Übernahmen

Auf Einkaufstour in der deutschen Wirtschaft

Continental ist ein Kaufobjekt

Continental ist ein Kaufobjekt

17. August 2008 Familienunternehmen sind zu einem wichtigen Faktor auf dem Übernahmemarkt geworden. Sie verfügen über solide Bilanzen, gefüllte Kassen und haben im Gegensatz zu privaten Beteiligungsgesellschaften weiter die Möglichkeit, Kredite zu günstigen Konditionen aufzunehmen. „An der Finanzierung scheitern Übernahmen von Familienunternehmen so gut wie nie“, sagt Sascha Haghani, Partner für Unternehmensfinanzierung der Strategieberatungsgesellschaft Roland Berger. Etwa 1000 große Familienunternehmen gebe es alleine in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Nicht selten könnten sie 100 bis 200 Millionen Euro aus Eigenmitteln für solche Käufe aufbringen.

„Wenn sich mehrere Familien zusammenschließen und dann noch externe Finanzierung hinzugerechnet wird, sind auch Käufe zwischen 2 und 3 Milliarden Euro denkbar“, sagt Haghani. Damit kommen viele deutsche Unternehmen in Reichweite. Beispielsweise sind im Index für mittelgroße Unternehmen, M-Dax, nur elf aller 50 Titel mehr wert als 3 Milliarden Euro. Von allen 103 Aktien, aus denen der Index der von Eigentümern dominierten Unternehmen, Gex, zusammengesetzt ist, sind es sogar nur 3. Dass in Einzelfällen auch größere Käufe finanziert werden können, hat der Luxuswagenhersteller Porsche demonstriert durch die Übernahme der viel größeren Volkswagen AG. Die Familie Schaeffler bietet für den Autozulieferer Continental mehr als 11 Milliarden Euro.

Zwei wichtige Käufergruppen

Bis vor kurzem waren Unternehmen besonders begehrt, die wenig Schulden und einen stabilen Mittelzufluss haben. Denn der Käufer konnte die Finanzierung dem gekauften Unternehmen auflasten. Das ist wegen der viel höheren Zinsen für Übernahmekredite schwierig geworden. Heute spielen stattdessen strategische Überlegungen eine wichtigere Rolle. „Interessant sind Unternehmen mit einer hohen Vertriebskraft und einer auf dem Markt starken Marke“, sagt Haghani.

Damit spielt er auf die neben Familienunternehmen zweite wichtige Käufergruppe an, die den Übernahmemarkt bestimmen könnte: Unternehmen aus aufstrebenden, wirtschaftsstarken Schwellenländern wie Brasilien, Russland, Indien und China, aus deren Anfangsbuchstaben die Investmentbank Goldman Sachs den Namen „BRIC“ schuf. Genau wie Familienunternehmen profitieren sie davon, dass viele Aktienkurse in den vergangenen zwölf Monaten gesunken und die zugehörigen Unternehmen darum vergleichsweise billig zu haben sind.

„Kostenvorteile spielen eine untergeordnete Rolle“

Private Beteiligungsgesellschaften fallen für sie als potente Konkurrenten auf dem Übernahmemarkt aus, weil deren Geschäftsmodell unter den durch die Finanzkrise verschlechterten Kreditbedingungen weitgehend zum Erliegen gekommen ist. „Auf jeden Fall können Beteiligungsgesellschaften im Moment nicht die hohen Übernahmeprämien bezahlen, mit denen sie in den vergangenen Jahren strategische Käufer oft ausgestochen haben“, sagt Gerd Sievers, ebenfalls Partner bei Roland Berger. Als Ziel für Übernehmer aus den BRIC-Ländern kommt nahezu jedes deutsche Unternehmen in Frage.

Auch BRIC-Unternehmen suchen ihre Ziele nicht in erster Linie nach unterbewerteten Unternehmen aus, sondern wollen technologischen Sachverstand und einen möglichst breiten Zugang zu den Märkten der westlichen Industrieländer kaufen. In 90 Prozent der Fälle sei das der wichtigste Grund für einen Kauf, schreibt Anja Schmiele, Ökonomin am Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), in einer Studie. Mögliche Größenvorteile und andere Kostenvorteile spielten für Investoren aus den Schwellenländern eine untergeordnete Rolle, schließt sie aus den Antworten von 350 Analysten aus Banken, Versicherungen und Industrieunternehmen. Außerdem hat das ZEW ausgerechnet, dass der Anteil Chinas an den Übernahmen schon 5 Prozent beträgt.

Besonders viel Geld haben die staatlichen Investitionsgesellschaften

Vor dem Jahr 2000 spielte China auf dem Übernahmemarkt noch keine Rolle. Zwischen 2000 und 2007 haben chinesische Käufer immerhin 161 Mal im Ausland zugegriffen und dafür 18 Milliarden Dollar ausgegeben. Ein prominentes Beispiel ist der rund 1,25 Milliarden Doller teure Kauf der PC-Sparte des amerikanischen Informationstechnikkonzerns IBM durch den bis dahin weitgehend unbekannten chinesischen Hersteller Lenovo im Dezember 2004.

Besonders viel Geld haben außerdem die staatlichen Investitionsgesellschaften. In China sind das State FX Investment Corporation, China Investment Company und Central Hujin Investment Corporation, die zusammen mehr als 500 Milliarden Dollar weltweit anlegen können. Die Investitionsgesellschaft der Vereinigten Arabischen Emirate verfügt über 875 Milliarden Dollar und ist mit großem Abstand die größte Beteiligungsgesellschaft der Welt. Der russische Stabilisation Fund hat ein Vermögen von 127 Milliarden Dollar.

Text: ala. / F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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