Musikindustrie

Geldregen auf der Bühne

Von Marcus Theurer

Überteuert: 120 Euro für ein “Police“-Ticket

Überteuert: 120 Euro für ein "Police"-Ticket

19. September 2007 Sage niemand, mit Musik sei in Zeiten des Raubkopierens von CDs nichts mehr zu verdienen. Wenn Elton John in Las Vegas in die Tasten greift, kosten die teuersten Plätze direkt vor der Bühne des Hotels Ceasars Palace mehr als 700 Dollar. Und die irische Rockgruppe U2 hat im vergangenen Jahr für ihre „Vertigo“-Welttournee rund 4,6 Millionen Karten verkauft und damit fast 400 Millionen Dollar umgesetzt.

Solche astronomischen Zahlen zeigen: Das Musikgeschäft steht mittlerweile kopf. Vor 20 Jahren waren für viele Pop- und Rockstars Live-Tourneen kommerziell gesehen nur ein notwendiges Übel, um den CD-Verkauf anzukurbeln. Heute dagegen wird das Geld mit Konzerten statt Tonkonserven verdient.

CD-Verkäufe brechen ein

Auch die Macher der Berliner Musikmesse Popkomm haben die Zeichen der Zeit erkannt. Das am Mittwoch beginnende Branchentreffen steht stärker denn je im Zeichen des „Live Entertainment“, wie der Konzertzirkus im Branchenjargon heißt. Kein Wunder, ist doch das Tonträgergeschäft, um das sich auf der Popkomm lange Zeit alles drehte, nur noch ein Schatten früherer Glanzzeiten.

In den Vereinigten Staaten, dem wichtigsten Musikmarkt der Welt, zeichnet sich bereits ein weiteres Desaster ab. Im ersten Halbjahr sind dort die CD-Verkäufe zweistellig eingebrochen. Der deutsche Phonoverband hat dieses Jahr erstmals gleich ganz auf die Veröffentlichung von Halbjahreszahlen verzichtet. Der Digitalvertrieb von Musik für iPod und Handys wächst derweil zwar stark, kann aber die Einbußen im traditionellen Geschäft mit den Silberscheiben nicht annähernd ausgleichen.

Livemusik bringt das Geld

Mitten in der Tonträger-Endzeit präsentierten die Konzertveranstalter am Dienstag im Vorfeld der Popkomm glänzende Zuwachszahlen. Der Branchenverband IDKV hat beim Marktforscher GfK eine Studie in Auftrag gegeben, die erstaunliche Ergebnisse bringt. Im ersten Halbjahr wurden in Deutschland mit Livemusik 1,44 Milliarden Euro umgesetzt und damit fast doppelt so viel wie mit Tonträgern.

Hinzu kamen Erlöse von fast 400 Millionen Euro für Nebengeschäfte wie Essen und Trinken sowie Fanartikel rund um die Konzerte. Seit Mitte der neunziger Jahre ist der Konzertmarkt in Deutschland um rund 17 Prozent gewachsen, während im selben Zeitraum die Tonträgerumsätze um etwa 40 Prozent eingebrochen sind.

„Der Konzertmarkt wird weiter wachsen“

Das Livegeschäft boomt, und die Musiker kassieren kräftig ab. „In den letzten fünf Jahren sind die Eintrittspreise um rund ein Drittel gestiegen“, sagt Klaus-Peter Schulenberg, Vorstandschef des größten deutschen Ticketvermarkters und Konzertveranstalters CTS Eventim. Zwar gibt es auch auf den Konzertbühnen Flops. So haben sich etwa die Karten für die erste Tour von „The Police“ seit mehr als 20 Jahren in Deutschland schleppend verkauft. Die Preise von teilweise rund 120 Euro gelten als überteuert.

Auch die jüngste Tournee der Rock-Rentner „Rolling Stones“ war hierzulande kein großer Erfolg. Doch insgesamt laufen die Geschäfte prächtig. CTS Eventim hat seinen Konzertumsatz bis zur Jahresmitte um mehr als ein Drittel gesteigert. „Der Konzertmarkt wird weiter wachsen“, erwartet Vorstandschef Schulenberg.

Konzerterlöse teilen

Die von chronischer Schwindsucht im Tonträgermarkt gezeichnete Musikindustrie versucht seit langem, sich einen Teil der Konzert-Einnahmen ihrer Künstler zu sichern. Der britische Musikkonzern EMI hat schon vor fünf Jahren für einen langjährigen Exklusivkontrakt mit dem damaligen Superstar Robbie Williams einen Fabelpreis von fast 100 Millionen Euro bezahlt.

Es war einer der ersten Verträge, bei denen sich eine Plattenfirma Anteile an den Konzerteinnahmen ihrer Künstler sicherte. Heute sind solche Vereinbarungen dagegen üblich. Nachwuchskünstler bekommen oft nur noch einen Plattenvertrag, wenn sie auch ihre Konzerterlöse zu teilen bereit sind.

Prince verschenkt Album und spielt Weltrekord

Vor allem für in die Jahre gekommene Altstars wie die Rolling Stones ist das Aufnehmen neuer CD-Alben längst nur noch Hobby und Nebeneinnahmequelle. Wie das Geschäft heute läuft, hat bislang am radikalsten das amerikanische Achtziger-Jahre-Popidol Prince („Purple Rain“) vorgemacht.

Im Sommer ließ Prince seine neue CD „Planet Earth“ in Großbritannien kostenlos einer Sonntagszeitung beilegen. Seine Plattenfirma Sony-BMG hatte der exzentrische Musiker vorab über seinen Coup gar nicht erst informiert. Der Medienrummel rund um das verschenkte Album war gigantisch, und auch deshalb ging für Prince die Rechnung auf: Er spielte im Sommer in London 21 Stadion-Konzerte hintereinander. Weltrekord.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, F.A.Z., REUTERS

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