08. April 2008 Der Eurotunnel hat im vergangenen Jahr zum ersten Mal in seiner Geschichte einen Gewinn erwirtschaftet. Gut einundzwanzig Jahre nachdem die Betreibergesellschaft der Röhre unter dem Ärmelkanal gegründet wurde und gut dreizehn Jahre nach der Tunneleröffnung weist die Groupe Eurotunnel einen Gewinn nach Steuern von 1 Million Euro aus. Auf Basis einer Proforma-Rechnung, die das Vorjahr vergleichbar machen soll, hat sich das Nettoergebnis damit um 205 Millionen Euro verbessert. Das Jahr 2007 beweist, dass die neue Eurotunnel-Gruppe nichts mehr mit der Vergangenheit zu tun hat, sagte der Vorstandsvorsitzende Jacques Gounon in Paris.
Die nach langen Verhandlungen im vergangenen Jahr erreichte Entschuldung, eine bemerkenswerte operative Unternehmensleistung und strenge Kostendisziplin hätten dies möglich gemacht, meinte Gounon vor Journalisten. 2009 sei erstmals die Ausschüttung einer Dividende zu erwarten. Der Kurs der Eurotunnel-Aktie stieg am gestrigen Dienstag um rund 6 Prozent auf knapp 12 Euro. Im vergangenen Juli war ihr Handel nach längerer Unterbrechung infolge der Umschuldungsverhandlungen bei 18 Euro wieder im Handel gestartet.
Mehrmals am Rande des Bankrotts
Der Betreiber des Eurotunnels ist vor gut zwei Jahrzehnten als britisch-französisches Unternehmen in privater Hand gegründet worden. Die Unterschätzung der Baukosten, die Überschätzung der Einnahmen infolge des scharfen Wettbewerbs durch Fähren und Fluggesellschaften sowie der dadurch entstandene Schuldenberg brachten die Gesellschaft mehrfach an den Rand des Bankrotts. Im vergangenen Jahr aber leitete das Unternehmen eine finanzielle Restrukturierung ein, die die Schuldenlast auf rund 4,2 Milliarden Euro halbierte und den Gläubigern zahlreiche Wandelanleihen übertrug, die sie in Zukunft in Aktien tauschen können. Die vielen Kleinaktionäre, deren Einsatz im Laufe der Jahre auf ein Minimum zusammengeschmolzen ist, wurden dadurch weit an den Rand gedrängt.
Am Ende der Restrukturierung könnten sie rund 26 Prozent des Eurotunnel-Kapitals halten, sagte Gounon. Der Franzose will jetzt vor allem nach vorne blicken. Deutlich verringerte Zinskosten infolge des Schuldenabbaus und gute Aussichten aufgrund einer Renaissance des Bahnverkehrs sollen den Neustart ermöglichen.
Schneller und weiter
Gounon verwies schon in jüngerer Vergangenheit darauf, dass die konkurrierenden Fähren derzeit stark unter den hohen Treibstoffkosten litten, während die Eurotunnel-Züge vom billigen Atomstrom aus Frankreich profitierten. Außerdem bringe der im Wesentlichen zwischen London, Brüssel und Paris verkehrende Eurostar mehr Verkehr und Einnahmen, denn die Fahrt sei attraktiver, seit sie auf britischer Seite beschleunigt und bis zum Londoner Bahnhof Saint Pancras verlängert wurde.
Schließlich hofft der Eurotunnel auch auf eine Belebung des Frachtgeschäftes mit Güterzügen, die in der Vergangenheit kaum ausgelastet waren. Die Übernahme der britischen Frachtgesellschaft EWS durch die Deutsche Bahn und des französischen Logistikspezialisten Geodis durch die SNCF könnten hier eine Verbesserung bringen. Vor diesem Hintergrund erwartet Eurotunnel 2008 eine weitere Verbesserung seines Nettogewinns und seiner Erlöse. Im ersten Quartal dieses Jahres hat sich der Umsatz bereits um 15 Prozent auf 187,6 Millionen Euro verbessert.
Erfolgreiche Kapitalerhöhung
Im vergangenen Jahr sind die Erlöse um 6 Prozent auf 775 Millionen Euro gestiegen. Allerdings wurde dabei der Wegfall der Minimalnutzungsgebühren durch die Eisenbahnen herausgerechnet. Ihr Auslaufen führte de facto zu einem Umsatzrückgang von 6 Prozent. Das Kerngeschäft der so genannten Shuttles, die Autos und Lastwagen transportieren, erhöhte seine Einnahmen um 8 Prozent auf 500 Millionen Euro. Das Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) verbesserte sich um 12 Prozent auf 439 Millionen Euro. Die Finanzkosten fielen durch die Schulden-Restrukturierung um mehr als 40 Prozent auf 278 Millionen Euro.
Eurotunnel hat im Februar erfolgreich das Kapital um 800 Millionen Euro erhöht. Goldman Sachs zeichnete einen großen Teil von Wandelanleihen und könnte 2011 mit 13 bis 15 Prozent des Kapitals größter Eurotunnel-Aktionär werden, wenn die Bank bis zur dann möglichen Umwandlung engagiert bliebe. Eine weitere Kapitalerhöhung um 900 Millionen Euro ist in diesem Jahr vorgesehen. Aufgrund der schwierigen Marktbedingungen sagte Gounon jedoch, dass wir es nicht allzu eilig haben.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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