Von Christian Schubert
02. Februar 2008 Der Mann hat dreißig Monate lang im Dunkeln gearbeitet. Vier Komplizen halfen bei seinen Machenschaften. Jeden Tag zweigte er etwas mehr Geld ab, verdeckte dies mit fiktiven Krediten und Währungsverkäufen. Ein einfacher Angestellter kam ihm letztlich auf die Schliche. Aber der Schaden war schon angerichtet: 578.000 Franc waren der Société Générale durch die Betrüger in einer Niederlassung in Bordeaux abhandengekommen. Das war viel Geld, als der Coup am 23. September 1930 aufflog. Die Société Générale verschärfte überall in der Bank ihre Kontrollmechanismen und leitete damit eine neue Etappe der Unternehmensgeschichte ein.
Nun werden Historiker ein neues Kapitel hinzufügen müssen. Ein einzelner Händler, der 31 Jahre alte Franzose Jérôme Kerviel, hat einen Finanz-Gau verursacht - den größten anzunehmenden Unfall. Ohne Genehmigung spekulierte er mit bis zu 50 Milliarden Euro auf das Fallen und Steigen von europäischen Aktienindizes, ohne sich durch die üblichen gegenläufigen Geschäfte abzusichern. Wie ein Seiltänzer, der seine Sicherheitsleine abnimmt, bewegte er sich auf den Finanzmärkten. Seine nächsten Vorgesetzten müssen Bescheid gewusst haben, behauptet er - zumindest haben sie nicht richtig hingeschaut. Doch er erfand auch Operationen, um seine Geschäfte zu verheimlichen, fälschte E-Mails und loggte sich mit Passwörtern von Kollegen in das Handelssystem ein.
Lange galt die Société Générale als weltläufige Vorzeigebank
Als der Skandal aufflog, meinte die Société Générale alle Positionen so schnell wie möglich verkaufen zu müssen, denn ihre ungesicherte Größenordnung - das Anderthalbfache des Eigenkapitals - sei lebensgefährlich gewesen. Damit nichts nach außen drang, wurde ein einzelner Händler mit der Aufgabe betraut. Einen schlechteren Zeitpunkt hätte sich die Bank kaum aussuchen können, denn zwischen dem 21. und 23. Januar purzelten auf der ganzen Welt die Kurse. So entstand in drei Tagen ein Verlust von 4,9 Milliarden Euro. Zu 500-Euro-Scheinen aufgestapelt, würde die Summe etwa die dreifache Höhe des Eiffelturms erreichen. Sie übersteigt auch das Bruttosozialprodukt von Ländern wie Georgien, Burkina Faso oder Kambodscha. Und sie bedeutet einen Verlust von 41.000 Euro für jeden der 120.000 Bank-Mitarbeiter.
Ausgerechnet die Société Générale: Lange Zeit war sie eine moderne und weltläufige Vorzeigebank, die in London und in New York die komplizierten Derivatemärkte ebenso beherrschte wie das Filialgeschäft mit dem Malermeister in der französischen Provinz. Die SG ist zwar hinter der BNP Paribas nur die zweitgrößte Bank Frankreichs, erwirtschaftete aber bis vor kurzem noch vorbildliche Gewinne. Die BNP Paribas schaffte 2006 eine Rendite auf das Eigenkapital von 17,2 Prozent - gegenüber 20 Prozent für die Société Générale. Im vergangenen Jahr war der Abstand kaum geringer. Die Börse wusste das lange zu schätzen: Im letzten Mai war die SG noch etwa 75 Milliarden Euro wert, während es die Deutsche Bank nur auf rund 62 Milliarden Euro brachte.
Der Börsenwert der Société Générale ist zusammengeschmolzen
Die stolze Unternehmensgeschichte - auch sie ist nun beschädigt. Unter Napoleon dem III., 1864 gegründet, ist die Société Générale eines der ältesten Finanzhäuser Frankreichs. Früh setzte sie auf die Internationalisierung und ist schon seit 1871 in London vertreten. Sie finanzierte Privatleute und Unternehmen bis hin nach Russland und war in den zwanziger Jahren Frankreichs Nummer eins. Nach dem Krieg und der Verstaatlichung 1945 profitierte sie dank ihrer Niederlassung in New York von den Finanzströmen des Marshallplanes. Technologisch ehrgeizig, führte sie schon 1971 Geldautomaten ein. Die wahre Modernisierung setzte aber erst nach der Privatisierung 1987 ein, als sie sich voll auf die internationalen Kapitalmärkte konzentrierte. Ihr Derivategeschäft wurde zum großen Gewinnbringer. Das Fachmagazin Risk wählte sie noch im Januar zum besten Haus für Aktienderivate 2008. Im Vormonat zeichnete sie das IFR-Magazin zum besten Händler mit Eurobonds aus.
Doch all das gehört nun zu einer Vergangenheit, die sehr weit weg zu sein scheint. Einfach nur mehr Anerkennung der Kollegen und einen höheren Bonus wollte der Händler Kerviel, wie er gegenüber der Staatsanwaltschaft aussagte. Stattdessen hat er ein Beben in der Finanzwelt ausgelöst. Der Börsenwert der Société Générale ist zusammengeschmolzen - seit Mai auf weniger als die Hälfte - und das Topmanagement ist angeschlagen. Der Jahresgewinn ist dahin, und die Bank ist nun zu einer teuren Kapitalerhöhung gezwungen, die den Altaktionären empfindlich weh tun wird.
Die Geldmaschinen der Großbanken
Das Vertrauen in den gesamten Bankensektor hat gelitten, denn die Kunden wollen ihr Geld nicht Institutionen anvertrauen, die leichtfertig Milliarden verspielen. Das Ansehen des Finanzplatzes Paris mit der Banque de France und der Autorité des Marchés Financiers (AMF) als seinen Aufsehern ist beschädigt. Die französische Regierung hat sich in einen Streit mit der EU-Kommission und der Euro-Gruppe der Finanzminister verstrickt, denn Staatspräsident Nicolas Sarkozy und sein Premierminister François Fillon wollen verhindern, dass die Société Générale einer ausländischen Bank in die Hände fällt, während die Europäer offenen Wettbewerb fordern. Selbst die Vereinigten Staaten registrieren ein Zittern: Der Gouverneur der Banque de France, Christian Noyer, hat die amerikanische Zentralbank erst am Mittwoch, dem 23. Januar, über die Wertpapierverkäufe durch die Société Générale in den Vortagen informiert. Da hatte die Fed schon die Zinsen um überraschend kräftige 0,75 Prozentpunkte gesenkt - offenbar ohne zu wissen, dass ein erheblicher Teil des europäischen Kurssturzes vom Montag und Dienstag durch die außergewöhnliche Schieflage einer Bank verursacht wurde: der Société Générale.
Wie ist es möglich, dass ein unscheinbarer Händler eines der größten Finanzhäuser Europas ins Wanken bringt? Eine der Ursachen ist in den Handelssälen zu suchen, die zu Geldmaschinen der Großbanken geworden sind. Dort sind junge Leute gefragt, die sich durch großzügige Bonuszahlungen zu Höchstleistungen animieren lassen, die Wettbewerb lieben und Risiken nicht scheuen, die stressresistent sind und die sich in Sekundenschnelle auf neue Bedingungen an den Finanzmärkten einstellen können.
Manche Händler genießen Starstatus
Jérôme Kerviel träumte lange davon, einer von diesen Tradern zu werden, wie sie auch die Franzosen nennen. Fünf Jahre lang arbeitete er im Middle und Back Office, deren Mitarbeiter entweder als ausführendes Personal die Transaktionen der Händler in die Tat umsetzen oder ungeliebte Kontrolleure sind, die den Tradern Grenzen setzen sollen. Doch das fällt nicht leicht: Manche Händler genießen Starstatus, kassieren in guten Jahren Millionen-Boni und blicken auf die Kontrolleure herab. In Frankreich kommt erschwerend das heute noch bestehende Klassensystem hinzu, das weitgehend von der Ausbildung geprägt ist. In den Handelsräumen der Société Générale arbeiten viele Abgänger der Eliteschule Polytechnique, die besonders die mathematisch hochbegabten Franzosen anzieht. Ihre rechnerischen Fähigkeiten und ihre Kreativität mit Zahlen brauchen die Banken im Derivatehandel, denn die Produkte werden immer komplizierter.
Kerviel dagegen hatte es in Lyon und Nantes nur zu einem einfachen Universitätsabschluss gebracht. Zudem wechseln die Angestellten nur selten so wie er vom Middle Office an die Handelstische. Ich hatte schon bei meinem ersten Gespräch mit Vorgesetzten 2005 gemerkt, dass man weniger von mir hielt wegen meiner Universitätsausbildung und meines beruflichen und persönlichen Werdegangs, sagte Kerviel dem Staatsanwalt.
Seltsame Transaktionen im November
Daher wollte er es ihnen so richtig zeigen, als er in der Arbitrage-Abteilung anfing, wo die Händler von kleinen Kursunterschieden gleicher, aber an verschiedenen Orten gehandelter Wertpapiere profitieren wollen. Schon Anfang 2005 übertrat er erstmals seine Limits, doch richtig große Positionen nahm er erst Februar 2007 ein. Bis zum Juli kaufte er Terminkontrakte (EuroStoxx, Dax und FTSE-100) im Wert von bis zu 30 Milliarden Euro und rutschte ins Minus - auf dem Papier wohlgemerkt, weil die Kontrakte nicht verkauft werden. Doch in der zweiten Jahreshälfte schafft er einen Gewinn, der bis Ende 2007 bei 1,4 Milliarden Euro liegt. Die Tatsache, dass er zur Absicherung keine gegenläufigen Geschäfte einging - also jedem Kauf keinen Verkauf gegenüberstellt -, verschleierte er durch fiktive Operationen, die er heimlich ins Handelssystem eingab, immer wieder storniert und durch neue Transaktionen mit erfundenen Gegenparteien ersetzt. Die Termine der Kontrollen kennt und umgeht er aufgrund seiner früheren Tätigkeit im Middle Office.
Fachleute rätseln freilich immer noch, wie bei Positionen von bis zu 50 Milliarden Euro nur geringe Margenzahlungen - eine Art Anzahlung - fällig geworden sind. Die SG behauptet, dies sei bei bestimmten Geschäften möglich. Kerviel jedoch kann nach eigenen Worten nicht glauben, dass meine Vorgesetzten nicht Bescheid wussten. Es ist unmöglich, solche Gewinne mit kleinen Positionen zu erzielen. Fest steht, dass die Kontrolleure mehrfach nachfragten und sich mit Kerviels Ausreden oder gefälschten Dokumenten zufriedengaben. Auch der Terminbörse Eurex fielen im November seltsame Transaktionen auf, doch ihre Anfragen führten nicht zu tiefergehenden Nachforschungen. Selbst dass Kerviel auf seine Sommerferien verzichtete, fiel nicht weiter auf. Regelmäßiger Urlaub ist in vielen Banken vorgeschrieben, denn dann übernehmen die Kollegen das Handelsbuch.
Kann die Bank ihre Unabhängigkeit erhalten?
Solche Systemfehler stellen auch die oberste Führungsriege in ein schlechtes Licht. Nur fünf unmittelbare Vorgesetzte und Kontrolleure von Kerviel mussten gehen, doch der Vorstandsvorsitzende Daniel Bouton, sein Stellvertreter Philippe Citerne und der Chef des Investmentbankings, Jean-Pierre Mustier, sind weiter im Amt. Auf der langen Zeitachse der traditionsreichen Bank findet dieses Verhalten nicht viele Beispiele, erinnert Hubert Bonin, Professor für Wirtschaftsgeschichte in Bordeaux. Schwere Krisen hatte die Bank immer wieder zu überstehen, doch wenn sie selbstverschuldet waren, führten sie meist zum Rücktritt der Führungskräfte, berichtet er. Das Konzept einer guten Unternehmensführung wird heute nicht verfolgt. Das führt zu Unbehagen, meint Bonin. Er weist auch darauf hin, dass Bankchef Bouton in den vergangenen Jahren darauf setzte, die SG unabhängig zu halten. Dafür aber musste die Bank außergewöhnliche Gewinne erzielen - und damit hohe Risiken eingehen.
Kann die SG nun ihre Unabhängigkeit behalten? Der Marktführer BNP Paribas prüft eine Übernahme, doch ist er vorsichtig. Die SG-Mitarbeiteraktionäre, die mehr als 6 Prozent der Anteile und 11 Prozent der Stimmrechte halten, sind mehrheitlich wohl gegen eine Übernahme. Schon 1999 hatten sie Bouton geholfen, den Griff der BNP scheitern zu lassen. Und ausländische Finanzhäuser könnten durch die Warnungen der französischen Regierung abgeschreckt sein, die freilich keine rechtliche Handhabe zum Schutz der Société Générale hat.
Daniel Bouton glaubt ebenfalls an die weitere Unabhängigkeit seiner Bank. Doch der Franzose, der einst einen Kodex der guten Unternehmensführung entwarf, gilt als Patron auf Abruf. Verdächtigungen des Insiderhandels eines Verwaltungsratsmitglieds verschlimmern die Lage. Obendrein wird der Société Générale-Führung vorgeworfen, in einen Geldwäsche-Skandal bei Scheckbetrügereien zwischen Frankreich und Israel verstrickt zu sein. Erster Prozesstag ist am Montag, wenn auch für die die ganze Bank eine neue schwere Woche ihrer ungewiss gewordenen Zukunft beginnt.
Text: F.A.Z., 02.02.2008, Nr. 28 / Seite 14
Bildmaterial: AFP/F.A.Z., AP
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