31. Mai 2005 bf. FRANKFURT, 30. Mai. Geredet wird darüber schon seit langem, nun könnte die Konsolidierungswelle unter Europas Großbanken tatsächlich in Fahrt kommen. Jedenfalls wäre die Übernahme der Hypo-Vereinsbank (HVB) durch die italienische Unicredito mit einem Kaufpreis von schätzungsweise 16 Milliarden Euro der bislang größte grenzüberschreitende Bankenzusammenschluß in Europa. Und schon wird an der Börse spekuliert, daß nun auch die Commerzbank übernommen wird. Daneben könnte es demnächst zu einer Mehrheitsbeteiligung der spanischen BBVA an der italienischen BNL kommen sowie zur Übernahme der Banca Antonveneta durch die niederländische ABN Amro.
Fachleute halten das europäische Bankgewerbe schon seit längerem reif für eine Konsolidierung. In den nächsten beiden Jahren dürfte eine Welle von grenzüberschreitenden Fusionen und Übernahmen den Strukturwandel einleiten, meint Davide Serra, Bankanalyst bei der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley. In vielen EU-Ländern - ausgenommen Deutschland und Italien - habe das Finanzgewerbe auf nationaler Ebene bereits konsolidiert. Wenn sie weiter kräftig wachsen wollten, müßten die führenden Banken dieser Länder ihre Blicke ins Ausland lenken. Denn die Bankaufseher und Wettbewerbshüter dürften nicht zulassen, daß einzelne Häuser den heimischen Markt dominieren.
Bedarf an Zuwachs gibt es für Europas Großbanken durchaus. Denn ihre Konkurrenten in Amerika haben sich in den vergangenen Jahren durch Fusionen und Übernahmen deutlich verstärkt: Erst schluckte die Bank of Amerika den Rivalen Fleet-Boston, dann kaufte JP Morgan Chase die Bank One. Die beiden Häuser haben damit in der Größenordnung zu dem amerikanischen Marktführer Citigroup aufgeschlossen - und schnappen den europäischen Häusern mit ihrer geballten Finanzkraft auf den internationalen Märkten zusehends Geschäft weg. Die amerikanischen Großbanken sind damit auf dem Weg, im globalen Finanzgeschäft eine ähnliche Vormachtstellung zu erringen wie im Investmentbanking, das schon seit je von Wall-Street-Häusern beherrscht wird. Derzeit einziges europäisches Haus, das in dieser Weltliga der Großbanken mitspielt, ist die britische Großbank HSBC. Anders als in Amerika ist der Konsolidierungsprozeß in Europa erst ansatzweise vorangekommen. Der wichtigste Grund dafür liegt in den sehr unterschiedlichen Kulturen des Bankgeschäfts in den einzelnen Ländern. Das mache es schwierig, erfolgreiche Konzepte und Finanzprodukte von einem Land auf das andere zu übertragen, erläutert Georg Kanders, Bankanalyst bei der WestLB. Hinzu kommt, daß zumindest in einigen Ländern Politik und Bankaufseher ausländischen Möchtegernkäufern nicht gerade den roten Teppich ausgerollt haben. Denn oft gilt die Devise, daß ein Land "nationale Champions" brauche, damit die heimische Industrie angemessen mit Bankdiensten versorgt werde.
Allerdings wäre es falsch, von einem Stillstand in Europa zu sprechen. So haben zahlreiche europäische Banken die Öffnung in Osteuropa genutzt, dort ihre Präsenz durch Übernahmen auszubauen. Dieses Ziel vor Augen, hat die HVB im Sommer 2000 für 7,2 Milliarden die österreichische Bank Austria gekauft - und damit ein Beispiel für eine große und höchst erfolgreiche grenzüberschreitende Transaktion geliefert. Daneben haben zahlreiche Häuser die Strategie verfolgt, sich gezielt in bestimmten Marktsegmenten im Ausland zu engagieren. Ein Beispiel dafür ist die niederländische ING: Mit der Übernahme der Privatbank BHF-Bank haute sie zwar daneben, landete mit dem Kauf der Direktbank Diba jedoch einen Volltreffer.
Die Scheu der Großbanken vor größeren Übernahmen in europäischen Nachbarländern erklärt sich zum Teil auch damit, daß sich so bislang kaum Synergieeffekte erzielen ließen. Bezeichnenderweise wurde die bislang größte grenzüberschreitende Transaktion, die Übernahme des britischen Immobilienfinanzierers Abbey National durch BSCH für 14 Milliarden Euro im vergangenen Sommer, vor allem damit begründet, daß die spanische Großbank so ihre Risiken besser diversifiziere. Nach Einschätzung von Serra und Davide Taliente, einem Bankenexperten beim Beratungsunternehmen Mercer Oliver Wyman, lassen sich nun aber auch in Europa "Synergieschätze" heben: Denn im Bankgeschäft mache die Informationstechnologie (IT) inzwischen 25 bis 30 Prozent der Gesamtkosten aus. Wenn es nach einer Übernahme oder Fusion zum Einsatz moderner IT komme, ließen sich die Kosten erheblich senken.
Text: bf., F.A.Z., 31.05.2005, Nr. 123 / Seite 14
Bildmaterial: F.A.Z.
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