Von Johannes Ritter
17. März 2008 Der Reise- und Schifffahrtskonzern TUI will sich aus der Hamburger Container-Reederei Hapag-Lloyd zurückziehen. Vorstand und Aufsichtsrat der TUI AG haben entschieden, eine Trennung der Containerschifffahrt aus dem Konzern vorzubereiten, teilte das Unternehmen im Anschluss an eine Aufsichtsratssitzung mit. Auf welchem Weg die Trennung erfolgt, ist noch offen: Alle Optionen wie Spin-off, Fusion oder Verkauf als Ganzes sollen geprüft werden. Dabei seien die Interessen der Aktionäre, der Anleihezeichner und der Beschäftigten zu berücksichtigen. Nähere Erläuterungen will Vorstandschef Michael Frenzel auf der Bilanzpressekonferenz am heutigen Dienstag geben. Mit dem angekündigten Rückzug aus der Schifffahrt beugt sich Frenzel dem Druck der Aktionäre um John Fredriksen, der den Vorstand zu einer Abspaltung aufgefordert hatte. Frenzel hatte ursprünglich das Gegenteil vor: Er wollte Hapag-Lloyd mit TUI verschmelzen und damit noch besser vor einem Verkauf schützen.
Das Schifffahrtsgeschäft hat TUI im vergangenen Jahr 6,2 Milliarden Euro Umsatz gebracht. Der Wert von Hapag-Lloyd wird auf mehr als 5 Milliarden Euro geschätzt. Den Erlös aus einem Verkauf will Frenzel - jenseits der dringend gebotenen Schuldentilgung - offenbar in das Reisegeschäft stecken. Der Aufsichtsrat hat ihn jedenfalls beauftragt, weitere Wachstumsoptionen zum Ausbau des touristischen Geschäfts aufzuzeigen. Beobachter glauben, dass er mit einer vollständigen Übernahme der TUI Travel plc. liebäugelt. An dieser börsennotierten Gesellschaft, in der Frenzel erst im vergangenen Jahr das Reisegeschäft gebündelt hat, ist TUI mit gut 40 Prozent beteiligt.
Hapag-Lloyd genießt in der Branche einen guten Ruf
Dem Vernehmen gibt es noch keine konkreten Verhandlungen über einen Verkauf von Hapag-Lloyd. Es dürfte aber eine Menge Interessenten geben, denn diese fünftgrößte Container-Reederei der Welt genießt in der Branche einen guten Ruf. Als Interessent offen in Erscheinung getreten ist eine Gruppe deutscher Kaufleute und Investoren, die Hapag-Lloyd mehrheitlich übernehmen und als eigenständige Reederei mit Sitz in Hamburg erhalten will. Anführer dieser Gruppe ist Klaus-Michael Kühne. Der Mehrheitseigentümer des Logistikkonzerns Kühne+ Nagel ist bereit, als Privatperson bis zu 10 Prozent von Hapag-Lloyd zu kaufen. Kühne ist schon seit Jahren dabei, eine sogenannte Hamburger Lösung zu finden. Dahinter steckt die patriotische Überzeugung, dass die Exportnation Deutschland eine eigene, von Dritten unabhängige Container-Reederei haben müsse. Angeblich wird Kühne von dem früheren Hapag-Lloyd-Vorstandschef Bernd Wrede beraten. Im Vordergrund lässt Kühne seine Interessen von Christian Olearius und Wolfgang Peiner vertreten.
Olearius ist persönlich haftender Gesellschafter der Hamburger Privatbank M.M. Warburg, die seit ihren Gründertagen eng mit Hapag-Lloyd verbunden ist. Peiner war von 2001 bis 2006 Hamburgs Finanzsenator. Dem Vernehmen nach spielt Warburg nicht nur die Rolle als Investmentbank, die nach weiteren Kaufpartnern sucht. Über die Vigor Beteiligungsgesellschaft mbH, die den Warburg-Eigentümern gehört, könnte Olearius auch als Investor in Erscheinung treten.
Was macht die Stadt Hamburg?
Wer sonst noch zu den Interessenten gehört, ist nicht bekannt. Die Investoren wollen nicht genannt werden, sagte Peiner im Gespräch mit dieser Zeitung. Zugleich betonte er, dass die Gruppe offen sei für weitere Investoren. Diese müssten nicht zwangsläufig aus Hamburg oder Deutschland kommen. Man werde auch zu Fredriksen Kontakt aufnehmen. Der Norweger verfolgt nach Einschätzung Peiners ausschließlich finanzielle Interessen. Schließlich besitze Fredriksen keine Container-Schifffahrtslinien, sondern ausschließlich Tankerreedereien.
Unklar ist, ob sich die Stadt Hamburg an einer Offerte für Hapag-Lloyd beteiligen würde. Zuzutrauen ist es dem Senat, der sich aus standortpolitischen Gründen jüngst erst an der Norddeutschen Affinerie sowie vor einigen Jahren an Beiersdorf beteiligt hatte. Während Kühne im Fall Hapag-Lloyd auf eine Unterstützung der Hansestadt hofft, sagt Peiner: Ich empfehle der Stadt, sich zurückzuhalten. Der frühere Finanzsenator will alles daransetzen, ausreichend privates Kapital zu mobilisieren. Peiner hofft nicht, aus patriotischen Gründen oder aufgrund der Unterstützung der TUI-Arbeitnehmerbank in einer besseren Position zu sein als andere Bieter. Wegen der komplizierten Trennung der Vermögensgegenstände und Schulden rechnet er damit, dass ein Verkauf oder Spin-off erst im zweiten Halbjahr 2008 über die Bühne gehen kann.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp
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