22. November 2006 Der Kontrast könnte kaum größer sein: Während der deutsche Markt geprägt ist von der Werbung für Billigware, werden in Italien besonders teure Nischenprodukte zum geschäftlichen Erfolg. Dabei gilt auch das sprunghafte Wachstum der Verkaufspreise für Spezialitäten in der Feinschmeckervereinigung "Slow Food" als Erfolgsnachweis.
Selbstverständlich sind dabei die Unterschiede zur Massenware im Supermarkt, wenn kleine italienische Nahrungsmittelproduzenten veredelten weißen Speck für 14 Euro das Kilo verkaufen statt für 5 Euro im Supermarkt oder die Bohnen zum Kilopreis von 30 Euro anstelle der 6 Euro für die gewöhnliche Ware auf dem Gemüsemarkt. Untersuchungen der elitären Mailänder Wirtschaftsuniversität Bocconi ergaben, daß die Hersteller der Qualitätswaren die ohnehin schon hohen Verkaufspreise innerhalb weniger Jahre drastisch erhöhen konnten und gleichzeitig Absatz und Produktion steigerten.
Spezialitäten vor dem Aussterben bewahren
Selbst bei "Slow Food" sorgten die Studien für Überraschung. Für die Organisation, gegründet als Antwort auf die Eröffnung der ersten amerikanischen Schnellrestaurants in Rom, stand Ende der neunziger Jahre der Gedanke im Vordergrund, daß seltene Spezialitäten mit hoher Qualität vor dem Aussterben bewahrt werden müßten. Sinnbild für das Engagement der italienischen Feinschmecker war zunächst die Arche Noah.
Danach suchte man Patenschaften zu organisieren - mit Unterstützung für die einzelnen Produkte bei Vermarktung, Messeauftritt oder einzelnen wichtigen Investitionen. "Wir haben nie irgendeine Art dauerhafter Subventionierung beabsichtigt, sondern wollen dazu beitragen, daß sich die Produkte selbst tragen", sagt Linda Nano von der "Slow-Food-Stiftung für Biodiversität".
Manchmal profitierten ganze Ortschaften
Die Daten zeigen, daß sich, bei allem Engagement für die Produktqualität oder für ökologische Ideale, bei den Patenschaftsprojekten wirtschaftliche Erfolge einstellten: Bis 2006 habe sich der Preis der toskanischen Bohnensorte "Fagiolo Zolfino" mehr als verdreifacht, für den weißen Speck "Lardo di Colonnata" ergab sich ein Plus von 50 Prozent. Bei weiteren 16 untersuchten Beispielen ergaben sich nur in zwei Fällen konstante Verkaufspreise, sonst Steigerungen zwischen 30 und 300 Prozent, bei einem in den meisten Fällen vervielfachten Absatz. Auch die allgemeinen ökonomischen Daten klingen positiv: Nur für die Jahre von 2000 bis 2004 ergibt sich ein Wachstum der Zahl von Kleinunternehmen in den Patenschaftsprojekten von "Slow Food" von 1080 auf 1470 und eine Erhöhung der Beschäftigung von 2200 auf mehr als 3000.
Vom ökonomischen Erfolg profitieren oft auch Zulieferer oder ein ganzer Ort in einer manchmal sehr abgelegenen Gegend: Nur mit der Belebung des traditionellen Roggenbrötchens, wie es schon im Mittelalter die Mönche im Südtiroler Vinschgau produzierten, sei auch wieder die Landwirtschaft auf den Bergwiesen in Gang gekommen, berichtet Karin Huber vom Patenschaftsprojekt "Ur-Paarl". Für diese speziellen Brötchen sei Roggen aus der Region nötig. Der werde nun wieder angebaut, weil die Bäcker für das biologische Getreide den Bauern rund 50 Prozent mehr bezahlten, als sonst für Allerweltsware zu erhalten sei.
Fast verboten, dann nachgeahmt
Die Unterstützung hat nicht nur bei der Verbesserung der Qualität im Herstellungsverfahren oder bei der Vermarktung geholfen. Den Alpenkäse "Bitto" wollten die Gesundheitsbehörden zeitweise verbieten, weil er nicht aus pasteurisierter, sondern aus frischer Milch gewonnen wird. Nun zieht der Erfolg Nachahmer an, die ähnlichen Käse mit vereinfachten Produktionsmethoden herstellen wollen.
Für Roberto Grattone, der in einem Bergtal zwischen Mailand und Genua die Produktion der fast vergessenen Käseart "Montebore" wiederbelebt hat, war das Patenschaftsprojekt von "Slow Food" für den Käse nur der Anfang. In der näheren Umgebung gibt es rund 50 Restaurants, von denen 35 bei ihm Käse einkaufen. Er selbst hat nun einen Agriturismo eröffnet und bietet dort Spezialitäten von anderen Herstellern an. "Der Erfolg der Herstellern von traditionellen und hochwertigen Lebensmitteln hängt einfach von der Persönlichkeit ab und davon, wie sie das Netzwerk von Slow Food und den Slow Food-Restaurants nutzen können", sagt Serena Milano, eine der Verantwortlichen der Patenschaftsprogramme. "Die Art der Lebensmittel ist dagegen nicht entscheidend. Manche haben auch Erfolg mit einer seltenen Erdknolle."
Text: F.A.Z., 22.11.2006, Nr. 272 / Seite 16
Bildmaterial: AFP
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