Milliardenauftrag für EADS

Amerikas Luftwaffe fliegt künftig Airbus

Von Gerald Braunberger

Tankflugzeug vom Typ KC-30 beim Auftanken eines B2-Tarnkappenbombers in der Luft

Tankflugzeug vom Typ KC-30 beim Auftanken eines B2-Tarnkappenbombers in der Luft

01. März 2008 Norm Dicks war auf der falschen Party. Der demokratische Abgeordnete aus dem amerikanischen Bundesstaat Washington und Mitglied im Verteidigungsausschuss des Repräsentantenhauses hatte sich am Freitagnachmittag zu einer Party des Flugzeugkonzerns Boeing eingefunden. Boeing wollte dort einen Auftrag von historischer Dimension feiern: den Bau von 179 Tankflugzeugen für die amerikanische Luftwaffe im Wert von 40 Milliarden Dollar (siehe auch EADS erhält Milliarden-Auftrag).

Der Auftrag gilt als Türöffner für ein noch größeres Projekt. Denn die Luftwaffe will in den kommenden Jahrzehnten insgesamt fast 500 Tankflugzeuge im Wert von mindestens 100 Milliarden Dollar bestellen. Und wer den ersten Auftrag bekommt, erhält vielleicht auch die folgenden.

Dicks und die Boeing-Leute hatten eine Kleinigkeit übersehen. Als die Party begann, hatte die Luftwaffe ihre Entscheidung über den Auftrag noch gar nicht veröffentlicht. Das dürfte die Feiernden wenig gestört haben, da Boeing als haushoher Favorit galt. Die republikanische Senatorin von Texas, Kay Bailey Hutchison, hatte Boeing bereits vorab per Pressemitteilung zum Gewinn des Riesenauftrags gratuliert.

„Das ist keine Erschütterung. Das ist ein Erdbeben“

Umso härter war der Schlag, als die Entscheidung bekanntgegeben wurde: Die 179 Tankflugzeuge wird ein Konsortium aus dem europäischen Luftfahrt- und Rüstungskonzern EADS und dem amerikanischen Rüstungskonzern Northrop Grumman bauen. Im nachbörslichen Aktienhandel stieg in New York der Kurs von Northrop Grumman, während die Aktie von Boeing nachgab.

„Das ist keine Erschütterung. Das ist ein Erdbeben“, kommentierte das Forschungsinstitut Lexington. Boeing zeigte sich „schwer enttäuscht“ und will die ausführliche Begründung der Luftwaffe abwarten. Danach besäße Boeing die Möglichkeit, gegen die Entscheidung des Militärs Protest einzulegen. Aber mehr als eine aufschiebende Wirkung besäße dieser Protest vermutlich nicht.

„Das ist der schönste Auftrag, den ich in meinem Leben gewonnen habe“, freute sich dagegen Louis Gallois, der Vorstandsvorsitzende der EADS. Denn die Bedeutung ist größer, als das ohnehin schon stattliche Auftragsvolumen vermuten lässt. Auf einen Schlag hat die EADS ihre Aussichten in der Verteidigungssparte verbessert, denn der amerikanische Rüstungsmarkt ist der mit Abstand größte und lukrativste der Welt. Das amerikanische Verteidigungsministerium ist nicht nur der wichtigste Waffenkäufer, es gewährt seinen Lieferanten auch höhere Renditen als europäische Regierungen.

2003 sah Boeing bereits wie der sichere Sieger aus

Für die EADS hat der Ausbau seines Verteidigungsgeschäfts strategische Bedeutung. Er gehört daher zu den wichtigsten Aufgaben, die Gallois dem Konzern für die kommenden Jahre verschrieben hat. Denn die EADS ist bislang stark von ihrer Tochtergesellschaft Airbus abhängig, die Zivilflugzeuge baut. In den ersten neun Monaten des Jahres 2007 erzielte die EADS einen Konzernumsatz von 27,7 Milliarden Euro. Davon entfielen 18,9 Milliarden Euro auf Airbus, aber nur 4,4 Milliarden Euro auf das Militärgeschäft. Beim amerikanischen Erzrivalen Boeing ist das Verhältnis von zivilem zu militärischem Geschäft sehr viel ausgewogener – ein wesentlicher Grund dafür, dass Boeing sehr viel mehr Geld verdient als die EADS. Denn das Militärgeschäft ist kalkulierbarer, weil Aufträge oft über Jahrzehnte laufen und meist nicht von der Wirtschaftslage abhängen. Das Geschäft mit Passagierflugzeugen ist dagegen sehr viel konjunkturabhängiger.

Wut in Amerika: Im Staat Washington formiert sich Widerstand gegen die Entscheidung

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Der Auftrag der Luftwaffe hat eine lange Vorgeschichte. Im Jahre 2003 sah Boeing bereits wie der sichere Sieger aus, doch der Konzern aus Chicago wurde erst einmal aus dem Rennen genommen. Denn Boeing hatte sich unerlaubte Kontakte zum Pentagon verschafft, um zusätzliche Details über das Projekt zu erfahren. Lange konnte die Luftwaffe allerdings trotzdem nicht damit warten, das Duell zwischen Boeing und EADS/Northrop Grumman zu entscheiden, weil ihre Tankerflotte zum Teil aus mehr als 40 Jahre alten Flugzeugen besteht und dringend modernisiert werden muss.

Aller Unkenrufe zum Trotz betrachtete sich die EADS von Beginn nicht als chancenlos. Zum einen hatte ihre Tochtergesellschaft Eurocopter vor wenigen Jahren einen Auftrag zur Belieferung der amerikanischen Streitkräfte mit Militärhubschraubern erhalten. Zum anderen verfügt die EADS mit einer Tankerversion seines erfolgreichen Langstreckenflugzeugs Airbus 330 über ein attraktives Modell. In vier Wettbewerben, in denen das Flugzeug antrat, gewann es vier Mal, unter anderem in Großbritannien und zuletzt in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Der Airbus ist nicht nur etwas größer, sondern auch etwas moderner als der auf dem Zivilmodell 767 beruhende Boeing-Flieger. Dies sprach wohl auch in Amerika für den Airbus. „Mehr Passagiere, mehr Fracht, mehr Treibstoff zum Umtanken“, sagte Luftwaffengeneral Arthur Lichte zur Entscheidung für EADS/Northrop-Grumman.

EADS produziert in Amerika

Die Europäer hatten zudem mit zusätzlichen Arbeitsplätzen in Amerika gelockt. Der Vorstandsvorsitzende von Airbus, Thomas Enders, stellte im Januar den Bau einer Fertigung nahe Mobile/Alabama, einer wirtschaftlich schwachen Region in den Südstaaten, in Aussicht. Dort sollen nicht nur die Tankflugzeuge montiert werden, sondern mit der Frachtversion des A330 auch ein neues Zivilmodell. Angesichts des schwachen Dollar ist es für die EADS günstig, in Amerika zu produzieren. Nach Angaben der Air Force hat das Arbeitsplatzargument für die Auftragsvergabe keine Rolle gespielt.

Ronald D. Sugar, der Vorstandsvorsitzende von Northrop Grumman, kündigte 2000 neue Arbeitsplätze nahe Mobile und 25 000 in den gesamten Vereinigten Staaten an. 60 Prozent des Flugzeugs würden aus seinem Heimatland stammen.

Was macht eigentlich ein Tankflugzeug?

Amerikas Kampfflugzeuge sind auf der ganzen Welt im Einsatz, nicht nur in Kriegszeiten. Derzeit fliegen sie vor allem in der Golfregion und in Afghanistan besonders häufig. Sie starten dabei von Flughäfen befreundeter Staaten in der Region oder von Flugzeugträgern. Häufig werden sie dabei in der Luft von anderen Flugzeugen betankt. Das verlängert die Einsatzzeiten und erhöht die Sicherheit. Denn so müssen Flugzeugträger nicht so viel Kerosin mit sich führen. Auch die großen B2-Tarnkappenbomber werden in der Luft betankt. Sie fliegen meist für ihre Einsätze aus Amerika ein und haben daher längere Strecken bis ins Krisengebiet zurückzulegen, als ihr Tank hergibt.

Die Tankflugzeuge kreisen in neutralen Gebieten außerhalb der Einsatzregionen, häufig über dem Meer. Dort koppeln sich regelmäßig Kampfflugzeuge an und holen sich zusätzliches Kerosin. Nach einiger Zeit müssen die Tankflugzeuge dann selbst zum Auftanken auf Flughäfen in der Region zurückkehren oder werden auch in der Luft betankt.

Das Kerosin kann zum einen über lange Schläuche an den beiden Flügeln des Tankflugzeuges bereitgestellt werden. So können gleichzeitig zwei Kampfflieger neuen Treibstoff bekommen. Die Amerikaner haben sich in dem aktuellen Milliardenauftrag für Northrop Grumman und EADS aber für eine andere Variante entschieden: diejenige, bei der nur ein Flugzeug über ein festes Rohr aus dem Rumpf des Tankers befüllt wird. Das erleichtert die Navigation für alle beteiligten Maschinen und ermöglicht auch eine schnellere Treibstofflieferung. Das zu betankende Flugzeug nähert sich von hinten, dann führt ein "Tankwart" im Cockpit des Tankfliegers das Rohr über eine elektronische Steuerung an seinen "Kunden". Nach wenigen Minuten ist das Betanken beendet (siehe Bild oben).

Die amerikanische Luftwaffe hat mehr als 500 solcher Tankflugzeuge, die teilweise bis zu 40 Jahre alt sind. Die Nachfolger, die Northrop auf Basis des Airbus A330 liefert, werden mit moderner Flugsteuerung im Cockpit ausgestattet und können 25 Prozent mehr Treibstoff liefern. Zudem können sie im Rumpf mehr Fracht transportieren und in der Kabine noch 280 Soldaten. Sogar, wenn die verletzt sind und in Betten liegen. So können die Flugzeuge sogar als Lazarett dienen. Dadurch sind sie auch einsatzfähig, wenn sie gerade nicht zum Betanken gebraucht werden.

Die Maschinen werden von EADS als A330 mit Tanksystem an Northrop Grumman geliefert und dort militärisch aufgerüstet, etwa mit den Kommunikations- und Sicherheitssystemen der amerikanischen Streitkräfte. Bei Northrop wurde die Maschine bisher als KC-30 geführt, in der Air Force als KC-45A. (dys).

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, F.A.Z.

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