06. September 2007 Unter dem Eindruck der Turbulenzen an den Finanzmärkten haben die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank von England am Donnerstag auf die noch vor wenigen Wochen erwarteten Zinserhöhungen verzichtet. Sowohl der EZB-Rat als auch der Geldpolitische Rat der Bank von England stellten nach den Zinsentscheidungen klar, dass sie Inflationsgefahren sehen. Doch wollen die Zentralbanken warten, um besser einschätzen zu können, ob und wie sehr die Krise am Finanzmarkt sich auf das Wirtschaftswachstum und auf die Inflationsrisiken auswirkt.
Wegen der großen Unsicherheit ist es angemessen, weitere Informationen zu sammeln, bevor wir Schlussfolgerungen ziehen, sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet in Frankfurt vor Journalisten. Die EZB behielt ihre Neigung zu Zinserhöhungen bei, ließ sich aber alle Optionen offen. Im Euro-Raum liegt der Leitzins unverändert bei 4 Prozent, im Vereinigten Königreich bei 5,75 Prozent.
Die EZB gab am Donnerstag in einer Feinsteuerungsoperation für einen Tag Geld in den Markt, um die Anspannung am Markt für Tagesgeld zu beruhigen. Zugleich kündigte sie für kommende Woche ein zusätzliches langfristiges Refinanzierungsgeschäft mit der Laufzeit von 91 Tagen an. Dieser Langfristtender zielt darauf ab, die Turbulenzen am Markt für längere Geldleihe zu mildern. Nach Auskunft eines EZB-Sprechers werden die regulären kurzfristigen Geldmarktoperationen der EZB um das dann zusätzlich zugeteilte Geld entsprechend gekürzt.
Die EZB sieht weiterhin Inflationsrisiken
Trichet nannte es eine Kernaufgabe der EZB, um jeden Preis dafür zu sorgen, dass der Geldmarkt funktioniere. Diese Aufgabe der Zentralbank sei aber strikt zu trennen von der mittelfristig ausgerichteten Geldpolitik.
Der EZB-Präsident begründete die Finanzmarktturbulenzen vor allem mit der Unsicherheit der Händler, Investoren und Banken. Er forderte generell mehr Transparenz, um der Unsicherheit zu begegnen, und signalisierte eine Präferenz, dass diese Transparenz eher über Selbstverpflichtungen der Marktteilnehmer und nicht über Regulierung herbeigeführt werde. Die EZB trage zum Abbau der Unsicherheit am besten bei, indem sie ihren geldpolitischen Kurs verfolge und verhindere, dass die Inflationserwartungen stiegen.
Die Zentralbank sieht weiterhin Inflationsrisiken und hält das Wirtschaftswachstum im Euro-Raum und in der Weltwirtschaft nach derzeitigem Stand für robust. Die erwartete Abschwächung in den Vereinigten Staaten werde durch kräftiges Wachstum in den Schwellenländern kompensiert. Die EZB-Volkswirte erwarten, dass die Euro-Wirtschaft im kommenden Jahr zwischen 1,8 und 2,8 Prozent wachsen wird, bei einer Inflationsrate von zwischen 1,4 und 2,6 Prozent. Trichet hob hervor, dass die Spanne der Bandbreite auch die Unsicherheit reflektiere. Die Neubewertung der Risiken an den Finanzmärkten bezeichnete er als ein Risiko für das Wirtschaftswachstum, ebenso wie die globalen Ungleichgewichte, Protektionismus oder weitere Rohstoffpreissteigerungen. Inflationsrisiken sieht der EZB-Rat unter anderem in steigenden Energiepreisen und einem Anstieg der Lohnstückkosten.
Bank von England fokussiert das Inflatiosnziel
Analysten hatten auch von der Bank von England keine Zinserhöhung mehr erwartet. Diese erklärte in einer Mitteilung nach der Sitzung ihres geldpolitischen Komitees, der Preisdruck und die Inflationsgefahren seien noch etwas erhöht. Es ist aber zu früh, um abschätzen zu können, welche Auswirkungen die Erschütterungen an Finanzmärkten auf die Kreditvergabe an Unternehmen und Haushalte haben werden. Eine Beunruhigung über forderungsbesicherte Wertpapiere (ABS) habe zwar global zu Erschütterungen am Geldmarkt geführt. Das geldpolitische Komitee habe gemäß seines Auftrages jedoch auf die Einhaltung des Inflationsziels zu blicken.
Erst am Mittwoch hatte die Bank angekündigt, zusätzliche Liquidität in den Geldmarkt zu geben. In London fordern immer mehr Analysten, die Notenbanken müssten angesichts der Krise über ihren eng formulierten Auftrag der Inflationsbekämpfung hinausblicken und dem Markt mit beherzteren Schritten unter die Arme greifen.
In Amerika fällt die Zinsentscheidung am 18.September
In den Vereinigten Staaten wird der geldpolitische Ausschuss der Federal Reserve (FOMC) am 18. September eine Zinsentscheidung treffen und dabei vor allem die Aussagen des am Mittwochabend veröffentlichten Beige Books in Betracht ziehen. Aus dieser Analyse der Wirtschaftstätigkeit ging hervor, dass die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft noch begrenzt seien. Außerhalb des Immobilienmarktes gäbe es kaum Zeichen für eine eingeschränkte Kreditvergabe. Im August fiel die Zahl der verkauften Häuser indes unerwartet stark um 12,2 Prozent, was die Erwartung einer Zinssenkung schürte.
Trichet contra Sarkozy
EZB-Präsident Trichet hat Frankreichs Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy einen Verstoß gegen die Europäischen Verträge vorgeworfen. Der Maastricht-Vertrag verlange in Artikel 108 von den Regierungen und Politikern in Europa, nicht zu versuchen, die EZB zu beeinflussen, sagte Trichet. Wer behauptet, er habe uns beeinflusst, steht außerhalb des Vertrages. Wir sind unabhängig. Trichet reagierte auf einen Kommentar von Sarkozy, der noch während der EZB-Pressekonferenz angedeutet hatte, dass die Bank auf politische Wünsche reagiert habe. Ich sollte mich eigentlich dazu nicht äußern, aber es zeigt, dass unsere Anstregungen über die Zinssätze zu reden ... ein wenig Erfolg gehabt hat, hatte Sarkozy gesagt.
Text: pwe./bes./F.A.Z., 07.09.2007, Nr. 208 / Seite 13
Bildmaterial: AFP, F.A.Z., reuters
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