04. September 2006 Innovationen kosten Geld, in der Pharmaindustrie sogar sehr viel Geld. Rund 40 Milliarden Dollar gibt die Branche derzeit im Jahr für die Entwicklung neuer Medikamente aus. Die Ausgaben für die Forschung sind seit 1970 in jedem Jahr um 6 Prozent gestiegen. Ob sich der Einsatz des Geldes auszahlt, ist eine offene Frage. Die Antwort hängt davon ab, von welcher Seite man sich dem Problem nähert.
Betrachtet man allein die Zahl der Medikamente, die auf dem Weltpharmamarkt zur Zeit für einen Umsatz von jeweils mehr als 1 Milliarde Dollar gut sind, hat sich der hohe Einsatz gelohnt. Von diesen Verkaufsschlagern, den sogenannten Blockbustern, hatte die Industrie im Jahr 2000 insgesamt 36 im Angebot. Heute sind es mehr als 90. Und allein auf diese Präparate entfiel die Hälfte des gesamten Marktwachstums des vergangenen Jahres. Fachleute gehen davon aus, daß die Zahl dieser Kassenschlager-Medikamente in den kommenden Jahren sogar noch steigen wird.
Bedürfnisse bestimmter Patientengruppen
Andererseits erlebt die Branche soeben einen technologischen Übergang bei der Entwicklung ihrer Medikamente. Moderne, mit Hilfe der Biotechnologie entwickelte Präparate werden wichtiger. Diese Präparate sind individueller auf die Bedürfnisse bestimmter Patientengruppen zugeschnitten, werden damit aber auch nicht automatisch zu Umsatzrennern wie zum Beispiel Blutfettsenker, die die Ärzte pauschal einer großen Gruppe von Patienten verschreiben können.
Andererseits nimmt der Wechsel auf eine breite Verwendung dieser neuen Medikamentengeneration viel Zeit in Anspruch. Die Ära der Blockbuster ist also noch nicht abgelaufen. Neue Medikamente aus der Pharmaforschung, die in naher Zukunft auf den Markt kommen könnten und die entsprechenden Zulassungen zum Teil schon erhalten haben, sollen diesen Status nach dem Wunsch ihrer Hersteller erreichen.
Fusionierten Forschungsabteilungen
Dabei handelt es sich unter anderem um das Stoffwechsel-Präparat Accomplia (Rimonabant) von Sanofi-Aventis, das zum Beispiel als Appetitzügler für krankhaft Fettleibige eingesetzt werden kann, die Impfstoffe von Merck & Co. und Glaxo Smith Kline zur Vorbeugung gegen Gebärmutterhalskrebs oder das inhalierbare Insulin Exubera von Pfizer. Mit Blick auf die Forschung und den Einsatz finanzieller Mittel hat sich in den vergangenen Jahren allerdings durchaus gezeigt, daß Größe längst nicht alles ist.
So billigen die Analysten der Schweizer Bank UBS fusionierten Forschungsabteilungen zwar Größenvorteile auf bestimmten Gebieten wie dem Einsatz der Informationstechnologie und anderen übergeordneten Dienstleistungen zu. Auch sei es möglich, eine größere Zahl von Zielmolekülen zu erforschen. Allerdings brauche ein größeres Unternehmen eben auch mehr neue Medikamente, um sein Wachstumstempo überhaupt halten zu können. Zugleich leide in der größeren Organisation die unternehmerische Kreativität der Forscher. Bei einem Zusammenschluß von zwei Pharmakonzernen seien Vorteile bei der Forschung und Entwicklung jedenfalls besonders unsicher, heißt es bei der UBS.
Text: Kno. / F.A.Z., 01.09.2006
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