Von Andreas Mihm, Christoph Ruhkamp und Tobias Piller
23. April 2009 Für den von Insolvenz bedrohten Autohersteller Opel könnte sich nach monatelanger Ungewissheit eine Lösung abzeichnen. Zwei Interessenten sind an einem Einstieg bei der Tochtergesellschaft des amerikanischen General-Motors-Konzerns interessiert. Sowohl der italienische Fiat-Konzern als auch ein Konsortium unter Führung des österreichisch-kanadischen Autozulieferers Magna ziehen eine Beteiligung in Betracht, sagte Opel-Betriebsratschef Klaus Franz der F.A.Z. Das bestätigte Hessens Ministerpräsident Koch (CDU), in dessen Bundesland das Rüsselsheimer Stammwerk von Opel angesiedelt ist. Koch begrüßte, dass es mehrere Interessenten gebe. Am weitesten gediehen sind laut Branchenkreisen die Vorbereitungen für eine Allianz von Opel mit Fiat. Dem Vernehmen nach ist schon für den kommenden Dienstag die Unterzeichnung einer unverbindlichen Absichtserklärung geplant. Es gibt aber keine Vorentscheidung für Fiat, hob ein Sprecher der hessischen Landesregierung hervor.
Weder Fiat noch GM, Opel und Magna wollten sich offiziell dazu äußern. Aus Branchenkreisen wird indes berichtet, Fiat wolle die Mehrheit der Anteile an Opel von GM übernehmen. Der amerikanische Konzern sei bereit, auf einen Erlös aus dem Verkauf zu verzichten, wenn der Käufer 500 Millionen Euro in Opel investiere. GM selbst hatte nur bestätigt, es gebe sechs Interessenten für Opel.
Guttenberg für Fiat - Arbeitnehmer dagegen
Als Befürworter eines Zusammengehens von Opel und Fiat gilt Bundeswirtschaftsminister zu Guttenberg (CSU). Er hatte den Unternehmensberater Roland Berger, der Mitglied des Aufsichtsrats von Fiat ist, mit der Koordination der Zukunftspläne für Opel beauftragt. Zudem hatte Bundeskanzlerin Merkel (CDU) eine milliardenschwere Kreditbürgschaft für einen Investor in Aussicht gestellt.
Gegner einer Fusion mit Fiat sind die Arbeitnehmervertreter bei Opel. Es wäre der Abbau von Tausenden Arbeitsplätzen und Werksschließungen zu erwarten, sagte Betriebsratschef Franz, der eine Beteiligung von Magna bevorzugen würde. Auch die IG Metall befürchtet bei einem Einstieg Fiats Werksschließungen aufgrund der großen Überschneidungen in der Modellpalette für Kleinwagen der beiden Autohersteller.
Das Bundeswirtschaftsministerium in Berlin sagte, man rede ohne Vorfestlegungen mit verschiedenen Investoren“. Nach Informationen der F.A.Z. gibt es auf politischer Ebene wieder Gespräche zwischen Berlin und Washington. Der zuständige Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Jochen Homann, ist am Donnerstag mit einer Delegation nach Washington gereist. In den Gesprächen soll es um die weiter ungeklärte Frage der Freigabe von Opel-Patenten gehen, die GM bei der amerikanischen Regierung verpfändet hat.
Koch: Noch keine Entscheidung gefallen
Obwohl die Vorbereitungen für eine Mehrheitsübernahme von Opel durch den Konkurrenten Fiat aus Italien nach Angaben aus Branchenkreisen weit fortgeschritten sind und schon am Dienstag eine Absichtserklärung unterzeichnet werden soll, könnte das Projekt durchaus noch scheitern. Ein Sprecher von Ministerpräsident Koch betonte, es gebe keine Vorentscheidung für Fiat“.
Die Opel-Arbeitnehmervertreter lehnen eine Fusion mit Fiat strikt ab. Betriebsratschef Franz und die Gewerkschaft IG Metall warnten, es sei mit dem Abbau Tausender Arbeitsplätze und Werksschließungen zu rechnen, weil es große Überschneidungen in der Kleinwagen-Modellpalette der beiden Autohersteller gibt. Bevorzugt würde ein Bündnis mit Magna und dem russischen Autohersteller Gaz sowie der russischen Sberbank.
Der Bieter-Konkurrent, Fiat-Chef Marchionne, will offenbar die Autosparte des Fiat-Konzerns mit den Massenmarken Fiat, Alfa Romeo und Lancia aus dem bisherigen Konzern herauslösen und nicht nur mit Opel, sondern auch mit Teilen des GM-Konzerns in Korea (früher Daewoo) und Südamerika zusammenlegen. Spekuliert wird darüber, ob Chrysler ebenso ein Baustein für einen solchen neuen Autokonzern werden könnte. Die Verhandlungen von Fiat über eine Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Chrysler-Konzern sind offenbar ins Stocken geraten. Geplant war, dass Fiat seine Plattformen und Motoren für Kleinwagen den Amerikanern zur Verfügung stellt und dafür eine Beteiligung von mindestens 20 Prozent erhält.
Große Überschneidungen von Fiat und Opel werden unterschiedlich bewertet
Von Branchenexperten wird eine Fusion von Fiat mit Opel gerade wegen der Überschneidungen grundsätzlich positiv bewertet. Es gebe zahlreiche Mengenvorteile in der Produktion und die beiden Unternehmen würden sich im Vertrieb gut ergänzen, da Opel und die britische Schwestermarke Vauxhall in Nordeuropa stark seien, Fiat dagegen in Südeuropa. Allerdings müsste damit gerechnet werden, dass zahlreiche Kompetenzen – etwa in der Fahrzeugentwicklung – nach Italien verlegt würden“, sagte Norbert Wittemann von der Unternehmensberatung PRTM. Darüber hinaus sei Opel schwer von GM zu trennen, da es enge Kooperationen im Einkauf und in der Fahrzeugentwicklung gebe. Dies gelte etwa für die Entwicklung des Elektroautos Opel Ampera, das in weiten Teilen eine Kopie des Modells Volt“ von GM sei.
Das Problem: Opel kommt zwar mit der Beteiligung eines privaten Investors dem Ziel näher, eine größere Eigenständigkeit vom Mutterkonzern GM zu erlangen. Allerdings würde diese Eigenständigkeit mit einer Übernahme durch Fiat auch gleich wieder verloren gehen. Nach den Plänen von GM-Europachef Carl-Peter Forster soll Opel in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden, die künftig sämtliche GM-Europaaktivitäten unter einem Dach bündelt und an der sich ein Investor beteiligt. Die Umwandlung von einer GmbH in eine AG soll schon in wenigen Wochen abgeschlossen werden.
Die Zeit drängt, da GM von Insolvenz bedroht ist, falls die Gewerkschaften und Gläubiger dem Konzern keine Zugeständnisse machen. Für einen neuen GM-Sanierungsplan hatte die amerikanische Regierung eine Frist bis zum 1. Juni gesetzt. Opel bemüht sich schon seit Monaten um eine staatliche Kreditbürgschaft über rund 3 Milliarden Euro, die die Bundesregierung schon grundsätzlich in Aussicht stellte. Auf Basis der Bürgschaft könnte ein Investor wie Fiat oder Magna einen Kredit aufnehmen. Zudem will GM als Minderheitseigner beteiligt bleiben und Sacheinlagen im Gesamtwert von 3 Milliarden Euro einbringen. Dazu zählen etwa Patente aus der Fahrzeugentwicklung.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa/ddp
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