01. September 2005 Deutschland hat sich neben den Vereinigten Staaten zum stärksten Standort für die biotechnische Entwicklung und Produktion emporgearbeitet. Dies sagte Peter Stadler, der Vorsitzende der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie. Er begründete dies mit den hohen Investitionen von Arzneimittel- und Diagnostikaunternehmen in den vergangenen Jahren. Dadurch hätten vor allem größere Konzerne starke Biotechnologiestandorte in Deutschland aufgebaut oder gestärkt.
Als Beispiele nannte er Entwicklungs- und Produktionsstätten von Bayer in Wuppertal, von Roche in Penzberg, von Boehringer in Biberach und von Sanofi-Aventis in Frankfurt-Höchst. Dort werden nach seinen Erkenntnissen rund 7.000 Mitarbeiter in der pharmazeutischen Biotechnologie beschäftigt - mit steigender Tendenz.
Junge Biotech-Unternehmen meist noch Hoffnungswerte
In der Pharmabranche gewinnt die Biotechnologie allmählich an Gewicht. Nach den Angaben des DIB waren zur Jahresmitte 112 gentechnisch hergestellte Präparate auf dem Markt, davon 17 aus deutscher Produktion. Der Umsatz auf diesem deutschen Teilmarkt stieg um 10 Prozent auf 1,95 Milliarden Euro und erreichte damit bereits ein Zehntel des deutschen Pharmamarktes, wobei Medikamentenumsätze in Krankenhäusern in diesen Zahlen nicht berücksichtigt sind. Hinzu kommt ein Umsatz von 450 Millionen Euro mit Diagnostika auf biotechnologischer Basis.
Davon getrennt erfaßt werden die jungen, überwiegend mit Wagniskapital finanzierten reinen Biotechnologieunternehmen. Diese knapp 340 Unternehmen, die meist durch Abspaltung von Forschungseinrichtungen entstanden sind und höchstens 500 Mitarbeiter beschäftigen, sind ganz überwiegend noch Hoffnungswerte. Denn bisher haben sie noch kein einziges Produkt auf den Markt gebracht - mit Ausnahme eines Prostatakrebsmittels von Medigene.
Befriedigung des Kapitalbedarfs problematisch
Für diese Unternehmensgruppe sind die Zeiten deutlich härter geworden, wie Stadler erläuterte, da sie das für die Forschung und Entwicklung notwendige Kapital weniger leicht als früher erhalten. Nur zwölf Gesellschaften sind bereits an der Börse notiert. Für den Rest stelle die Befriedigung des Kapitalbedarfs ein echtes Problem dar.
Darauf reagierten viele Branchenunternehmen mit Kostensenkungen. Das zeigt sich auch an den wirtschaftlichen Kerndaten: Während der Umsatz dieser Unternehmen - meist aus Zulieferungen oder dem Verkauf von Forschungsergebnissen - 2004 um 7 Prozent auf gut 1 Milliarde Euro zunahm, wurde die Zahl der Mitarbeiter um 12 Prozent auf rund 10.000 verringert. Auch wenn Stadler vor allem für die schon stärker etablierten jungen Biotechnologieunternehmen weiterhin gute Entwicklungschancen sieht, befürchtet er für die gesamte Branche, daß sie wegen des Sparzwangs die Forschung zu stark vernachlässigt.
Deutschland kein Standort für grüne Gentechnik
Am stärksten zu kämpfen hat aus der Sicht des DIB die sogenannte grüne Gentechnik, die sich mit gentechnisch veränderten Pflanzen befaßt. Hier seien die politischen Bedingungen in Deutschland so schlecht, daß Deutschland als Standort international - bis auf kleine, höchst umstrittene Versuchsfelder - nicht vorkomme, sagte DIB-Vorstandsmitglied Theo Jachmann. Zwei Drittel der deutschen Landwirte hielten grüne Gentechnik zwar für notwendig, um wettbewerbsfähig zu bleiben, doch gebe es keine zugelassenen Pflanzensorten, und auch die Haftungsregeln und andere Auflagen seien überzogen. Hier setze der DIB auf einen "Sinneswandel" der künftigen Bundesregierung.
Text: pso., F.A.Z., 01.09.2005, Nr. 203 / Seite 14
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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