„Der Berg ruft... vertrauliche Info“

Unerlaubtes Skivergnügen mit Siemens

Von Joachim Herr

In dem Elektronikkonzern beherzigen noch nicht alle Manager die strengen neue...

In dem Elektronikkonzern beherzigen noch nicht alle Manager die strengen neuen Verhaltensregeln

04. Juni 2008 Das Angebot klingt verlockend. Mit einer außergewöhnlich schönen Landschaft, einem romantischen Dorf sowie dem behaglichen und familiär geführten Hotel wirbt der „Berghof“ in Lech am Arlberg um Gäste. Dorthin lud ein Vertriebsleiter einer Geschäftseinheit von Siemens im September 2007 per E-Mail 18 seiner Mitarbeiter „zu unserer jährlichen Skiausfahrt nach Lech am Arlberg“ ein.

„Vom 13. bis 16. Dezember stehen, wie im vergangenen Jahr auch, Zimmer im Hotel Berghof zur Verfügung.“ Manche Mitarbeiter brachten ihre Partner mit, andere kamen auch mit ihren Kindern. Schnee und Stimmung an diesen vier Tagen von Donnerstag bis Sonntag vor einem halben Jahr waren prächtig.

Schöne Geste?

Die Hotelrechnung für alle beglich der Vertriebsdirektor. Das könnte eine schöne Geste von ihm gewesen sein zur Belohnung guter Leistungen seiner Mitarbeiter, die in einer Abteilung der Siemens Product Lifecycle Management Software (DE) GmbH tätig sind. Doch schon in der E-Mail mit einem Foto des stattlichen Hotels im alpenländischen Baustil stand geheimnisvoll in der Betreffzeile: „Der Berg ruft. . . vertrauliche Info.“ Außerdem appellierte der Vorgesetzte eindringlich an seine Mitarbeiter, das verlängerte kostenlose Skiwochenende nicht im Kalender einzutragen.

Nicht ohne Grund, denn das Geld für Übernachtung und Essen im Berghof stammte von Partnerunternehmen, die Software herstellen und deren Produkte auch von Siemens-PLM vertrieben werden. Diese Information ist zwar bisher nicht bestätigt, doch soll der Vertriebsleiter selbst seinen Mitarbeitern von den Spendern berichtet haben. Angeblich haben einige Geschäftspartner eine finanzielle Unterstützung der Skifahrertruppe abgelehnt. Vermutet wird, dass die großzügigen Software-Lieferanten bevorzugt behandelt werden.

Nicht jeder beherzigt die strengen Richtlinien

Die Korruptionsaffäre hat Siemens auf den Kopf gestellt. Mitarbeiter sind verunsichert, weil die Vorschriften für gesetzestreues Verhalten erheblich verschärft wurden. Doch nicht jeder beherzigt die strengen Richtlinien. Das Skiwochenende in Vorarlberg ist ein klarer Verstoß gegen die als „Business Conduct Guidelines“ bezeichneten Siemens-Regeln. Unter Punkt B3 „Fordern und Annehmen von Vorteilen“ heißt es: „Hierzu gehört nicht die Annahme von Gelegenheitsgeschenken von geringem Wert; andere Geschenke sind abzulehnen oder zurückzugeben.“ Der Preis für die Halbpension im „Berghof“ reicht für die Zeit vor Weihnachten - je nach Zimmer - von 132 bis 185 Euro am Tag und pro Person. Das ist kein „Gelegenheitsgeschenk“ nach der Definition des Konzerns. Eine Stellungnahme zu dem konkreten Fall war von Siemens zunächst nicht zu erhalten. Es würden sorgfältig alle Hinweise auf Verstöße gegen die Unternehmensrichtlinien geprüft und bewertet, hieß es in allgemeinem Ton.

Dass im Intranet der DE GmbH eine lange Kundenliste des größten Konkurrenten Dassault Systèmes eingestellt wurde, ist vielleicht sogar ein Fall für den Staatsanwalt. In einer E-Mail an 15 Mitarbeiter und den Vertriebsleiter schrieb dessen Assistentin am 15. Oktober 2007 nicht ganz fehlerfrei: „Hallo Zusammen, Anbei sende ich Euch den Link mit allen relevanten Information zu Dassault.“

Wichtige Informationen

Unter der Intranet-Adresse findet sich, wenn der Inhalt nicht kurzfristig gelöscht worden ist, bis heute eine ganze Fülle von Dateien des Konkurrenten: Präsentationen - unter anderem der Geschäftsstrategie -, Organisationstableaus, Preislisten und eine Aufstellung von 3216 Maschinenbau-Kunden von A bis W aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Besonders brisant ist, dass auch die Kosten jedes einzelnen Kunden für die Software-Wartung aufgeführt sind. Das sind wichtige Informationen, um einem Konkurrenten Kunden abjagen zu können.

Auffällig ist, dass ein Mitarbeiter der Siemens-Abteilung einige Monate für die deutsche Gesellschaft von Dassault Systèmes in Stuttgart gearbeitet hat, ehe er an seinen alten Platz zurückkehrte. Die DE GmbH gehörte bei seinem Wechsel zur Konkurrenz noch zum amerikanischen Software-Unternehmen UGS, das Siemens vor einem Jahr für seine Sparte Automatisierungs- und Antriebstechnik übernommen hat. Mit einem Preis von 3,5 Milliarden Dollar - einschließlich der Schulden - und einem Jahresumsatz von 1,2 Milliarden Dollar zählt UGS zu den größten Akquisitionen von Siemens in den vergangenen Jahren. Auf dem Gebiet der Software, die Industriekunden helfen soll, Produktlebenszyklen zu verbessern, sind Siemens und Dassault die beiden mit deutlichem Abstand führenden Unternehmen in der Welt.

Der Vertriebsleiter, der zur Altersgruppe Anfang 40 gehört und als sehr zielstrebig, aber auch als bisweilen skrupellos beschrieben wird, hat zunächst in der deutschen Gesellschaft von UGS Karriere gemacht, schaffte es bis zum Vertriebsdirektor der DE GmbH in Süddeutschland und hatte gute Chancen, schon bald den Verkauf in ganz Deutschland zu leiten. Das könnte sich schnell ändern, wenn Siemens die Vorgänge in seiner Abteilung unter die Lupe nimmt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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