Von Carsten Germis
22. August 2007 Morgens, kurz nach halb neun, kommt die erste Kundin. Die junge Frau hat es eilig. Einmal Aspirin, sagt sie und wedelt nervös mit dem Zehn-Euro-Schein, den sie schon aus ihrer Geldbörse gezogen hat. Sie kennen sich aus mit der Dosierung?, fragt Katrin Strauss, die als pharmazeutisch-technische Assistentin in der Otto-Apotheke im Berliner Stadtteil Moabit arbeitet. Nicht mehr als... Die Kundin streicht gereizt ihre schwarzen Haare von der Stirn und unterbricht Katrin Strauss. Ich weiß, sagt sie und steckt die Packung Aspirin in ihre Handtasche. Ich hab's eilig.
Rainer Bienfait beobachtet die Szene aus dem Nachbarraum. Bienfait ist Apotheker und Besitzer der Otto-Apotheke. Und er ist Vorsitzender des Berliner Apotheker-Vereins. Seit Jahren stemmt er sich mit seinen Standesgenossen gegen mehr Markt bei der Arzneimittelversorgung. In den vergangenen Jahren hat die Politik mit jeder Gesundheitsreform immer wieder versucht, Löcher in die Schutzmauern um die deutschen Apotheken zu reißen - und immer wieder scheiterten sie am gut organisierten Heer der Verteidiger.
Eine Ware besonderer Art
Rezeptfreie Medikamente wie Aspirin in Drogeriemärkten, Apothekenketten im Besitz von Kapitalgesellschaften: Bienfait sieht dadurch nicht nur die Privilegien der Apotheken bedroht, er befürchtet eine Verdrängung der mittelständischen Apotheken und damit ein Ende der Beratung der Patienten.
Wollen Sie Verhältnisse haben wie in Amerika?, fragt Bienfait und schüttelt den Kopf. Arzneimittel sind kein banales Konsumgut, sondern eine Ware besonderer Art. Der Apotheker zitiert dann lang aktuelle Untersuchungen aus Amerika, wo viele Arzneimittel wie Lebensmittel in den Selbstbedienungsregalen der Supermärkte vermarktet werden. Die Leute essen Aspirin wie Bonbons, sagt er und warnt vor massenweisem Missbrauch von Arzneimitteln.
Deutscher Sonderweg
Noch sind die Schutzzäune um die deutschen Apotheken stark. Ein Apotheker muss Pharmazie studiert haben, wenn er die staatliche Zulassung bekommen will. Und er darf höchstens vier Apotheken besitzen. Doch der Druck aus der EU wächst, diese Schutzmauern zu schleifen. Zwar arbeitet die Bundesregierung in Brüssel hart daran, den deutschen Sonderweg zu erhalten, doch der Internethandel mit Medikamenten ist schon möglich. Auch Pläne für Apothekenketten gibt es bereits, wie der Kauf der DocMorris-Kette durch den Pharmagroßhändler Celesio zeigt.
Dann sind wir nicht mehr Apotheker, sondern Kaufleute, warnt Bienfait. Er sieht seine Zunft wie die Ärzte aber als Heilberufler, die dem Wohl der Patienten verpflichtet sind und nicht allein dem schnöden Mammon. Nur wenn Apotheker und Kunde sich auf Augenhöhe begegnen, ist gute Beratung möglich.
Stammkunden fragen mehr
In der Otto-Apotheke wird Beratung tatsächlich großgeschrieben. Es wird aber selten nachgefragt, berichtet Gülsen Öztas, eine der drei Mitarbeiterinnen in der Otto-Apotheke. Das Angebot muss ich von mir aus machen. Die aus der Türkei stammende Frau fragt deswegen jeden Kunden, ob er Beratung wünscht. Schließlich sei sie keine Bonbonverkäuferin, die nur einfach bunte Pillen über die Ladentheke schiebt. Als eher mittelgroße Apotheke in einem Stadtteil mit großen sozialen Spannungen sind die Patienten, die in Bienfaits Apotheke kommen, zu gut 80 Prozent Stammkunden. Rezepte lösen die meisten immer noch in der Apotheke um die Ecke ein.
Pro verschriebener Packung bekommt der Apotheker ein festes Honorar von 8,10 Euro, zuzüglich drei Prozent auf den Einkaufspreis. Die Regale mit Kosmetika und frei verkäuflichen Arzneimitteln, die in manchen Apotheken bereits mehr als 50 Prozent des Umsatzes ausmachen, sind in der Otto-Apotheke eher klein. In der Umgebung wohnen eher arme Menschen, und Laufkundschaft verirrt sich nur selten hierher. Natürlich wollen die Leute hier eher mal reden, erzählt Katrin Strauss. Und Stammkunden fragen auch mehr, denn beim Arzt bleibt für ausführliche Gespräche heutzutage oft keine Zeit mehr.
Das ist für meine Oma
In dem Moment betreten drei junge Mädchen die Apotheke. Alle sind schlank, dürr möchte man fast sagen. Mit stockender Stimme fragt eine nach rezeptfreien Abführmitteln. Der Apotheker zieht die Augenbrauen hoch. Er weiß, dass magersüchtige Mädchen oft zu diesem Mittel greifen, um schlank zu bleiben. Er warnt. Das ist für meine Oma, antwortet die Schülerin keck und nimmt die Packung vom Tresen. Zufrieden ziehen die Mädchen ab. Wer behält in solchen kniffligen Fällen in den Apotheken die Oberhand? Der Heilberufler? Der Kaufmann?
Gülsen Öztas räumt ein, dass nicht in jeder Apotheke so auf die Beratung geachtet wird wie hier in der Moabiter Ottostraße. Ich selbst habe das als Kundin auch schon anders erlebt, sagt sie. Katrin Zeug, die gerade ein Rezept eingelöst hat, bestätigt das. Oft beschränkt sich die Beratung auf die Frage, ob man noch eine Tüte will, sagt sie.
Apotheker gehören zu den angesehensten Berufen
Doch Apotheker genießen in der Bevölkerung nach wie vor großes Vertrauen. 83 Prozent sind nach Umfragen der Meinung, in Apotheken sei der Service gut. Von Krankenhäusern sagen das nur 43 Prozent. Das zeigt: Apotheker gehören zu den angesehensten Berufen. Und sie tun alles, um das Selbstbild des unentbehrlichen Gesundheitsberaters zu festigen.
Aber auch im Alltag der Otto-Apotheke zeigen sich die ersten Löcher im Schutzzaun. Die nächste Kundin an diesem Vormittag fragt nach einem Lorbeeröl. Im Internet koste das Öl vier Euro, sagt sie. Bienfait hat aber nur ein Produkt, das fast dreimal so teuer ist. Die Kundin schüttelt den Kopf und geht mit leeren Händen. Der Handel im Internet hinterlässt deutliche Spuren. Wobenzym zum Beispiel, ein Mittel, das bei Entzündungen und nichtorganischen Durchblutungsstörungen hilft, bekommt man ohne Rezept. 123 Euro kostet die größte Packung in der Otto-Apotheke. Im Internet finden Kunden sie für 80 Euro. Die Folge: Der Verkauf geht zurück. Früher war die Nachfrage groß, im vergangenen Jahr fragten noch sieben Kunden danach, in diesem Jahr war es erst einer.
Apotheker mixen kaum noch Salben
Bienfait hält deswegen auch nichts davon, dass die Preise für frei verkäufliche Medikamente seit 2004 freigegeben wurden. Der einheitliche Abgabepreis schützt die Patienten vor Übervorteilung, vor rabattinduziertem Arzeimittelmehrverbrauch und bewahrt sie vor dem Aufwand, Preisvergleiche für ein benötigtes Arzneimittel anstellen zu müssen, meinen die Apotheker. Er bewahrt aber vor allem die Apotheker vor einem Preiswettbewerb. Dabei zeigen sie durch ihre Mitgliedschaft in Einkaufs- und Marketingverbünden durchaus, dass ihnen das Kaufmännische nicht so fremd ist, wie gern behauptet wird.
Das alte Bild vom Apotheker, der ein Rezept bekommt und eigenhändig Pillen und Salben zusammenmixt, stimmt ohnehin schon lange nicht mehr. Bienfait stellt in seiner Rezeptur, einer kleinen Kammer hinter dem Verkaufsraum, nur noch zwei- bis viermal die Woche Salben und Lösungen her. Das ist nichts im Vergleich zu den 6000 verschiedenen Mitteln, die er vorrätig halten muss - und bei denen er dreimal am Tag neue Lieferungen vom Großhändler bekommt. Die Gesellschaft muss die Frage beantworten, ob sie will, dass das so bleibt, sagt Bienfait. Seine Angst wächst, dass die Antwort am Ende doch ein Nein sein könnte.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.08.2007, Nr. 33 / Seite 30
Bildmaterial: AP, Matthias Luedecke