Von Rainer Hank und Georg Meck
17. August 2008 Einen Weißen Ritter gibt es nicht. Die Schlacht um Conti ist geschlagen. Noch ist nicht sicher, zu welchem Preis die Truppen des fränkischen Angreifers – es handelt sich um ein Familienunternehmen namens Schaeffler – die Macht beim niedersächsischen Reifenhersteller Continental übernehmen werden. Noch ist auch nicht sicher, auf wie viele Aktienanteile diese Macht letztlich sich stützen wird. Aber das sind Nachhutgefechte. Am vergangenen Mittwoch hat Conti die Waffen gestreckt. Exakt vier Wochen nach dem Angriff haben die Niedersachsen die weiße Fahne gehisst und Verhandlungen mit dem Aggressor zugestimmt.
Ein Weißer Ritter hätte Conti retten können. Er ist nicht gekommen, obwohl wochenlang von ihm die Rede war. Vielleicht war ihm das Risiko zu groß? Vielleicht ist er aber auch nur eine Erfindung, eine fiktive Waffe in einem der spannendsten Kämpfe, die die deutsche Wirtschaft seit langem erlebt hat?
Als ob es in der Wirtschaft nur um Zahlen und Fakten ginge! Womöglich geht es darum am allerwenigsten. Die Schlacht um Conti zeigt: Wirtschaft tickt anders, als viele meinen. Wirtschaft erfindet sich permanent ihre eigenen Märchen, Mythen und Erzählungen. Und beschäftigt mit viel Geld viele Menschen, die diese Geschichten in die Welt setzen, um die Welt in ihrem Sinne zu beeinflussen. Wirtschaft ist die Fiktion des Faktischen. Denn Clio, die Muse des Wirklichen, ist in Wahrheit eine Märchentante: Clio dichtet.
Wir sind eure Retter“
Begonnen hat die Schlacht der Dichter mit einer großen Erzählung des Angreifers, nachdem er sich von hinten an sein Opfer herangeschlichen und es bereits empfindlich verletzt hatte. Hört zu, Mannen von Hannover“, riefen die Leute aus Herzogenaurach, wir sind keine feindlichen Bösewichte: Wir sind eure Retter.“
Es ist eine zynische Story. Sie ist pure Erfindung. Denn niemand hatte zuvor gewusst oder behauptet, dass Conti einer Rettung bedürfe. Doch Schaeffler malt in dunklen Farben ein Szenario der Bedrohung, als ob chinesische Truppen oder angelsächsische Freischärler kurz davor wären, Conti zu überfallen. Was bleibe also den Reifenleuten in Hannover Besseres übrig, als sich in die schützenden Hände eines deutschen Familienunternehmens zu begeben, sollte daraus geschlossen werden.
Der Topos ist bekannt: Der Aggressor maskiert sich als Beschützer. Mit vergleichbaren Erzählungen hat sich der Autobauer Porsche an Volkswagen und der Finanzdienstleister AWD an den Konkurrenten MLP herangepirscht: Wir eilen euch zu Hilfe, unsere Absichten sind lauter.“ Auch wenn es nicht um Blut und Gewalt geht: Immer klingt es ein bisschen wie die Propaganda der Russen nach dem Einmarsch in Südossetien.
Spindoktoren fertigen Mythen für den strategischen Gebrauch
Die Verteidiger, vom Angriff überrumpelt, müssen mit einer eigenen Geschichte die Story des Angreifers als Lüge entlarven, der Lächerlichkeit preisgeben und die Öffentlichkeit auf ihre Seite ziehen. Ein Bösewicht kommt hier; Schreckliches hat er vor“, toben sie. Dann entlädt sich das Gegenszenario, eine ganz eigene Horrorgeschichte: Erst bringt der Feind uns in seine Gewalt, dann zerschlägt er uns, denn er braucht Geld, um seine böse Tat zu finanzieren. Schließlich gehen wir alle unter – und der Aggressor reißt nicht nur uns, sondern sich selbst gleich mit in das Verderben.“ Aus der Heilsgeschichte des Angreifers ist die Apokalypse des Verteidigers geworden. Zwei Erzählungen, die konträrer nicht sein könnten. Zwei Geschichten, erfunden von Profis der Fabulierkunst.
Denn von alleine erzählen sich diese Märchen nicht. Seit geraumer Zeit schon bedienen sich viele Firmen hierzulande (wie früher schon im angelsächsischen Ausland) professioneller Barden, die den Akteuren der Wirtschaft ganz nach individuellen Wünschen zum strategischen Gebrauch ihre Mythen verfertigen. Es ist eine neue Branche der Geschichtenerzähler entstanden, die sprunghaft wächst. Nicht zu Unrecht nennt man sie Spindoktoren. Denn von ihnen, die selbst hinter einer Tarnkappe agieren, erhält die Öffentlichkeit (mittels der Journalisten) wenige Fakten, aber viele Deutungen. Sie geben den Geschichten ihren eigenen Drall (englisch: spin).
Jetzt also lancieren die Spindoktoren der Verteidiger ihre eigene Version der Geschichte, quasi als Gegenangriff. Ins Spiel kommt der Weiße Ritter“. Der Topos greift tief in die Mythologie des Mittelalters, wo Lancelot, eine Gestalt der Artus-Sage, immer wieder zwischen Schwarze und Weiße Ritter gerät. Die Weißen sind die Ritter des Himmels, die Schwarzen gehören auf die Erde. Die Schwarzen sind die Sünder, die Weißen sind die Guten. Die Welt wird – ganz wörtlich – schwarz-weiß gemalt: Es ist eine dualistische Wirklichkeit, hier die Guten, dort die Bösen.
Die Figuren werden teils erfunden
Als Weiße Ritter zur Abwehr des Aggressors kommen alle möglichen Banken in Frage, aber auch befreundete Automobilunternehmen oder Finanzinvestoren besten Leumunds, die angeblich bereit sind, größere Aktienpakete von Conti zu übernehmen und den Angriff unschädlich zu machen. Lange dauert es nicht, bis einzelne Namen kursieren. Vielleicht hat tatsächlich jemand pro forma mit ihnen gesprochen? Wer will das ausschließen. Sonderlich ernst können die Gespräche nicht gewesen sein, denn sonst hätte sich einmal einer gezeigt. Vielmehr sind die Weißen Ritter Pappkameraden, erfundene Figuren von der traurigen Gestalt, wie Don Quijote, dem die Phantasie überläuft, weil er selbst zu viele schlechte Ritterromane gelesen hat.
In Wahrheit geht es nur um die Märchen, Mythen und Geschichten selbst. Sie beruhen nicht (oder allenfalls rudimentär) auf Wirklichkeit, aber sie zielen auf die Wirklichkeit: Sie sollen, je nachdem, die Öffentlichkeit schrecken oder beschwichtigen und den Gegner, seine Aktionäre und Mitarbeiter, beeindrucken. Wirkt die Drohung mit dem Weißen Ritter, schraubt das den Preis der Übernahme nach oben. Wirkt die Drohung mit den bösen Ausländern, wird das bei Betriebsräten und Gewerkschaftern Sympathie für die Angreifer wecken. Einmal treibt es, einmal dämpft es den Preis.
Die Erzähler bedienen sich populärerer Mythen
Fiktion ist nie Selbstzweck. Sie prägt unsere Weltanschauung und unser Handeln. Fiktion hat reale Konsequenzen auf die Wirtschaft. Das Nachdenken über die literarische Konstruktion der wirtschaftlichen Theorie und Praxis (New Economic Criticism“) steckt noch in den Kinderschuhen“, sagt Anne-Christin Sievers, eine Literaturwissenschaftlerin und Ökonomin aus Tübingen. Denn auch die Wirtschaftswissenschaft unterliegt häufig der positivistischen Täuschung. Am Fall Conti – Schaeffler könnte sie bestens das Wechselspiel zwischen Fiktion und Wirklichkeit studieren.
Denn jetzt, nachdem die Spindoktoren der Angreifer ihre guten und die der Opfer ihre bösen Geschichten erzählt haben, fängt es an, verworren zu werden. Jetzt geht es auf die Metaebenen, die bald nur noch die Feinschmecker unter den Märchenfreunden interessieren. Denn jetzt muss der Aggressor die Story des Verteidigers umdichten: Er fabuliert, der angeblich Weiße Ritter, der bald aufs Feld reiten werde, sei in Wirklichkeit ein Schwarzer Ritter aus dem bösen Ausland (China, Russland), der nur Arges im Sinn führen könne. Dann nämlich ist der Angreifer wieder bei der Heilsgeschichte, seiner Ursprungserzählung, angekommen: Ein schreckliches Szenario stellt sich dar, vor dem nur die gute deutsche Familie Schaeffler die Contis schützen könne.
Der Kreis schließt sich. Der Erzähldurchgang der literarischen Ökonomie ist beendet. Niemand wird behaupten wollen, es gehe um große Literatur. Es sind die populäreren Mythen der alten und neuen Ritterromane, deren sich die Erzähler der Firmenmärchen – zumindest bei Übernahmeschlachten – bedienen. Um große Literatur geht es nicht. Aber dafür um ziemlich viel Geld.
Text: F.A.S.
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