12. September 2008 Wendelin Wiedeking wird sich nichts anmerken lassen. Aber innerlich wird er kochen. Was für ein Affront! An diesem Freitagmorgen, um 9.30 Uhr haben sich der Porsche-Chef und die 19 anderen VW-Aufsichtsräte im dritten Obergeschoss des Volkswagen-Verwaltungshochhauses versammelt.
Draußen vor der Tür haben sich unterdessen rund Zehntausende VW-Arbeiter von vielen Standorten auf dem VW-Werksgelände in Wolfsburg getroffen - um gegen die Abschaffung des VW-Gesetzes zu protestieren. Das jedenfalls ist die offizielle Begründung für die ungewöhnliche Protestkundgebung, die demnach eigentlich in Brüssel stattfinden müsste. Denn dort sitzt schließlich EU-Kommissar Charlie McCreevy, der sich nun abermals anschickt, den anachronistischen gesetzlichen Schutzwall von anno dazumal einzureißen - aller Rettungsversuche aus Berlin zum Trotz.
Mit allen Mitteln für die Abschaffung des VW-Gesetzes
Stattdessen Wolfsburg. Warum? Weil der eigentliche Adressat der Proteste zum großen Buhmann im Volkswagen-Reich geworden ist: Wendelin Wiedeking. Für die Porsche-Beschäftigten ist Wiedeking der Heilsbringer, weil er den Sportwagenbauer einst vor dem Ruin gerettet hat. Für die VW- und Audi-Mitarbeiter ist er ein Haudrauf, der sich mit markigen Sprüchen und harten Ansagen selbst ins Abseits manövriert hat. Und vor allem: Wiedeking kämpft mit allen Mitteln für die Abschaffung des VW-Gesetzes und damit gegen die darin verbrieften Sonderrechte der Arbeitnehmer und die Sperrminorität des Landes Niedersachsen.
Daher also will VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh Wiedeking tüchtig eins auswischen. Dabei spielt der VW-Vorstand prima mit: Normalerweise dürfen Medienvertreter bei internen Veranstaltungen nicht auf das VW-Werksgelände. In diesem Fall indes sind sie herzlich eingeladen, dem Protestspektakel beizuwohnen. Zum großen Ärger von Porsche. Der größte Aktionär von Europas größtem Automobilkonzern hat sich angeblich dagegen gewehrt, durch diese Inszenierung auch medial zur Schlachtbank geführt zu werden. Vergebens.
Piëch will Wiedeking offenbar loswerden
Osterlohs wichtigster Verbündeter sitzt allerdings nicht im Vorstand, sondern an der Spitze der VW-Aufsichtsrats: Ferdinand Piëch sieht die Attacken auf Wiedeking mit Wohlgefallen, manche behaupten sogar, er sei Mitinitiator derselben. Denn Piëch will Wiedeking offenbar loswerden. Als Miteigentümer der Porsche AG weiß er zwar genau um die Verdienste Wiedekings. Bei VW indes scheint ihn der selbstbewusste Einsatz Wiedekings zunehmend zu stören. "Jedes Modell muss sich rechnen", lautet Wiedekings Credo. Damit stellt er Piëchs Technik-Spielzeuge wie Lamborghini, Bugatti und den VW Phaeton offen in Frage.
Außerdem macht Piëch Wiedeking dafür verantwortlich, dass die Konfrontation zwischen den VW-Leuten und Porsche derart eskaliert ist, dass eine freundschaftliche und konstruktive Zusammenarbeit im Moment kaum mehr vorstellbar ist. "Piëch toleriert nicht, wie Wiedeking mit uns umgeht", heißt es in Kreisen der VW-Arbeitnehmer. Deren Proteste vor dem Verwaltungshochhaus helfen Piëch dabei, Wiedeking zu diskreditieren und als unhaltbar darzustellen nach dem Motto: "Man kann eine Firma nicht gegen die Mitarbeiter führen."
Wenn Wiedeking geht, ist die Porsche-Aktie im Keller
Wiedeking wird sich von den rauchenden Colts in Wolfsburg nicht einschüchtern lassen. Aber wie reagiert Wolfgang Porsche? Piëchs Cousin, der als wichtigster Vertreter der Porsche-Familie im VW-Aufsichtsrat sitzt, steht bislang fest hinter Wiedeking. Doch manche vermuten, dass ihm um des lieben Friedens willen am Ende nichts anderes übrigbleiben könnte, als Wiedeking fallen zu lassen: "Was soll Porsche machen, wenn in Wolfsburg keiner mehr mit Wiedeking und seinem Finanzvorstand Holger Härter zusammenarbeiten will?", fragt ein Konzernkenner.
Andere wiederum glauben, dass Wolfgang Porsche Wiedeking unter keinen Umständen opfern würde. Und dafür gibt es sehr gute Gründe. Bislang wurde alles, was Wiedeking angefasst hat, zu Gold. Wenn er gehen muss, geht auch sein kongenialer Finanzchef Härter. Eine solche Nachricht würde den Porsche-Aktienkurs in den Keller schicken und mithin das Vermögen des Porsche- und Piëch-Clans empfindlich schmälern.
Dem machthungrigen Piëch schutzlos ausgeliefert
Mindestens genauso schwer dürfte jedoch eine andere Sorge wiegen: Wiedeking ist im Grunde der Einzige im Porsche-Bunde, der Piëch in Schach halten und bei der Beurteilung des operativen Geschäfts Paroli bieten kann. Wenn Wiedeking aus dem Spiel genommen wird, ist das gesamte VW-Porsche-Gebilde dem machthungrigen Piëch gleichsam schutzlos ausgeliefert. Das wollen der Porsche-Clan und vermutlich auch Teile der Piëch-Familie mit Sicherheit verhindern.
Aus diesem Grund muss Piëch auch selbst aufpassen, dass er den Bogen nicht überspannt. Dem Vernehmen nach ist die ganze Porsche-Familie überaus verärgert darüber, dass Piëch den Angreifer Osterloh nicht zurückpfeift und dass er Wiedeking öffentlich mit keiner Silbe den Rücken stärkt - ein sehr beredtes Schweigen.
Die Gretchenfrage ist jetzt: Wie weit reicht Piëchs Schulterschluss mit der Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat, die er schon häufig für seine Zwecke missbraucht hat, zuletzt für den Rauswurf von Vorstandschef Bernd Pischetsrieder? Eine Antwort darauf könnte die Abstimmung über einen Antrag Osterlohs bringen. Der Betriebsratschef will durchsetzen, dass gemeinsame Projekte von Volkswagen und Porsche - zum Beispiel die Verwendung von VW-Motoren in Porsche-Modellen - fortan vorab vom Aufsichtsrat genehmigt werden müssen.
Niedersachsen würde fünf Prozent zukaufen
Das würde die Kooperation zwischen den beiden Unternehmen zusätzlich erschweren und verzögern. Vor allem aber ist dieser Vorstoß ein Misstrauensvotum gegenüber dem Großaktionär Porsche. Es war bis zuletzt unklar, ob der Aufsichtsrat am heutigen Freitag über diesen Antrag abstimmen wird. Klar ist, dass Wiedeking, Härter und Wolfgang Porsche dagegen sind. Sollte sich Piëch in einer Abstimmung auf die Seite der Arbeitnehmer schlagen, wäre dies eine Kriegserklärung an den Porsche-Clan.
Die andere Frage ist, wie Christian Wulff in diesem Fall abstimmen würde. Niedersachsens Ministerpräsident steht mit seinem Kampf für das VW-Gesetz, das ihm mehr Einfluss sichert als der Aktienanteil von 20 Prozent normalerweise verspricht, Seit an Seit mit Osterloh und der IG Metall. Und für den Fall, dass das VW-Gesetz fällt, hat der CDU-Politiker auch schon einen Plan bereit: "Dann müssten wir 5 Prozent zukaufen." Gemessen am aktuellen VW-Aktienkurs, würde dieser Schritt hin zur Sicherung der Sperrminorität den niedersächsischen Steuerzahler rund 3 Milliarden Euro kosten. Das wäre ganz im Sinne Osterlohs, der im Streit um das VW-Gesetz nicht nur Wulff, sondern auch Angela Merkel auf seiner Seite hat. Am 23. September holt sich die Kanzlerin dafür den Dank ab - auf einer Betriebsversammlung bei VW.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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