Weihnachtseinkäufe im KaDeWe

Trutzburg des Konsums

Von Konrad Mrusek, Berlin

Ein Collier für die Gattin kann hier schon mal 100.000 Euro kosten

Ein Collier für die Gattin kann hier schon mal 100.000 Euro kosten

20. Dezember 2008 „Heute gibt es sehr hohe Kassenbons“, strahlt Barbara Bohnekamp und gönnt sich eine kleine Pause zwischen den Verkaufsvitrinen, „viele liegen über 1000 Euro.“ Sie leitet nicht etwa einen der Designershops im Berliner Kaufhaus des Westens, wo es Gucci, Louis Vuitton oder Prada zu kaufen gibt, sondern die Abteilung für Damenwäsche. Da müssen die Kundinnen schon sehr großzügig sein, um mit solch feinen und seidigen Textilien auf derart hohe Summen zu kommen.

Sehr spendabel scheint man an diesem Samstagnachmittag auch vier Stockwerke höher in der Feinkostabteilung des KaDeWe zu sein, die nicht nur wegen ihrer Austernbar geradezu Kultstatus besitzt. „Hier schlemmen nicht nur die reichen Ausländer“, versichert Abteilungsleiter Norbert Könnecke, „denn schließlich sind wir auch Nahversorger für die Berliner, und denen hat die Krise offensichtlich auch noch nicht auf den Magen geschlagen.“

Mit Glitzer gegen die Krise

Auch die Feinkostabteilung scheint krisensicher zu sein

Auch die Feinkostabteilung scheint krisensicher zu sein

Das KaDeWe war schon immer eine Trutzburg des Konsums. In diesen Zeiten der Krise wirkt das Kaufhaus noch mehr wie ein Fluchtort für jene, die der depressiven Stimmung entkommen und sich in diesem Tempel des Luxus für ein paar Stunden der Illusion hingeben wollen, dass die guten alten Zeiten vielleicht doch nicht ganz vorüber sind.

Diese Sehnsüchte werden auch gleich hinter der Tür aufs schönste befriedigt. Im Foyer glitzert ein Zauberwald, mit riesigen und zum Teil auch echten Bäumen, mit Kunstschnee, Glocken und Krönchen. Da wurde an nichts gespart, um vorweihnachtlichen Zauber zu inszenieren. Es gibt fast kein Durchkommen in diesem Wald, nicht nur die Kinder bleiben staunend stehen, auch die Augen der Erwachsenen glänzen, sie recken die Hälse und zücken die Kameras. Auf den Etagen darüber ist das Gedränge zwar geringer, doch man hat nicht den Eindruck, dass die illustre und vielsprachige Kundschaft nur flanieren und die Kassen meiden will.

Ist die Krise bloß ein mediales Gespenst, das diesem Konsumtempel am Berliner Wittenbergplatz nichts anhaben kann? Oder ist die Rezession schlicht noch nicht angekommen bei den Kunden, weil die meisten noch einen Job haben und die Reichen zwar Geld an der Börse verloren haben, ihr Vermögen sich aber noch längst nicht verflüchtigt hat?

Die Russen gehen im KaDeWe an die Wäsche

Man spürt zwar Verunsicherung bei den Verkäufern, aber zugleich einen gewissen Trotz, sich so schnell nicht unterkriegen zu lassen. Jedes Signal der Hoffnung macht daher schnell die Runde im Riesenhaus. So wird kolportiert, ein Chinese habe unten in einer der Boutiquen einen fünfstelligen Betrag für eine Schweizer Luxusuhr hingeblättert.

Nahebei im Shop des Juweliers Wellendorff ist die Flaute ebenfalls noch nicht angekommen: „Wir spüren noch nichts von einer Krise und hoffen, dass unsere vielen Stammkunden aus dem unternehmerischen Mittelstand nicht so stark betroffen sind von den Verlusten an der Börse“, sagt Bettina Greifoner.

Klotzen, nicht kleckern. Das ist die Devise des KaDeWe, wenn es um die Deko geht

Klotzen, nicht kleckern. Das ist die Devise des KaDeWe, wenn es um die Deko geht

Der Feinkostexperte Könnecke liefert eine andere Erklärung dafür, dass die Krise das Haus bisher weitgehend verschonte. „Wir haben uns eine andere Kundenstruktur erarbeitet“, sagt er. Tatsächlich ist das traditionsreiche KaDeWe längst mehr als ein Warenhaus, es ist eine Sehenswürdigkeit und lockt vermögende Kunden aus nah und fern. Man will in der globalen Liga spielen, sich mit den Galeries Lafayette in Paris und mit Harrods in London messen. Fast jeder zweite Kunde ist inzwischen ein Ausländer, die Busse der Reisegruppen halten direkt vor der Tür. Gerade an den Wochenenden vor Weihnachten gibt es ein babylonisches Sprachgewirr, man hört viele asiatische Sprachen und auffallend häufig Italienisch oder Spanisch.

Und nicht zu überhören sind auch die russischen Kunden. Das KaDeWe hat sich darauf mit dem Personal eingestellt. Irina Seljakova, die schon seit acht Jahren dabei ist, schätzt, dass sie etwa ein Drittel der Damenwäsche an russische Kunden verkauft. Wenn denen etwas gefalle, so schmunzelt sie, werde erst gar nicht probiert, sondern gleich die Kreditkarte gezückt.

Harvenklänge statt Weihnachtsgedudel

Paris Hilton vor zwei Jahren bei einer Signierstunde im KaDeWe

Paris Hilton vor zwei Jahren bei einer Signierstunde im KaDeWe

Es sind aber nicht nur Ausländer, die zum Shopping nach Berlin reisen. Das KaDeWe vermag offenbar auch die Münchener Maximilianstraße auszustechen. „Hier finde ich genau das, was ich brauche“, sagt der Unternehmer Michael Benke, der mit Frau und Tochter gerade aus München angekommen ist, und plaziert seinen rechten Schuh auf der hölzernen Unterlage, damit Holger Pelka ihn polieren kann.

Der Mann vom Berliner Classic Shoe-Shine-Service, der seit Oktober in der Schuhabteilung des KaDeWe seinen Stand hat, ist den ganzen Nachmittag schon im Dauereinsatz. Für Benke ist der Schuhputzer nicht etwa ein Ersatz für einen Schuhkauf, sondern ein willkommener Service, weil er auf der Fahrt nach Berlin auf einem Autobahnparkplatz unliebsame Bekanntschaft mit lehmigem Boden machte.

Das KaDeWe gehört zwar zur Karstadt-Muttergesellschaft Arcandor, doch im Sortiment und auch im Service will man weit mehr bieten als ein herkömmliches Warenhaus. Dieser Anspruch wird bereits im Erdgeschoss dokumentiert, wo die Parfümerieabteilung nicht weniger als 1500 Düfte bietet. Um dieses große Luxuskino unbeschwert genießen zu können, wird sogar eine kostenlose Garderobe geboten.

Auch in der Musik zeigt das KaDeWe den Hang zum Exquisiten: Statt des weihnachtlichen Konsumgedudels vom Band werden hier Pianisten engagiert, und in der Damenabteilung sitzt eine Harfenistin. Ihre zarten Töne gehen keineswegs unter im Gewusel, einige Kunden bleiben stehen und verbreiten eine geradezu andächtige Stille. Auch Ronald Goedecke aus Hamburg hat sich unter die Zuhörer gemischt. Er ist begeistert von dieser musikalischen Idee und kann überhaupt nicht verstehen, dass viele Hamburg als die elegantere Einkaufsstadt bezeichnen. „Ich muss mindestens zweimal im Jahr nach Berlin reisen“, sagt der Norddeutsche.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Matthias Lüdecke - FAZ, picture-alliance/ dpa

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