05. Mai 2008 Die Finanzkrise hinterlässt ihre Spuren in der Personalpolitik deutscher Banken. Zwar zeichnet sich bislang kein drastischer Stellenabbau in der Gesamtbranche ab. Doch die Stimmen der Banker werden skeptischer. "Bei einigen Banken sind Massenentlassungen unterwegs oder drohen", sagte dieser Tage Matthias von Krockow, persönlich haftender Gesellschafter der Privatbank Sal. Oppenheim. Einige Investmentbanken haben schon entlassen, mehrere Landesbanken bereiten Stellenstreichungen vor. Und auch bei den Sachkosten treten viele auf die Bremse.
Damit zeigt sich nun, dass auch die Banker in Kontinentaleuropa und Deutschland von der Kreditkrise betroffen sind. Lange Zeit schien es nämlich so, als ob die seit dem Sommer vergangenen Jahres wütende Finanzkrise lediglich Entlassungen von Investmentbankern in London und New York nach sich zieht. Große amerikanische Institute wie die Citigroup oder Merrill Lynch sowie in Europa besonders die Schweizer UBS haben als Folge der amerikanischen Hypothekenkrise Tausende Stellen in den angelsächsischen Finanzmetropolen gestrichen. Nach Angaben des Branchenverbands SIFMA fielen in den vergangenen neun Monaten dies- und jenseits des Atlantiks fast 35.000 Arbeitsplätze der Krise zum Opfer.
Besonders das Investmentbanking betroffen
Auch hierzulande sind besonders die Investmentbanken und die entsprechenden Sparten der Großbanken von den Turbulenzen getroffen. "Dort wird es zu einem weiteren Personalabbau kommen", sagt Jens Wöhler, Bereichsleiter der Personal- und Unternehmensberatung Kienbaum. Schon in den vergangenen Monaten haben deutsche Banken ihre Personalstärke im Kapitalmarktgeschäft heruntergefahren. Die zur Allianz gehörende Investmentbank Dresdner Kleinwort hat 450 Arbeitsplätze gestrichen, die Deutsche Bank 370. Der fast pleitegegangene Mittelstandsfinanzierer IKB lässt 100 Arbeitsplätze wegfallen, die stark angeschlagene Landesbank West LB plant einen Abbau von 1500 Stellen. Und die ins Trudeln geratene Bayern LB arbeitet angeblich ebenfalls an einer Verkleinerung der Belegschaft. Besonders betroffen sind bei Investmentbanken die Bereiche Verbriefung und strukturierte Kreditprodukte.
Sachkosten werden runtergeprügelt
Einen expliziten Einstellungsstopp gibt es bei den wenigsten Häusern, selbst bei den zum Teil schwer angeschlagenen amerikanischen Banken nicht. Doch viele Kreditinstitute sind äußerst zurückhaltend. "Faktisch gibt es bei den meisten Banken einen Einstellungsstopp", sagt Christine Kuhl, die für den Headhunter Ray & Berndtson Führungskräfte im Finanzsektor sucht. "Einen offiziellen Einstellungsstopp gibt es bei uns nicht, aber jeder zögert derzeit damit, Stellen neu zu besetzen", sagt ein deutscher Manager einer amerikanischen Investmentbank. Zudem wird an jeder möglichen Ecke Kosten gespart. "Die Sachkosten werden runtergeprügelt. Alle Budgets kommen auf den Prüfstand", berichtet ein Investmentbanker. In einigen Häusern sind die Investmentbanker sogar zu der Schmach gezwungen, Economy-Klasse zu fliegen. Das wäre in der elitär-feudalen Branche noch vor einem Jahr undenkbar gewesen.
Anders als Privatbankier Krockow erwarten Personalberater keine Massenentlassungen. "Die Banken gehen derzeit mit einem spitzen Bleistift an die Personalkosten heran", beobachtet Kuhl von Ray & Berndtson. "Underperformer müssen um ihren Job fürchten. Weitere Entlassungen stehen bevor, wenn auch in Deutschland sicherlich in einem überschaubaren Maß", sagt Kuhl. "Was die Personaldichte angeht, sind die Banken in Deutschland heute schon sehr effizient", sagt Can-Toni Yilmaz, der für den Personaldienstleister Michael Page die Kunden in den Frankfurter Banktürmen betreut. "In Zeiten der New Economy waren viele Abteilungen deutlich überbesetzt. Das ist heute anders." Unternehmensberater Wöhler von Kienbaum sieht das anders. Zwar hätten die Banken in der Verwaltung viele Stellen gestrichen. Aber in manchen Bereichen wie dem Zahlungsverkehr und der Wertpapierabwicklung ließen sich durch Stellenkürzungen die Kosten nochmals um 10 bis 15 Prozent verringern.
Und der Aufwand im Aufwind?
Was im Kostensenkungs- und Kündigungseifer oft übersehen wird, ist der Aufwand, der entsteht, wenn das Geschäft wieder besser läuft und Ersatz für die einst Gekündigten gesucht werden muss. "Ich hoffe, dass die Banken mit Blick auf den demographischen Wandel selektiver vorgehen als in vergangenen Krisen und gute Leute im Unternehmen halten", sagt Personalberaterin Kuhl. "Ich fürchte aber, dass es angesichts der schlechten Zahlen nicht so sein wird."
Dabei ist es der Finanzkrise zum Trotz in wichtigen Feldern wie dem Kredit- und dem Privatkundengeschäft schon heute schwierig, qualifiziertes Personal zu finden. "Gute Vertriebsleute und Berater sind eine knappe Ressource geworden. Es gibt hier einen Kampf um die besten Talente", sagt Udo Steffens, Professor und Präsident der Frankfurt School of Finance & Management. "Fast alle Häuser stocken im Moment ihre Verkaufsmannschaften auf. Und nehmen dafür durchaus viel Geld in die Hand", bestätigt Michael-Page-Berater Yilmaz. Neben den Großbanken sind es besonders Privatbanken wie Sal. Oppenheim oder Hauck & Aufhäuser, die hier weiterhin nach gutem Personal suchen.
In der Breite zeigt der Trendpfeil in der Bankbranche jedoch seit Jahren nach unten. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Mitarbeiter im Kreditgewerbe nach Zahlen des Arbeitgeberverbandes der Banken um fast 90.000 auf 681.000 im Jahr 2006 geschrumpft. "Es gibt einen schleichenden Stellenabbau in der Fläche. Besonders die Sparkassen und Genossenschaftsbanken stehen durch den zunehmenden Wettbewerb unter Druck, die Produktivität zu erhöhen", sagt Steffens. Das heißt aber nicht, dass Heerscharen von arbeitslosen Bankern in Deutschland nach Jobs suchen - im Gegenteil: Die Arbeitslosenquote lag in den vergangenen zehn Jahren stets unter 3 Prozent und damit weit vom gesamtdeutschen Durchschnitt entfernt.
Text: da./loe., F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, Matthias Luedecke
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