09. Mai 2008 Der Marketing-Konzern WPP stößt sich an der geplanten Fusion zwischen der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) und dem britischen Konkurrenten TNS. Der gefürchtete Firmenjäger aus Großbritannien hält an seiner TNS-Offerte fest und schließt eine feindliche Übernahme für den britischen Marktforscher keineswegs aus. Ein F.A.Z.-Interview mit Martin Sorrell, dem WPP-Vorstandsvorsitzenden.
Sir Martin, Ihr Angebot, den Marktforscher TNS für rund 1,2 Milliarden Euro zu kaufen, wurde abgeschmettert. Planen Sie jetzt die feindliche Übernahme?
Diese Frage ist verfrüht und daher hypothetischer Natur. Tatsache aber ist, dass wir großes Interesse an TNS haben und auch interessiert bleiben, falls eine Fusion mit der GfK zustande kommt.
Manager der beiden Unternehmen geben sich vom britisch-deutschen Verbund überzeugt. Bei Ihrer Offerte für TNS heißt es dagegen, sie spiegle nicht den wahren Wert des Unternehmens wider und sei bei den Aktionären unerwünscht.
Das kann ich nicht nachvollziehen. Unser Gebot von 230 Pence je Aktie stellt einen Aufpreis von 35 Prozent gegenüber jenem Kurs dar, der vor Bekanntgabe der Fusion von TNS und GfK erreicht wurde. Dabei war die dürftige Kooperationsbereitschaft des TNS-Managements für mich sehr enttäuschend. Auf mein Angebot, früh ein offenes Gespräch über eine Verbindung mit unserer Tochtergesellschaft Kantar zu führen, reagierte der Vorstandsvorsitzende David Lowden bislang nicht.
In den Chefetagen mancher Werbeagenturen löst der Name Sorrell Schrecken aus, weil Sie als hartnäckiger Firmenjäger gefürchtet sind. Müssen die Aktionäre von TNS Herrn Lowden zum Verhandlungstisch mit Ihnen drängen?
Ja, ich bin zielstrebig und zäh. Aber persönliche Vorbehalte kann ich nicht beeinflussen. Nach den britischen Regeln für Firmenübernahmen wäre die TNS-Führung zumindest verpflichtet, allen Interessenten Einblick in die Geschäftsbücher zu gewähren, um eine faire Auktion zu gewährleisten. Da aber mit GfK ein deutscher Partner involviert ist, gilt unser Take-over-Code nicht.
Im Aktionärskreis von TNS heißt es, Sie müssten auf mindestens 300 Pence je Aktie erhöhen, um ernsthaft zum Zuge zu kommen.
Ich werde über mein weiteres Vorgehen dann entscheiden, wenn ich Einblick in die Bücher bekomme. Fairness gegenüber allen Bietern müsste doch auch im Interesse der Aktionäre liegen.
Warum soll denn der Verbund TNS/Kantar besser funktionieren als die geplante Verbindung ?
Im Gegensatz zur Fusion zwischen TNS und GfK entstehen bei unserer britischen Lösung keine großen Überlappungen bei den Geschäftsfeldern in Deutschland und Frankreich. Die Furcht bei den Beschäftigten in der Nürnberger GfK-Zentrale vor Stellenabbau scheint vor diesem Hintergrund berechtigt. Nicht von ungefähr ist das vertrauliche Strategiepapier über die Fusion gezielt über die Nürnberger Presse gestreut worden. Wenn die dort veröffentlichten Angaben tatsächlich stimmen, ist ab dem dritten Jahr der Fusion ein Sparpotential von 102 Millionen Euro pro Jahr erreichbar. Ein derart ehrgeiziges Kostenziel, wie es in den internen Planspielen von TNS und GfK formuliert wird, ist nur durch erhebliche Abstriche bei den Arbeitsplätzen zu realisieren. In diesem Szenario wäre die Belegschaft am GfK-Hauptsitz in Nürnberg plötzlich mit Zuständen konfrontiert, die in Deutschland ansonsten nur bei einer Firmenübernahme durch die dort so gefürchteten Heuschrecken erwartet werden.
Mit Verlaub, Sir Martin, jetzt übertreiben Sie. Mit TNS und GfK bündeln zwei etablierte Marktforscher ihre Kräfte. Hier ist kein Finanzinvestor im Spiel, der Firmen filetiert und unter Renditeaspekten rücksichtslos ausschlachtet.
Ich bin von den veröffentlichten Details genauso wie Sie oder die Mitarbeiter von GfK überrascht und kann die Daten nur aufgrund von Erfahrungswerten interpretieren. Aufgrund meiner Expertise weiß ich, dass solche Vorgaben ohne tiefe Schnitte bei den Personalkosten nicht zu erfüllen sind. Tatsache ist, dass bei einer Fusion von TNS und GfK der neuformierte Konzern von London aus gesteuert wird und sich die bisherige Zentrale in Nürnberg in eine Länderfiliale verwandeln wird.
Sie unterschlagen dabei, dass der bisherige Großaktionär GfK Nürnberg e.V., der mit fast 57 Prozent an der GfK beteiligt war, auch weiterhin der wichtigste Anteilseigner ist.
Ja, aber dessen Einfluss dürfte mit dem künftigen Anteil von rund 28 Prozent im neuen Unternehmen deutlich schwinden. Hinzu kommt, dass der fast gemeinnützige Verein mit seinen 500 Mitgliedern nicht über das nötige Kapital verfügt, um sein Gewicht im Aktionärskreis bei Bedarf zu erhöhen. Im Übrigen bin ich sehr verwundert darüber, dass der von mir sehr geschätzte Vereins-Geschäftsführer Klaus Wübbenhorst in dem geplanten Unternehmen auf den Posten eines nichtgeschäftsführenden Board-Mitgliedes abgeschoben wird. Dies stärkt nicht gerade die Position des Großaktionärs.
Welches Konzept stellen Sie der Sparwut bei TNS und GfK entgegen?
Gemeinsames Gesundschrumpfen ist aus meiner Sicht wenig überzeugend. Statt sich auf die reifen Märkte in Europa zu konzentrieren, setzen wir bei einer Fusion mit TNS auf das gemeinsame Wachstum in Zukunftsregionen wie Asien oder Südamerika. Diese Vorschläge habe ich in einem Strategiepapier skizziert, das ich unlängst David Lowden überreicht habe. Ich warte auf seine Antwort.
Das Gespräch führte Ulrich Friese.
Firmenjäger und Napoleon
Die vor 22 Jahren von Martin Sorrell gegründete WPP-Gruppe beschäftigt 102.000 Mitarbeiter in 106 Ländern und ist hinter dem amerikanischen Konkurrenten Omnicom der zweitgrößte Werbeagentur-Konzern der Welt. Durch viele Zukäufe vergrößerte der 62 Jahre alte Brite zielstrebig das Angebot von WPP. Die aktuelle Palette des Konzerns umfasst Werbekampagnen für Medien, Marktforschung und Verkaufsförderung ebenso wie Öffentlichkeitsarbeit oder strategische Beratung für internationale Markenartikler. In der Werbeszene genießt der bisweilen ruppig auftretende Firmen-jäger den Beinamen Napoleon.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP
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Horst Köhler bezeichnet das Finanzsystem als Monster. Hat er Recht?
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