11. Mai 2008 Seit November 2006 ist René Obermann Chef der Telekom, und man kann nicht sagen, dass die Zeit seither besonders ruhig verlaufen wäre. Im Gespräch mit der Sonntagszeitung spricht er über seine murrenden Aktionäre, überzählige Stellen, Zukäufe im Ausland und gehackte iPhones.
Herr Obermann, haben Sie es schon bereut, Ihr Schicksal an die T-Aktie geknüpft zu haben?
Wie kommen Sie darauf?
Sie haben doch gesagt, dass Sie sich in ein, zwei Jahren am Kurs der Aktie messen lassen.
Ich habe im Herbst 2007 gesagt, dass unsere Kursentwicklung in ein, zwei Jahren mindestens im Einklang mit der Branche laufen sollte. Und übrigens: Bis in den Januar ist unsere Aktie auch klar gestiegen, dann leider wie viele andere auch - ausgelöst durch die Kreditkrise und die Dollarschwäche - gesunken.
Bei Ihrem Amtsantritt im November 2006 notierte die T-Aktie bei 13,50 Euro. Heute liegt der Kurs unter 12 Euro.
Das stimmt. Nur, noch mal: Bis Januar hatten wir eine starke Kursentwicklung, sogar ein Zweijahreshoch. Unsere Strategie und unsere Ergebnisse wurden vom Kapitalmarkt honoriert. Erst mit der Kreditkrise ist die gesamte Branche, also auch Wettbewerbsunternehmen, deutlich zurückgegangen.
Fürchten Sie nun den Zorn der Aktionäre auf der Hauptversammlung am Donnerstag?
Ich will den Aktionären aufzeigen, welches große Potential unser Unternehmen hat. Und ich will deutlich machen, wie sehr wir uns anstrengen, den Wert des Unternehmens zu steigern. Nur: Zaubern kann ich nicht. Das ist Kärrnerarbeit, die braucht Vertrauen und Geduld. Immerhin zahlen wir eine gute Dividende.
Die Aktionäre halten Sie also mit hohen Ausschüttungen bei Laune: Die Dividende ist sechsmal so hoch wie das Ergebnis je Aktie im Jahr 2007. Wie lange lässt sich das durchhalten?
Wie im Quartalsbericht gezeigt, haben wir in den ersten drei Monaten 2008 unseren Überschuss gegenüber dem Vorjahr deutlich gesteigert. Zweitens leiten wir unsere Dividendenfähigkeit auch aus einer starken Bilanz und einem hohen Mittelzufluss her. Diesen sogenannten Cashflow haben wir 2007 sogar auf 6,6 Milliarden Euro steigern können.
Sie könnten die vollen Kassen auch für Zukäufe nutzen. Wollen Sie den drittgrößten amerikanischen Mobilfunker Sprint übernehmen?
Es ist unsere generelle Politik, solche Marktgerüchte nicht zu kommentieren. Das wäre unverantwortlich.
Aber Sie schauen nach Übernahmeobjekten?
Wir kaufen im Ausland zu, das ist bekannt. Das gilt für Regionen, wo wir bereits sind, aber auch für andere Märkte. Wir verlieren uns dabei nicht in Phantasien, sondern nutzen echte Chancen konsequent. In den vergangenen zwölf Monaten haben wir einige Milliarden für Akquisitionen in Amerika, den Niederlanden und Deutschland ausgegeben. Im Moment verhandeln wir in Griechenland. Bei Erfolg kämen auf einen Schlag fünf Märkte in Südosteuropa hinzu.
Die Deutsche Telekom hat jetzt zum ersten Mal im Ausland mehr Geld eingenommen als im Inland. Wird sich dieser Trend fortsetzen?
Ja, unbedingt. Wir wachsen im Ausland organisch und durch Zukäufe, während wir im deutschen Festnetzgeschäft regulierungsbedingt und politisch gewollt, traditionelle Telefonanschlüsse und damit Marktanteile verlieren.
Und demnächst spielt der ehemalige deutsche Staatsmonopolist zwei von drei Euro im Ausland ein?
Der deutsche Heimatmarkt bleibt für uns ganz wichtig. Aber das Auslandsgeschäft gewinnt weiter an Bedeutung. Der Auslandsanteil am Gesamtumsatz wird weiter steigen. Ob wir dann in ein paar Jahren bei zwei Drittel oder sogar mehr sind, wird sich zeigen.
Wäre das nicht der richtige Zeitpunkt, dass sich der Bund aus der Telekom zurückzieht? Was hat die deutsche Politik in den Mobilfunknetzen in aller Welt verloren?
Erst mal: Ich fühle mich unterstützt von unserem Großaktionär, sowohl bei den Reformen im Inland als auch bei den Expansionsschritten im Ausland. Wir werden in keiner Weise unter Druck gesetzt. Ob die Bundesregierung beabsichtigt, weitere Anteile zu verkaufen, das müssen Sie mit dem Finanzminister besprechen, nicht mit mir.
Mal ehrlich, für einen Manager ist ein so widersprüchlicher Eigentümer wie der Bund furchtbar anstrengend: Die Politik will einerseits Ruhe an der Gewerkschaftsfront. Gleichzeitig wird von Ihnen verlangt, den Kurs zu steigern.
Zielkonflikte sind in der Politik nicht unüblich, ebenso wenig in großen Unternehmen wie bei uns. Das Spannungsfeld zwischen sozialen Interessen und den Forderungen des Kapitalmarktes besteht überall. Bei uns kommt eine politische Spezialität hinzu: Die Regulierung zwingt uns, Marktanteile zu verlieren. Insofern sind die Schlagzeilen über Anschlussverluste der Telekom keine wirkliche Neuigkeit.
Telefonieren wird immer billiger, im Festnetz wie auf dem Handy. Sinkt Ihre Marge zwangsläufig?
Nein. Wir haben die Margen im ersten Quartal erstmalig auch im Festnetz gesteigert. Gerade da hätte uns das niemand zugetraut.
Erreicht haben Sie das unter anderem mit Schnitten beim Personal. 32 000 Stellen verschwinden bis Ende 2008. Wie viele Arbeitsplätze sind danach noch zu viel?
Ich mache mit Ihnen keine Zahlenspiele. Tatsache ist: Es gibt keine Alternative zum Personalumbau. Es werden in einigen Bereichen Stellen entfallen, in anderen werden wir Mitarbeiter umqualifizieren, und in einigen stellen wir sogar in erheblichem Umfang neue Mitarbeiter ein. Im Übrigen sind wir Deutschlands größer Ausbilder mit fast 12.000 jungen Menschen.
Im Vergleich zur Konkurrenz ist der Anteil der Personalkosten immer noch hoch.
Das stimmt. Das kann man nicht schönreden.
Bei allem Respekt vor Ihrem Mut zum Sparen. Die Börse vermisst Visionen. Wann werden Sie die liefern?
Visionen äußere ich sehr ungern, aus gutem Grund. Blickt man weit in die Zukunft, wird man schnell als Luftschlossmaler bezeichnet. Tut man es nicht, gilt das Gegenteil. Als Manager braucht man ein langfristiges Ziel, klare Strategien und keine Phantastereien.
Dann erklären Sie uns: Wo soll das Wachstum der Telekom herkommen angesichts des technologischen Wandels, der die Telefonumsätze sinken lässt?
Das mobile Internet ist unser zentraler Wachstumstreiber. Dafür investieren wir Milliarden im In- und Ausland. Zusätzlich wachsen wir im Geschäftskundenbereich zum Beispiel mit Dynamic Computing und Software aus dem Netz. Wir werden ein internationaler Marktführer rund um das vernetzte Leben und Arbeiten.
Nur drängen in dieses Geschäft potente neuen Konkurrenten: Internet-Giganten wie Google, Gerätehersteller wie Nokia und Apple. Kommt den Telekomkonzernen das Geschäftsmodell abhanden?
Bei aller medialen Begeisterung für diese Abgesänge: Diese Töne höre ich seit zig Jahren, und die Telekomgesellschaften sind immer noch da. Fakt ist: Das Geschäft mit schnellen Netzzugängen hat allein in Westeuropa ein Volumen von über 200 Milliarden Euro. Und darin wollen wir Spitze sein.
Ein Steve Jobs ist auch nicht faul: Mit dem iPhone, das vor Ihnen liegt, verdient Apple an jedem Gespräch mit - wandern die Gewinne von der Telekom zu den Geräteherstellern?
Jetzt lassen Sie mal die Kirche im Dorf. Apple ist der wirklich erste Hersteller, der konsequent versucht hat, Endgeräte ohne hohe Subvention zu verkaufen. Deshalb ist das Geschäftsmodell ein anderes. Unter dem Strich ist die iPhone-Vermarktung für uns attraktiv und profitabel.
Aber unterhalb der hochfliegenden Hoffnungen.
Ich weiß nicht, welche Hoffnung Sie hatten, unsere haben sich erfüllt: Wir haben mehr als 100 000 Geräte in Deutschland abgesetzt. Noch wichtiger ist aber, dass diese Kunden das mobile Internet deutlich intensiver nutzen.
In Deutschland verkaufen Sie das iPhone exklusiv. In etlichen anderen Staaten liefert Apple an die Konkurrenz. Stört es Sie, wenn viele Deutsche ihr billiges iPhone aus dem Urlaub mitbringen?
Jedes iPhone ist technisch für den jeweiligen Anbieter optimiert. Für den Kunden ist es daher viel praktischer, viel komfortabler, in Deutschland ein für das deutsche Netz konfiguriertes iPhone zu kaufen.
Die Software lässt sich leicht knacken. Die wenigsten unserer Bekannten haben ihr iPhone bei der Telekom gekauft, sondern günstig in Amerika. Wie viele Deutsche telefonieren mit gehackten iPhones?
Na, Sie haben aber Freunde. Spaß beiseite, der Anteil ist sehr gering, das ist mengenmäßig kein relevantes Phänomen.
Wenn sich das iPhone so prima verkauft, warum haben Sie dann so schnell die Preise gesenkt?
Weil jedes innovative Produkt zur Einführung preislich anders positioniert wird als im Verlauf seines Lebenszyklus. Das ist ganz normal.
Und wer noch ein wenig wartet, bis die nächste Generation auf den Markt kommt, spart erst recht.
Das ist Spekulation.
Dann verraten Sie uns: Kommt das UMTS-iPhone im Sommer?
Da müssen Sie mit Herrn Jobs reden. Für uns ist wichtig, dass unsere Kunden das mobile Internet mit immer besseren Handys benutzen können.
Der Telekom-Chef
Vor zehn Jahren hat René Obermann, 1963 in Düsseldorf geboren, bei der Deutschen Telekom angeheuert. Seit November 2006 ist er der Chef, und man kann nicht sagen, dass die Zeit als Vorstandsvorsitzender besonders ruhig verlaufen wäre: In einem giftig ausgetragenen Streik hat er Verdi niedergerungen, nach dem Doping-Skandal hat er sich aus dem Radsport verabschiedet. Und dann hat er ständig mit dem dümpelnden Kurs der T-Aktie zu kämpfen. Nachdem Obermann jetzt mit den Quartalszahlen die Ziele für das laufende Jahr bestätigt hat, gab es zumindest ein kleines Plus. 2008 soll der bereinigte Gewinn (Ebitda) 19,3 Milliarden Euro betragen.
Das Gespräch führte Georg Meck.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa
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