Banken

Wachwechsel in der Commerzbank

Von Daniel Schäfer

Nach sieben Jahren in der Bank tritt Müller ab

Nach sieben Jahren in der Bank tritt Müller ab

06. November 2007 Am Dienstag besiegelten 20 Aufsichtsräte im obersten Stockwerk des Frankfurter Commerzbank-Towers das Ende einer Ära: Die Kontrolleure wählten Martin Blessing als künftigen Vorstandssprecher. Im kommenden Frühjahr wird Klaus-Peter Müller nach dann sieben Jahren an der Spitze der Commerzbank das Zepter an seinen 44 Jahre alten Ziehsohn weiterreichen. Der 63 Jahre alte Müller, der an die Spitze des Aufsichtsrats rücken will, hinterlässt seinem Nachfolger eine gutaufgestellte Bank, die neben einer starken Stellung im deutschen Mittelstand den Ruf des gelben Sympathieträgers genießt.

Das war nicht immer so. Als Müller im Mai 2001 von Martin Kohlhaussen das Amt des Vorstandssprechers übernahm, blickten die Führungskräfte der Bank nur aus einem einzigen Grund auf ihre Konkurrenz herab: Sie residierten im Stockwerk 48 des damals europaweit größten Hochhauses. Die operative Lage dagegen verleitete zu keinem Hochmut. Der Börsenwert war auf 4 Milliarden Euro abgestürzt, für Dresdner Bank und Deutsche Bank schien die Commerzbank alles andere als eine gelbe Gefahr, und Gerüchte über Liquiditätsschwierigkeiten drohten zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu werden.

Der sanfte Müller schwang nie die Keule

Der ebenso bodenständige wie temperamentvolle Müller verordnete der Bank zunächst eine Schrumpfkur: Das wenig erfolgreiche Investmentbanking verkleinerte er radikal. Ebenso wie die Wettbewerber schloss er Filialen und verringerte die Stellenzahl. Zu Unrecht wurde ihm zeitweise soziale Kälte bescheinigt, denn Müller ging stets ein wenig sanfter vor als seine Wettbewerber. In seinem Büro liegt ein echter Morgenstern, aber die Keule schwang der stets freundliche Bankmanager nie. Aus einem sozialen Verantwortungsgefühl heraus ging er mit der Verlagerung von Arbeitsplätzen nicht so weit, wie es im Namen der Renditemaximierung manch anderer tut.

Dafür trieb er die strategische Neuausrichtung der Bank mit Nachdruck voran. Weitsicht bewies er dabei vor allem durch seine Personalpolitik: Müller bestückte die Führungsmannschaft der Bank mit jungen, ehrgeizigen und talentierten Bankern. Besonders Martin Blessing erwies sich als Glücksgriff. Der Spross einer Bankiersfamilie brachte das Privatkundengeschäft auf Vordermann und formte anschließend aus dem Mittelstandsgeschäft einen zentralen Pfeiler der Bank. Mittlerweile erwirtschaftet die von Blessing verantwortete Mittelstandsbank obendrein von allen Geschäftsbereichen der Bank die höchste Rendite.

Überall gut, nirgendwo spitze

Während einstmals vermeintlich bessergestellte Wettbewerber wie Dresdner Bank und Hypo-Vereinsbank längst ihre Unabhängigkeit verloren haben, ist die Commerzbank unter der Ägide des Sympathieträgers Müller zur zweitgrößten deutschen Privatbank avanciert. Ein Erfolg, den er mit einer geradlinigen Art und ohne fragwürdige Methoden erreicht hat. Dass er als Politikersohn die Bodenhaftung nicht verloren hat, hat er mit seinem Verzicht auf die 7 Millionen Euro aus dem bis 2010 laufenden Vorstandsvertrag abermals bewiesen. Zwar mögen manche monieren, dass er direkt in den Aufsichtsratsvorsitz wechselt, doch in gut begründeten Ausnahmefällen stehen die Regeln guter Unternehmensführung dem nicht entgegen.

Müller ist glaubwürdig, wenn er angesichts der Krise auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt äußert, „jede Kreditvergabe sollte mit ethischen Grundlagen verbunden sein“. Natürlich hat auch die Commerzbank in amerikanische Hypothekenkredite investiert. Weil das Investmentbanking kaum eine Rolle mehr spielt, muss sie sich aber mit vergleichsweise kleinen Abschreibungen herumplagen. Und eine frühere Not gerinnt zur Tugend: Der geringe Ertrag aus dem Ausland entpuppt sich dank der gut laufenden deutschen Konjunktur als Glücksfall. Letzteres gibt allerdings einen Hinweis auf das fortbestehende strategische Dilemma der Bank: Sie ist in allen ihren Geschäftsbereichen gut, aber nirgendwo richtig an der Spitze.

Commerzbank immer noch Übernahmekandidat

Der Wettbewerb der Sparkassen und Genossenschaftsbanken wird weiterhin verhindern, dass die Bank den heimischen Marktanteil im Privatkundengeschäft von knapp 3 Prozent nennenswert ausbauen wird. In anderen Bereichen sieht es nicht viel besser aus. Der Erwerb der wohl bald zum Verkauf stehenden IKB wäre für die Bank nur ein Schritt im Mittelstand - falls die Commerzbank überhaupt zum Zug kommt. Ein großer Schritt im Privatkundengeschäft wäre ein Zusammengehen mit Postbank, Dresdner Bank oder dem Filialnetz der Hypo-Vereinsbank - das aber erscheint derzeit unrealistisch. Und das Osteuropageschäft wurde zwar vorangetrieben, doch sind die Marktanteile überschaubar.

Mit einer Marktkapitalisierung von jetzt 18 Milliarden Euro ist die Commerzbank noch immer in der Rolle des Übernahmekandidaten. Auch wenn die aktuellen Schieflagen amerikanischer Banken wie der Citigroup beweisen, dass Größe allein kein Allheilmittel ist - mittelfristig wird Blessing die Commerzbank zu neuer Größe führen müssen, um im Konzert der europäischen Großbanken bestehen zu können.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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