischen Gerichtssaal. Hinzu komme, daß Wyeth und der amerikanische Merck-Konzern gute Zahlen vorgelegt hätten und die Tochtergesellschaft Genentech des Schweizer Roche-Konzerns ihr Biotech-Präparat Avastin künftig auch zur Behandlung von Brustkrebs einsetzen könne. Auch sei das von Pifzer angekündigte Kostensenkungsprogramm umfangreicher als erwartet ausgefallen.

Nicht zuletzt gewinne vor dem Hintergrund des derzeitigen Zustands der Weltwirtschaft ein Sektor wie die Pharmabranche, in dem die langfristigen Aufwärtstrends wegen der zunehmenden Alterung der Gesellschaft nach wie vor Gültigkeit hätten, als defensive Anlagestrategie an Wert. Für den gesamten Gesundheitsmarkt, zu dem unter anderen Anbieter von Medizintechnik, Krankenhäuser, Labors und Biotechnologieunternehmen zählen, erwartet Bucher mittelfristig ein jährliches Gewinnwachstum von 10 Prozent.

Der juristische Wettstreit zwischen Generikaherstellern und Pharmaunternehmen war in den vergangenen Jahren immer mehr zu einem Pokerspiel mit hohem Einsatz geworden. Schuld daran ist ein amerikanisches Gesetz aus dem Jahr 1984. Seither können Generikahersteller Patente vor Gericht anfechten. Bekommen sie recht, darf das Generikum Jahre früher auf den Markt kommen. Und manchmal bekommt der Hersteller sogar das Privileg, dieses Nachahmermedikament seinerseits für sechs Monate exklusiv vertreiben zu dürfen. Besonders Eli Lilly hat diese Erfahrung schon einmal machen müssen. Das Unternehmen hatte im Jahr 2001 sein Patent für das Antidepressivum Prozac verloren. Damals gewann der Generika-Hersteller Barr den entsprechenden Prozeß. Innerhalb von zwei Monaten verlor Eli Lilly fast drei Viertel seines Prozac-Umsatzes.

Mit Barr macht derzeit auch die Berliner Schering AG Bekanntschaft, dessen Verhütungsmittel Yasmin angefochten wird. Der Kurs der Schering-Aktie notierte am Freitag anders als die meisten übrigen Werte der Branche im Minus, was am Tag nach der Hauptversammlung aber mit der Notierung ex Dividende zu erklären ist.

Die Zukunft des vor Gericht siegreichen Unternehmens Eli Lilly sieht nach Ansicht der Analysten von CSFB nun nicht nur wegen des erfolgreich verteidigten Zyprexa-Patents besser aus, sondern auch, weil die Forschungspipeline erheblich besser gefüllt ist als bei vielen Wettbewerbern. Wichtige Studienergebnisse für drei Produkte in einer späten Phase der klinischen Entwicklung werden noch im Laufe dieses und des kommenden Jahres erwartet. (Kno.)

Text: F.A.Z., 16.04.2005, Nr. 88 / Seite 17

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