Logistik

Wettstreit der Containerhäfen

Von Christoph Hein, Colombo

China sorgt für Handel

China sorgt für Handel

15. November 2005 Die rotweißen Schlepper arbeiten sich durch die Gischt. Haben sie den einen Containerfrachter an die Hafenpier geschoben, laufen sie sofort wieder aus - Pausen gibt es nicht, zu groß ist der Andrang. Am Horizont sind schon die nächsten Frachtschiffe auszumachen, die auf den Empfang warten. Der Hafen, den sie ansteuern, ist nicht Hongkong, Singapur oder Rotterdam. Es ist Colombo.

Colombo? Die Hauptstadt der krisengeschüttelten Insel Sri Lanka zählt nicht zu den großen Häfen dieser Erde. Doch selbst der schwer bewachte Umschlagplatz im Inselstaat profitiert vom rasant wachsenden Welthandel und meldet Rekorde. "Im Juli haben wir so viele Container verladen wie nie zuvor: 7 Prozent mehr als im Juli 2004, insgesamt gut 217.000 Einheiten", heißt es bei der Hafenbehörde.

Der Hunger Chinas scheint grenzenlos

Das Geschäft mit der Schiffahrt ist derzeit mindestens so in Bewegung wie die See bei Windstärke sechs. Der Grund liegt in der hohen Nachfrage vor allem auf den Routen von und nach Asien. Und dort ist es vor allem China, die inzwischen drittgrößte Handelsnation der Erde, die das Geschäft treibt.

Schuhe oder Computer - die meisten Güter, die in der Fabrik der Welt hergestellt werden, treten den Weg nach Amerika oder Europa in Containern an. Umgekehrt erscheint der Hunger Chinas nach Rohstoffen und Zulieferteilen grenzenlos. Davon profitieren Reedereien und Häfen rund um den Erdball.

9.000 neue Arbeitsplätze in Sydney

So will etwa Kanada fast eine halbe Milliarde Euro in sein staatliches Hafenausbauprogramm "Pacific Gateway Strategy" stecken. Die Regierung rechnet damit, daß sich der Containerumschlag an den Pazifikhäfen in den nächsten 15 Jahren um bis zu 300 Prozent erhöht.

Das gleiche Bild auf der anderen Seite des Pazifiks: Sydneys Port Botany, Australiens zweitgrößter Containerhafen, wird für gut 300 Millionen Euro ausgebaut. Der wachsende Verkehr soll 9.000 neue Arbeitsplätze im Hafen und der Wirtschaft des Bundesstaates New South Wales einen Zuwachs von rund 10 Milliarden Euro bringen.

„Jeder vierte Container kommt aus China“

"Chinas schnelles Wirtschaftswachstum und seine wiedergewonnene Kraft als weltweite Handelsmacht wird auch in den kommenden Jahren eine hohe Nachfrage nach Gütertransport sichern", sagt der chinesische Minister Zhang Chunxian. Innerhalb von nur fünf Jahren werde sich der Umschlag, gemessen in der Standardeinheit eines 20-Fuß-Containers (TEU), von 62 Millionen im vergangenen Jahr auf dann 130 Millionen mehr als verdoppeln. Allein in diesem Jahr werde er um rund 20 Prozent auf etwa 74 Millionen TEU steigen.

Der Container-Riese “MSC Pamela“ läuft in Valencia ein

Der Container-Riese "MSC Pamela" läuft in Valencia ein

"Schon heute kommt jeder vierte Container aus China, in ein paar Jahren wird es schon jeder dritte sein", sagt Knud Pontoppidan, stellvertretender CEO der dänischen Reederei A. P. Moeller-Maersk A/S, Marktführer mit 17 Prozent des globalen Containerverkehrs. Chinas Zahlen lassen sich auch schwerlich anders interpretieren: Im August lag der Export um 32 Prozent, der Import um gut 23 Prozent über dem Vergleichswert des Vorjahres.

Erste Testläufe mit Schanghais neuem Hafen

Ende dieses Monats sollen erste Testläufe mit Schanghais neuem Tiefwasserhafen Yangshan aufgenommen werden. In der ersten Ausbauphase, die rund 1,8 Milliarden Dollar gekostet hat, wird der Hafen jährlich etwa 20 Millionen TEU abwickeln können. Die zweite Ausbauphase soll Ende kommenden Jahres beginnen und rund 800 Millionen Dollar kosten.

Terminal Altenwerder im Hamburger Hafen

Terminal Altenwerder im Hamburger Hafen

An ihr ist ein international besetztes Konsortium beteiligt: Die Shanghai International Port Group (40 Prozent), Hongkongs Tycoon Li Ka-shing über seinen Hafenbetreiber Hutchison Whampoa (20) und mit der gleichen Anteilsgröße auch die chinesische Reederei China Ocean Shipping Group (Cosco). Moeller-Maersk ist mit 10 Prozent im Boot. Ist er fertig, wird der 12-Milliarden-Dollar-Hafen 52 Becken haben und über eine 32 Kilometer lange Brücke mit dem Festland vor der Wirtschaftsmetropole Schanghai verbunden sein.

Singapur dürfte Spitzenreiter Hongkong überholen

Während Yangshan zum Hafen des begonnenen Jahrhunderts ausgebaut wird, ringen die bestehenden Häfen um Vorherrschaft. In diesem Jahr dürfte erstmals Singapur den bisherigen Spitzenreiter Hongkong auf den zweiten Platz in der Liste der Geschäftigsten verweisen. So liegt die Wachstumsrate in Hongkong mit nur noch gut 2 Prozent auf 16,7 Millionen TEU in den ersten neun Monaten des Jahres deutlich unter derjenigen der Konkurrenz. Der Grund: Die festlandchinesischen Häfen schießen wie Pilze aus dem Boden und locken mit niedrigeren Frachtraten.

Hafen Schanghai

Hafen Schanghai

Singapur, der ewige Konkurrent, meldet für die ersten acht Monate ein Wachstum von 9,3 Prozent auf 14,8 Millionen TEU. Doch auch dort ist die Konkurrenz spürbar: Der erst vor fünf Jahren in Sichtweite gebaute malaysische Hafen Tanjung Pelepas, will 2005 um 25 Prozent auf immerhin schon 5 Millionen TEU zulegen - 5 Millionen, die zum großen Teil aus Singapur abgeworben wurden.

Erste warnende Stimmen von Analysten

So schnell das Wachstum auch ist - Analysten warnen inzwischen vor einem Höhepunkt der Containerfrachtschifffahrt. Ein Indiz sei die steigende Bereitschaft der Betreiber, Anteile an ihren Häfen zu verkaufen. In diesem Jahr haben Singapurs PSA International, Dubai Ports International und China Merchants Holdings fast 3 Milliarden Dollar in Anteile an Hongkonger Hafenbetreibern investiert.

Derzeit bieten Hutchison, Dubai Ports World und Singapurs staatliche Temasek Holdings um den viertgrößten Hafenbetreiber der Erde: Die britische Peninsular & Oriental Steam Navigation (P&O) setzt 13,8 Millionen TEU um und wird auf einen Wert von rund 4,4 Milliarden Euro geschätzt.

„Amerika behindert unser Wachstum“

Bei solcher Bewegung in der Branche nutzen die chinesischen Häfen die Gunst der Stunde, um sich frisches Geld für ihre Ausbaupläne an den Börsen zu besorgen. Auf Xiamen International Port, den nächstgelegenen festlandchinesischen Hafen zu Taiwan, und Tianjin Port Development in diesem Jahr folgen 2005 die Shanghai International Port Group mit einem Börsengang im geschätzten Wert von rund 800 Millionen Dollar und der benachbarte Hafen von Ningbo. Alle brauchen sie das Geld der Aktionäre: Allein in diesem Jahr will China umgerechnet rund 4,9 Milliarden Dollar in seine Hafeninfrastruktur pumpen. 120 neue Hafenbecken sollen entstehen.

Auch dank des raschen Ausbaus der Häfen in Asien werden inzwischen andere Regionen zum Engpaß: In den kalifornischen Häfen etwa hat sich die Liegezeit für das Be- und Entladen inzwischen auf bis zu sieben Tage verdoppelt. Im Westen ist es wegen der entwickelten Städte, langen Planungszeiten und Sorgen von Umweltschützern wesentlich schwieriger, Häfen auszubauen als etwa in China. "Die Infrastruktur in Amerika ist ein riesiges Problem, sie behindert unser Wachstum", sagt Al Pierce, Geschäftsführer des Transpacific Stabilisation Agreement (TSA), eines Forums von 13 führenden Reedereien der Strecke.

Text: F.A.Z., 15.11.2005, Nr. 266 / Seite 20
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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