Automobile

Das China-Auto Brilliance fällt durch den Crashtest

Von Henning Peitsmeier

21. Juni 2007 Der Markteintritt der chinesischen Autofirma Brilliance in Deutschland wird von einem desaströsen Crashtest überschattet. Der ADAC hat die Brilliance-Limousine BS 6 mit 64 Stundenkilometern auf eine feste Barriere gefahren und festgestellt, dass die Sicherheitszelle des Fahrzeugs „viel zu weich und deshalb zu wenig formstabil“ sei. Nach Angaben des Automobilklubs sind die Überlebenschancen für einen Fahrer im realen Unfallszenario nahe null. „Durch die Wucht des Aufpralls wurde der Vorderwagen samt A-Säule auf der Fahrerseite weit in den Innenraum hineingeschoben.

Der Türschweller knickte nach unten durch, und die Tür verkeilte sich so, dass sie nur noch mit schwerem Gerät geöffnet werden konnte. Im Ernstfall wäre so wichtige Zeit für die Bergung des hilflos eingeklemmten Fahrers verlorengegangen“, stellt der ADAC fest. Eineinhalb Jahre nach dem katastrophalen Crashergebnis des chinesischen Geländewagens Landwind habe wieder „ein Fahrzeug aus dem Reich der Mitte im Crashlabor des ADAC versagt“.

„Wir sind nicht zufrieden“

Der chinesische Autohersteller Brilliance ist über das Ergebnis informiert. „Wir sind nicht zufrieden mit dem Test und werden unser Auto konsequent verbessern“, sagte Hans-Ulrich Sachs der F.A.Z. Sachs ist Chef der Bremerhavener Autohandelsgesellschaft HSO, dem Generalimporteur von Brilliance in Europa. „Brilliance-Ingenieure haben schon jetzt an der Verstärkung der Fahrgastzelle gearbeitet, und Ende Juli wird ein Prototyp noch einmal zum Crashtest beim ADAC antreten“, kündigte Sachs an.

Brilliance ist in China als Partner des BMW-Konzerns groß geworden, baut auf dem Heimatmarkt Kleinbusse und die Limousine BS 6. Noch vor den chinesischen Wettbewerbern Geely, SAIC, Chery und Nanjing Automotive wagte Brilliance den Angriff auf den europäischen Massenmarkt.

Zum Umtausch bereit

Der Brilliance BS 6 ist das erste chinesische Auto, das offiziell seit diesem Frühjahr in Deutschland vertrieben wird. Sachs hat über eine Vertriebsfirma mit Sitz in Luxemburg und großem Areal in Bremerhaven 500 Autos geordert, von denen nach seinen Angaben 350 verkauft wurden. „Wenn der Endverbraucher seinen BS 6 nun partout umtauschen will, dann stehen wir selbstverständlich bereit“, sagte Sachs, der aber an dem Verkauf der übrigen Fahrzeuge festhalten will. Der Markteinführung des BS 6 war im vergangenen Jahr ein Crashtest nach europäischen Sicherheitsnormen vorausgegangen. In diesem sogenannten ECE-Test hatte das Auto mit Einschränkungen zwei von fünf Sicherheits-Sternen erhalten. Dieses Ergebnis sowie ein positiver Prüfbericht der Dekra hatten den Importeur HSO veranlasst, die Brilliance-Limousine in Europa auf den Markt zu bringen.

Der vom ADAC gefahrene sogenannte EuroNCAP-Test zeichnet sich durch eine auf 64 Stundenkilometer erhöhte Geschwindigkeit (statt 56 km/h) aus, bei der allein 30 Prozent mehr Energie freigesetzt wird. Dieser Test gilt in der Branche - weil realitätsnäher - als sehr verbraucherorientiert. Sachs kündigte an, dass der überarbeitete Brilliance vom kommenden Jahr an drei Sicherheits-Sterne erhalten und auch den EuroNCAP-Test bestehen werde.

Unschlagbar billig

Mit Preisen von 19.990 Euro an ist der an einen Lancia erinnernde BS 6 in der oberen Mittelklasse gegenüber VW Passat oder Audi A6 unschlagbar billig. Doch die automobile Fachwelt hatte dem Viertürer aus Fernost angesichts magerer Sicherheitsausstattung und lausiger Qualität von vornherein nur Außenseiterchancen auf dem anspruchsvollen deutschen Markt eingeräumt. Nicht nur die Schwäche des Autos, auch das fehlende flächendeckende Vertriebsnetz und die Unbekanntheit der Marke galten als fast unüberwindbares Hindernis.

Selbst Brilliance-Verkäufer Sachs räumt nun ein, dass der BS 6 dem deutschen Standard nicht entspricht. Der neue BS 6 mit verstärkter passiver Sicherheit soll nicht teurer werden, sagte Sachs. Und wie am Auto so werde es auch im Vertrieb Verbesserungen geben. Bis zum Jahresende sollen 150 Verkaufsstellen installiert sein. Mit rund 40 Händlern laufen nach seinen Worten schon Verhandlungen, die in den kommenden Monaten zum Abschluss gebracht werden sollen.

Aufbau eines Händlernetzes schwierig

Derzeit hat Brilliance gerade mal vier Händler in Nordrhein-Westfalen unter Vertrag. Und der Aufbau eines flächendeckenden Händlernetzes gestaltet sich sehr schwierig, ist aus Branchenkreisen zu hören. Das ursprüngliche Ziel, im laufenden Jahr in Deutschland 3000 Fahrzeuge vom BS 6 abzusetzen, hat Sachs, wie er sagt, nicht aus den Augen verloren. Schon auf der IAA will Brilliance darüber hinaus ein Showcar seines Kompaktmodells BS 2 vorstellen sowie das Mittelklassemodell BS 4 in Serienreife.

Als der chinesische Geländewagen Landwind vor eineinhalb Jahren am ADAC-Test gescheitert war (siehe dazu auch: (ADAC bemängelt chinesischen Geländewagen) , hatte der Automobilklub sogar noch einen Verkaufsstopp für das Auto gefordert. Noch nie in der zwanzigjährigen Crash-Historie des ADAC hatte ein Modell so schlecht abgeschnitten wie der Landwind, der aussah wie ein reanimierter Opel Frontera. Damals war die Fahrgastzelle komplett zusammengebrochen, und der Fahrer hätte bei einem Frontalaufprall keine Überlebenschance, hieß es. Der Landwind wurde nicht mehr in Deutschland verkauft.



Text: F.A.Z., 21.06.2007, Nr. 141 / Seite 21
Bildmaterial: dpa

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