Insolvenzen 2007

Die Pleiten des Jahres

Von Georg Giersberg

Eine von 27.500 Insolvenzen des vergangenen Jahres

Eine von 27.500 Insolvenzen des vergangenen Jahres

29. Dezember 2007 Zuletzt waren es nur noch fünf Mitarbeiter, die von der zum Jahresende bevorstehenden Produktionseinstellung betroffen waren. Aber diese fünf repräsentieren eine alte Marke: die Pianofabrik Ibach. Die Produktion in Schwelm bei Wuppertal wurde schon im Sommer dieses Jahres eingestellt. Seither wird aufgeräumt, und es gibt viel aufzuräumen. Schließlich wurden hier mehr als 150.000 Flügel und Klaviere in den vergangenen gut 200 Jahren (seit 1794) hergestellt. Aber was viele Jahrzehnte funktioniert hat, geht heute nicht mehr. Das als Komponisteninstrument bekannt gewordene Klavier Ibach konnte mit den asiatischen Pianos preislich nicht mehr mithalten. Aber Ibach starb mit Würde. Bevor man hätte schließen, also Insolvenz beantragen müssen, hat Sabine Ibach lieber aus eigenen und freien Stücken den Schlüssel rumgedreht. So geht in diesen Tagen eine mehr als zweihundertjährige Tradition still zu Ende.

In jüngeren Unternehmen ist das Getöse größer. Mit Pauken und Trompeten ging BenQ Mobile, die ehemalige Mobilfunksparte von Siemens, den Bach runter. Durch die vor einem Jahr angemeldete und im Januar dieses Jahres eröffnete Insolvenz verloren rund 3000 Mitarbeiter an den Standorten München, Bocholt und Kamp-Lintfort ihre Arbeitsstelle. Von den rund 1700 Menschen, die in Kamp-Lintfort von der Transfergesellschaft Peag übernommen worden sind, suchen heute noch mehr als die Hälfte nach einer neuen Tätigkeit. In München konnte die Transfergesellschaft Train mehr als zwei Drittel der 770 überwiegend Facharbeiter und Ingenieure vermitteln. Wer noch auf der Suche ist, erhält bis Dezember von der Bundesagentur für Arbeit und von Siemens zwischen 80 und 84 Prozent des vormaligen Nettolohns. Im Januar müssen die ehemaligen Mitarbeiter Arbeitslosengeld I beantragen. Damit die Gläubiger nicht leer ausgehen, kämpft der Insolvenzverwalter Martin Prager um das Vermögen, das die taiwanischen Inhaber gern abgezogen hätten.

Die Schieder-Gruppe wird zerschlagen, die Gläubiger werden wohl leer ausgehen

Durch Insolvenzen verlieren viele Gläubiger ihr Geld. 27.500 (Vorjahr 30.680) Unternehmen haben in diesem Jahr Insolvenz beantragt. In diesen Unternehmen waren 440.000 Menschen beschäftigt. Mit den Insolvenzen ist ein Forderungsausfall bei den Gläubigern von 29,2 (31,1) Milliarden Euro verbunden. Das ist zwar, absolut gesehen, immer noch viel, aber verglichen mit den Vorjahren eher wenig.

Die Zahl derjenigen, die im Laufe eines Jahres straucheln, ist im fünften Jahr hintereinander rückläufig. Vor allem im verarbeitenden Gewerbe hat sich die Zahl der Insolvenzen auf einem niedrigen Niveau (77 von 10.000 Unternehmen gehen in die Insolvenz) eingependelt. Das hat für Helmut Rödl, Mitglied des Gesamtvorstandes des Verbandes der Vereine Creditreform, Neuss, vor allem zwei Gründe. Zum einen profitiert das verarbeitende Gewerbe wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig vom Export. Der zweite ganz wichtige Grund sei aber, dass das verarbeitende Gewerbe generell über ein höheres Eigenkapital verfüge als andere Wirtschaftszweige.

Eine Überlebensgarantie ist das nicht, wie die größte Insolvenzanmeldung des Jahres zeigt. Sie betraf den Möbelhersteller Schieder mit 11.000 Beschäftigten. Die Gruppe wird zerschlagen, die Gläubiger werden wahrscheinlich leer ausgehen. Vier Managern werden Bilanzmanipulation und Kreditbetrug vorgeworfen.

Zahlreiche Design-Preise helfen Flötotto nicht weiter

Nach langem Siechtum ist in diesem Jahr die einst sehr bekannte Möbelmarke Flötotto aus dem Markt geschieden Das mehr als hundert Jahre alte Familienunternehmen aus Gütersloh hat nach einem Insolvenzantrag im Juni erfolglos versucht, einen Investor zu finden. Ein Interessent aus Süddeutschland sei wieder abgesprungen. Das bedeutete für die noch verbliebenen 65 Flötotto-Mitarbeiter das Ende ihres Unternehmens. Flötotto ist, obwohl ein Kleinunternehmen, eine der bekanntesten deutschen Möbelmarken. Den Ruf des Herstellers begründen vor allem seine charakteristischen Schranksysteme mit Profilholzrahmen, die seit Jahrzehnten gefertigt werden. Der hochpreisige Anbieter hat für sein Design zahlreiche Preise erhalten.

Allerdings steckte Flötotto, das seine Möbel im Direktvertrieb in eigenen Geschäften und im Versand verkauft hat, schon seit Jahren in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Die Familie Flötotto hatte das Unternehmen Anfang 1999 mehrheitlich an den viel größeren Paderborner Massenhersteller Welle verkauft, der damit jedoch keinen Erfolg hatte und stattdessen selbst in Finanznot geriet. Im Sommer 2002 hatte Flötotto erstmals einen Insolvenzantrag gestellt. Hubertus Flötotto, der Enkel des Unternehmensgründers, kaufte den Betrieb daraufhin zurück und versuchte, ihn wieder flottzumachen. Nach Angaben des Insolvenzverwalters arbeitete Flötotto aber seither immer defizitär. In Betriebsratskreisen hieß es, die Eigentümer hätten jahrelang notwendige Investitionen versäumt. Während andere deutsche Möbelhersteller stark vom Export profitierten, sei das Auslandsgeschäft von Flötotto nie in Schwung gekommen.

Die meisten Insolvenzen gibt es weiterhin in der Braubranche, in der 150 von 10.000 Unternehmen jährlich straucheln. In Bereich „Abdichtung gegen Wasser und Feuchtigkeit“ liegt die Quote sogar bei 507 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen. Mit der ostfriesischen Bohlen & Doyen Bau und Service GmbH (1900 Mitarbeiter) und Wiemer und Trachte aus Dortmund (1100) waren zwei größere Bauunternehmen in diesem Jahr von der Insolvenz betroffen. Während Bohlen & Doyen unter neuen Eigentümern weitergeführt wird, ist das Baugeschäft von Wiemer und Trachte eingestellt und die Firma abgewickelt worden.

Hohe Insolvenzquote bei einigen Dienstleistungen

Die ISE-Gruppe mit ihren 1800 Beschäftigten hat gute Aussichten auf Weiterführung, weil sie - neben dem Klavierhersteller Ibach - zu den seltenen Fällen gehört, in denen ein Management wegen drohender Zahlungsunfähigkeit Antrag auf Insolvenz stellt, also bevor man überschuldet ist. Überleben wird auch der mittelhessische Schuhhersteller Rohde (500 Arbeitsplätze) - aufgrund einer Landesbürgschaft. Ebenso erging es der ATS Stahlschmidt & Maiworm GmbH. Der bekannte Hersteller von Aluminiumfelgen aus dem nordrhein-westfälischen Werdohl konnte im August seinen Insolvenzantrag zurückziehen. Das Unternehmen mit 2500 Mitarbeitern weltweit und rund 400 Millionen Euro Umsatz konnte mit Hilfe der Lieferanten und Banken seine Lage stabilisieren und den Insolvenzantrag zurückziehen. ATS gehört zu 74 Prozent dem südafrikanischen Räderhersteller Tiger Wheels und zu 26 Prozent der Gründerfamilie Stahlschmidt.

Sehr hoch liegt die Insolvenzquote bei einigen Dienstleistungen. So straucheln in jedem Jahr 653 von 10.000 Kurierdiensten. Von vielen Dienstleistungszusammenbrüchen wird öffentlich wenig Notiz genommen, weil nur Teilzeitkräfte beschäftigt sind. Aber auch in diesem Jahr sind wieder einige Sicherheits- oder Reinigungsdienste mit jeweils einigen hundert Mitarbeitern auf der Strecke geblieben. Im gesamten Bereich Dienstleistungen sieht die Bilanz jedoch recht gut aus, weil zum Beispiel Bestatter mit nur 30 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen eine sehr geringe Insolvenzquote haben.

Für das kommende Jahr erwartet Creditreform eine leichte Zunahme der Unternehmensinsolvenzen auf „im schlechtesten Fall 30.000“. Vor allem im Handel und im Bau seien derzeit die Branchenkonjunkturen sehr anfällig, sagt Rödl.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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