Forschung

Die Gen-Kartoffel und das reißfeste Papier

Von Michael Roth

07. Dezember 2006 Eine herkömmliche Kartoffel besteht zu drei Vierteln aus Wasser. Das übrige Viertel, vorwiegend Kartoffelstärke, ist ein wichtiger Rohstoff für die Papier- und Klebstoffindustrie. Diese Stärke besteht aus den Komponenten Amylose und Amylopektin. Durch Amylopektin wird Verpackungspapier luftdurchlässiger und reißfester.

Das spart Zeit, die beim Einfüllen von Mehl oder Zement in Papiersäcke wichtig ist. Papier zum Drucken, das mit der Stärke beschichtet wird, glänzt stärker und nimmt Druckfarben besser an. Als Bestandteil von flüssigem Klebstoff verlängert Amylopektin den Zeitraum, in dem Klebstoff verarbeitet werden kann.

Die Trennung des Stärkegemischs Amylose und Amylopektin in der Kartoffel ist allerdings aufwendig, weil viel Wasser und Energie verbraucht werden. Die klassische Züchtung einer amylosefreien Kartoffel mit guten Erträgen ist bisher nicht gelungen. Wissenschaftler der BASF haben eine Kartoffel entwickelt, die reine Amylopektinstärke bildet. Die Amylose wurde mit Hilfe der Gentechnik ausgeschaltet.

Innovative Kartoffel

„Mit der Kartoffel bieten wir ein neues innovatives Produkt mit hohem Marktpotential und großen Chancen für die einheimische Landwirtschaft und Stärkeindustrie", sagt Anne van Gastel, Marketingdirektorin bei der BASF. Zum Umsatzpotential und anderen betriebswirtschaftlichen Kennzahlen macht die BASF keine Angaben. Mit rund 35 Prozent sind Kartoffeln aber ein wichtiger Rohstoff in der europäischen Stärkeproduktion. Jedes Jahr werden in Europa rund zwei Millionen Tonnen Stärkekartoffeln angebaut, in Deutschland 650 000 Tonnen.

Doch bis die BASF ihre "Amflora" benannte Gen-Kartoffel anbauen kann, wird es noch dauern. Im zuständigen Regelungsausschuß der EU erhielt ein Zulassungsantrag nicht die notwendige Mehrheit. Nun müssen Ministerrat oder Kommission entscheiden. Die Kommission hatte sich indes schon für den Anbau ausgesprochen. Die Kartoffel ist das erste gentechnisch veränderte Produkt, das seit 1998 in der Europäischen Union die Zulassung zum Anbau erhalten soll. Die BASF hofft nun auf die Genehmigung rechtzeitig zur Anbausaison 2007.

Geheime Feldversuche

Feldversuche und Tests gab es bereits in den Ländern, in denen "Amflora" später auch wachsen soll. Die BASF nennt Deutschland, die Niederlande, Tschechien und Schweden, nicht aber die konkreten Anbauregionen. Bekannt ist, daß der Anbau in Brandenburg und Sachsen-Anhalt schon einmal geübt wird - allerdings mit konventionellen Kartoffeln.

Die Landwirte sollen mit dem Anbau der Feldfrucht mit roter Schale Erfahrungen mit einer besonderen Qualitätssicherung sammeln. Solche sogenannten qualitätssichernden Anbausysteme (Identity Preservation Systems) sind seit Jahren Standard beim Anbau von Sonderkulturen, wie beispielsweise der Saatgutvermehrung und beim Anbau von besonderen Pflanzenölen.

Selbstbefruchter

"Amflora" wird im Rahmen eines Vertragsanbaus produziert. Sie wird direkt an den Landwirt geliefert und getrennt von herkömmlichen Speisekartoffeln angebaut. Zu benachbarten Kartoffelfeldern müssen Mindestabstände eingehalten werden. Die Landwirte müssen sicherstellen, daß die Pflanz- und Erntemaschinen keine Reste anderer Kartoffeln enthalten. Amflora darf nur in geschlossenen Behältern transportiert werden. Alle Maßnahmen müssen dokumentiert werden. Die Ernte wird direkt in die Stärkefabrik geliefert. Die Kartoffeln gelangen nicht in den Handel, verspricht die BASF.

Nach einer Ernte liegt die Anbaufläche brach, und es wird kontrolliert, ob Kartoffelknollen im Boden geblieben sind, aus denen neue Pflanzen wachsen. Diese werden dann entfernt. Eine Bestäubung herkömmlicher Kartoffeln mit dem Pollen von "Amflora" ist nicht unmöglich, aber selten, heißt es bei der BASF. Die einzelne Kartoffelpflanze befruchte sich normalerweise selbst. Viel entscheidender sei aber, daß man Kartoffeln nicht durch Samen, sondern über Knollen vermehre und auspflanze. Selbst wenn also Pollen der Amflora-Kartoffel eine herkömmliche Pflanze bestäube, gelange die neue Erbinformation nicht in die Knollen und werde nicht weitervererbt.

„Akzeptanz durch die Hintertür“

Erwartungsgemäß gibt es Widerstände. Neben den üblichen Bedenken der unkontrollierten Verbreitung vermutet die Bundestagsfraktion der Grünen, daß die EU mit einer Zulassung ein politisches Zeichen für die Gentechnik setzen wolle. "Sie versucht damit, der Agro-Gentechnik durch die Hintertür Akzeptanz zu verschaffen", erklärt die verbraucherpolitische Sprecherin Ulrike Höfken. Doch das werde ihr nicht gelingen. Auch wirtschaftlich bringe die Stärkekartoffel nichts, sagt Höfken voraus. Das habe auch die Stärkeindustrie versichert. Zwar werde ein Verarbeitungsschritt eingespart, doch die neuen Kartoffeln seien teurer und nicht so ertragreich. Die BASF-Kartoffel bewirke zudem eine notwendige Trennung eines bisher einheitlichen Absatzmarktes. Dies koste ein Vielfaches der möglichen Einspargewinne. "Wirtschaftlicher Blödsinn", urteilt Höfken.

Dem widerspricht die BASF. "Amflora" sei eine ertragstarke Sorte. "Und seien Sie versichert, wir werden keine unwirtschaftlichen Projekte verfolgen", sagte eine BASF-Sprecherin zu den Vorwürfen der Grünen. Alle Beteiligten in der Wertschöpfungskette - Stärkehersteller, Landwirte und auch die BASF - werden profitieren.

Die Gen-Kartoffel ist nicht die einzige Aktivität der BASF im Bereich der Pflanzenbiotechnologie. An acht Standorten in fünf europäischen Ländern und in Nordamerika arbeiten mehr als 600 Forscher. Mit Forschungsinstituten, Universitäten und Biotech-Unternehmen gibt es Kooperationen. Die BASF-Forschung in der Pflanzenbiotechnologie konzentriert sich auf die Bereiche effizientere Landwirtschaft, gesündere Ernährung und - wie "Amflora" - Pflanzen als nachwachsende Rohstoffe.



Text: F.A.Z., 07.12.2006, Nr. 285 / Seite 20
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

 
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