Von Joachim Herr, Joachim Jahn, Rüdiger Köhn
30. Juni 2008 Die Anzeichen verdichten sich, dass Siemens schon an diesem Mittwoch Einzelheiten zu dem bevorstehenden Abbau von 17.200 Stellen nennt und nicht bis zur zweitägigen Sitzung des Wirtschaftsausschusses am Montag und Dienstag nächster Woche wartet. Im Wirtschaftsausschuss sind Betriebsräte und die Unternehmensleitung vertreten.
Die Vorverlegung ist auch als Schadensbegrenzung zu sehen, die das Konfliktpotential mit der Belegschaft verringern soll. Denn wegen des Durchsickerns von Informationen haben zunehmend auch Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsvertreter die Kommunikationspolitik scharf kritisiert, zumal betriebsbedingte Kündigungen nicht mehr ausgeschlossen werden.
Löscher ungewöhnlich deutlich
Das Handeln von Siemens-Vorstandsvorsitzenden Peter Löscher steht im Gegensatz zu seinen jüngsten Bekundungen. Denn nach Außen versucht er, harmonische Akzente zu setzen. Noch vor wenigen Tagen bekannte er sich ungewöhnlich deutlich zur Mitbestimmung. Die Arbeitnehmer seien das wichtigste Gut, das wir haben“, sagte er auf einer Tagung der Kommission, die jährlich den Deutschen Corporate Governance Kodex überarbeitet. Es sei wichtig, die Beschäftigten einzubinden und zu überzeugen. Langfristig diene dies dem Wohl des Unternehmens. Wir haben das gelernt und wissen, damit umzugehen“, wies er Kritik am deutschen Sonderweg bei der Beteiligung der Arbeitnehmer an der Unternehmensspitze zurück.
Löschers Stellungnahme fiel aus dem Rahmen, denn die anderen Teilnehmer der Diskussion aus dem Lager der Arbeitgeber äußerten sich skeptischer – von Gerhard Cromme, dem Aufsichtsratschef von Siemens und Thyssen-Krupp, über Henning Kagermann, den Vorstandssprecher von SAP, und Manfred Gentz, den früheren Finanzvorstand von Daimler-Chrysler, der heute dem Aufsichtsrat der Deutschen Börse angehört, bis zu Bankenpräsident Klaus-Peter Müller, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Commerzbank und Cromme-Nachfolger als Vorsitzender der Kodex-Kommission.
Erfahrener Manager geht frühzeitig
In London hob Löscher vor einer Woche zudem das Engagement und Bekenntnis der Mitarbeiter für Siemens hervor. Es gibt eine großartige Moral im Unternehmen“, sagte er. Und: Ich bin extrem zufrieden mit der Leistung und der Unterstützung unserer 150 Führungskräfte.“
Allerdings kommt das Management nicht zur Ruhe. Denn am Montag kündigte Siemens an, dass sich aus dem oberen Führungskreis ein weiterer erfahrener Manager verabschiedet: Jørgen-Ole Haslestad, der Chef der Division Industrielösungen (Industry Solutions), verlässt schon im September auf eigenen Wunsch das Unternehmen. Der 57 Jahre alte Norweger kehrt in seine Heimat zurück und wird dort nach 32 Jahren im Siemens-Konzern Vorstandschef des Chemieunternehmens Yara International.
Montagegeschäft soll ausgegliedert werden
Haslestad hatte im September 2001 die Leitung des damaligen Bereichs Industrial Solutions & Services (I&S) übernommen und das Geschäft in die Gewinnzone geführt. Wie zu hören ist, hatte er sich im Zuge des Konzernumbaus Hoffnungen auf den Chefposten des Sektors Energie gemacht. Der Norweger war früher für diese Siemens-Sparte tätig. Doch hat sich Vorstandschef Löscher für Wolfgang Dehen als Chef des Sektors entschieden, obwohl diesem Erfahrungen in diesem Geschäft fehlten. Erst Ende April war der langjährige Vorstandsvorsitzende der Medizintechnik, Erich Reinhardt, wegen der Korruptionsaffäre zurückgetreten.
Der Stellenabbau und die Pläne für die Ausgliederung eines Geschäfts der Division Industry Solutions (IS) hätten Haslestads Entschluss nicht beeinflusst, heißt es. 1300 der 6400 Arbeitsplätze, die in Deutschland wegfallen sollen, sind Stellen der Industrie Montage Services GmbH & Co. KG. Die eigenständige Gesellschaft mit 35 Standorten in Deutschland gehört zur Division IS. Das margenschwache Service- und Montagegeschäft sei bei einem Mittelständler besser aufgehoben, heißt es. Einen Teil der Dienstleistungen in Deutschland hatte die Vorgängersparte I&S schon vor einigen Jahren an Mittelständler abgegeben. Das Montagegeschäft sei wegen des damaligen Widerstands von Betriebsräten behalten worden, ist aus dem Unternehmen zu hören.
Bahntechnik wird auch betroffen sein
Der Stellenabbau in Deutschland wird zudem in größerem Ausmaß die Division Mobility mit der Bahntechnik von Siemens treffen. 800 Arbeitsplätze sollen allein in der Fertigung hierzulande wegfallen. In Produktion, Entwicklung, Vertrieb und Verwaltung sind es weltweit insgesamt 2000. Die Kosten in dem zuletzt wieder margenschwachen Geschäft zu senken und gleichzeitig die Marktchancen zu wahren, komme einem Spagat gleich, heißt es. Es sei nicht auszuschließen, dass ein ganzer Standort aufgegeben werde. Allerdings fänden sich für den Erhalt aller deutschen Standorte wichtige Argumente: Das Werk in Krefeld zum Beispiel werde benötigt, um von der Deutschen Bahn einen Auftrag für die neue Generation des ICE erhalten zu können.
Der Abbau von insgesamt 2000 Stellen in der Division Mobility entfällt jeweils zur Hälfte auf die Produktion und die Verwaltung, einschließlich Entwicklung und Vertrieb. Die Zahl von 17.200 Arbeitsplätzen, die im gesamten Siemens-Konzern gestrichen werden sollen, teilt sich auf in 12.500 Stellen in der Verwaltung, davon 3500 in Deutschland, und 4700 für Restrukturierungen und Ausgliederungen. Außer der Division Mobility und den Industrie Montage Services gehört zum zweiten Block die Medizintechnik. Dort fallen 1000 bis 1200 Arbeitsplätze weg, davon fast die Hälfte in den Vereinigten Staaten, wie es im Unternehmen heißt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP
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