01. Februar 2007 Mit der Entwicklung eines völlig neuen Autos innerhalb von nur 18 Monaten sieht sich Fiat als Wegbereiter für eine neue und viel schnellere Methode für die Erneuerung der Modellpalette. Üblicherweise nehmen sich die Autohersteller zwischen vier und sechs Jahre Zeit, um ein neues Modell zur Marktreife zu bringen. Ein Teil dieser Zeit wird für das Design der Karosserie und Innenausstattung verwendet, doch dann waren nach der traditionellen Entwicklungsmethode noch immer Jahre nötig, um für jeden Bestandteil eines Autos die Details festzulegen und die Fabrikation zu planen.
Die Fiat-Techniker unter Führung des deutschen Ingenieurs Harald Wester hatten dagegen nur 18 Monate Zeit für diese technischen Entwicklungsarbeiten. Denn Fiat brauchte dringend einen Nachfolger für das erfolglose Kompaktmodell Stilo, wobei die Führung des Autoherstellers immer wieder die Designvorschläge verworfen hatte. Der 2004 neu ernannte Fiat-Chef Sergio Marchionne wollte statt neuer Experimente mehr italienische Eleganz und war erst im Juli 2005 mit der Form des neuen Kompaktautos zufrieden. Zugleich wünschte er auch, dass der neue Fiat, nun unter dem Namen Bravo, schon im Januar 2007 vorgestellt würde - deutlich vor den neuen Kompaktautos von Volkswagen, Peugeot und Renault, die erst im Herbst 2007 und 2008 auf den Markt kommen.
Kein Prototyp
Gelöst wurde die Aufgabe durch die konsequente Verwendung von Computerdesign und den völligen Verzicht auf die bisher übliche Herstellung von Prototypen. Wester tritt dabei dem Eindruck entgegen, dass damit für den neuen Fiat weniger getestet und probiert worden sei: Im Gegenteil, es ist so, als hätten wir Millionen von Kilometern schon auf dem Computer abgespult. Statt mit großem Zeitaufwand teure Prototypen zu bauen, die als Einzelanfertigungen gut 450.000 Euro je Stück kosteten, habe Fiat die eingesparten Mittel in die virtuelle Entwicklung am Computer gesteckt. Dort müsse man dann die Erfahrungen nicht auf wenige reale Prototypen beschränken, sondern könne über Nacht mit geringen Zusatzkosten Tausende von Optionen testen und dann die beste wählen.
Der erste reale Fiat Bravo wurde schließlich erst im August 2006 fertiggestellt, ein Jahr nach Beginn der Entwicklungsarbeiten und zusammen mit anderen 199 Fahrzeugen der sogenannten Nullserie. Mit diesen wurden dann, wie in der Branche üblich, auf den realen Straßen Millionen von Testkilometern abgespult. Dabei habe sich gezeigt, dass die Abweichungen der Realität von den Voraussagen vom Computer nur lächerlich klein seien, sagte Wester. Oft sei das reale Auto dann sogar noch besser gewesen als im Computer berechnet.
Gewinnschwelle bei einem Jahresabsatz von 100.000
Insgesamt 350 Millionen Euro hat Fiat in die Entwicklung des neuen Modells für die Golf-Klasse gesteckt. Einige technische Teile wurden allerdings in der Grundkonzeption vom Stilo übernommen, für den die Fiat-Spitze bei der Vorstellung 2001 Absatzzahlen von 350.000 Stück im Jahr vorhergesagt hatte. Allerdings gingen die Verkaufszahlen nie über die Zahl von 178.000 hinaus, die im Jahr 2002 erzielt wurde. Nun zeigen sich die Fiat-Manager bescheidener und realistischer: Als offizielles Verkaufsziel gilt der Wert von 120.000 Autos im Jahr. Während der Stilo jedoch immer Verluste eingebracht haben soll, gilt für den neuen Bravo bereits ein Jahresabsatz von um die 100.000 Stück als die Gewinnschwelle.
Für den Konzernchef und Chef der Autosparte, Sergio Marchionne, soll mit dem neuen Kompaktmodell nun eine neue Wachstumsphase im Autogeschäft des Fiat-Konzerns beginnen, nachdem die Sanierung abgeschlossen sei. Der Bravo soll innerhalb kurzer Zeit in rund 60 Ländern angeboten werden.
Text: tp. / F.A.Z., 01.02.2007, Nr. 27 / Seite 17
Bildmaterial: Hersteller
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