20. Februar 2007 Die Frage des Stellenabbaus beim Flugzeughersteller Airbus hat am Dienstag erneut die öffentliche Diskussion um das Sanierungsprogramm Power8 entfacht, obwohl der Mutterkonzern EADS erst am Montag dessen Veröffentlichung überraschend verschoben hatte - mangels einer abschließenden Entscheidung an der Konzernspitze.
Auslöser war am Morgen der französische Premierminister Dominique de Villepin. In einem Interview mit dem Radiosender RTL sagte er, rund 10.000 Arbeitsplätze würden der Airbus-Sanierung zum Opfer fallen. Brisant wurde die Äußerung de Villepins vor allem dadurch, dass sich der Regierungschef ausdrücklich auf den Airbus-Restrukturierungsplan berief. Weltweit beschäftigt Airbus 57.000 Mitarbeiter.
Enders dementiert
Der deutsche Ko-Chef bei EADS, Tom Enders, dementierte die Angaben zum Stellenabbau. Auf einer Veranstaltung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) in Hamburg sagte er, über die Frage des Stellenabbaus sei noch keine Entscheidung gefallen. Er werde darüber in den nächsten Tagen mit seinem französischen Amtskollegen Louis Gallois sprechen. Im Übrigen, so Enders, wisse er nicht, woher de Villepin diese Zahlen habe.
Auch die Bundesregierung sah sich zu einer Stellungnahme genötigt. Über den stellvertretenden Regierungssprecher Thomas Steg ließ sie am Mittag verlauten, ihres Wissens sei über die Frage des Stellenabbaus bei Airbus noch nicht entschieden. Damit seien alle Berichte über die Schließung einzelner Standorte oder den Abbau von Stellen Spekulation, auf die man nicht reagieren werde.
Steg bekräftigte die Erwartung der Bundesregierung, dass im Zuge der Sanierung eine gerechte, ausgewogene Balance zwischen den verschiedenen Standorten bzw Ländern erreicht wird. Die deutschen Airbus-Standorte seien wettbewerbsfähig und produktiv. Auch Steg konnte sich nicht erklären, wie de Villepins zu den Zahlen gekommen ist. Seine Angaben seien wohl vermutete, unterstellte Zahlen.
Kurs unbeeindruckt
Der Kurs der EADS-Aktie reagiert unbeeindruckt auf die widersprüchlichen Äußerungen. Gegen 16.51 Uhr zeigte sich der Titel in einem insgesamt etwas leichteren Umfeld mit einem Aufschlag von 0,2 Prozent bei 25,85 Euro. Die französische Bank Societe Generale sieht derzeit zwar wenig Anlass EADS-Aktien zu kaufen, räumte in einer Einschätzung am Dienstag aber ein, der Titel habe sich trotz vieler negativer Meldungen als widerstandsfähig erwiesen.
EADS-Ko-Chef Enders rief zu einer besonneneren Diskussion in der Sanierungsdebatte auf. Zeitweise werde sie unnötig dramatisch geführt. Manchmal werde einfach ein zweiter Anlauf benötigt, um Entscheidungen zu treffen, sagte er im Hinblick auf die verschobene Sanierungsentscheidung. EADS müsse ein großes Rad drehen, um Airbus wieder wettbewerbsfähig zu machen.
Auf höchster Ebene
Das Gesamtpaket Power8 sei deshalb noch nicht entschieden, weil Fragen zur Produktion des Langstreckenjets A350 und zur Kompetenzverteilung ungeklärt seien. Die Einmischung der Politik in den Entscheidungsprozess wollte Enders nicht kritisieren. Schließlich sei die Luftfahrtindustrie eine sehr politische Industrie. Er gab sich zuversichtlich, dass es am Ende zu einer guten Lösung komme.
Die Airbus-Krise wird auch am Freitag beim Treffen von Kanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsidenten Jacques Chirac in Meseberg bei Berlin ein Thema sein. Das ist eine Angelegenheit, die wir auf höchster Ebene behandeln wollen, sagte de Villepin. Regierungssprecher Steg dämpfte allerdings die Erwartungen an das Treffen der Spitzenpolitiker. Entscheidungen würden hier nicht getroffen. Ein betriebliches Anpassungsprogramm entscheide nicht die Politik. Dies sei Aufgabe der EADS-Führung.
Kritik von Arbeitnehmern
Arbeitnehmer-Vertreter kritisierten Politik und Unternehmen. Es ist absolut nicht hilfreich, dass sich Leute zu Wort melden und über Zahlen spekulieren, die nicht nachvollziehbar sind, sagte der Betriebsratschef des Airbus-Werkes in Nordenham, Michael Eilers. Laut Bild-Zeitung sollen in Hamburg weniger als 1.000 Arbeitsplätze wegfallen und die Werke in Nordenham (2.250 Beschäftigte) und Varel (1.300 Beschäftigte) verkauft werden.
Dazu wollte Airbus ebensowenig Stellung nehmen wie zu einem Bericht der Financial Times Deutschland, wonach EADS-Großaktionär Daimler-Chrysler dem Sanierungsprogramm nicht zustimmt, weil aus Sicht des Konzerns die Gefahr besteht, dass Frankreich zu große Anteile an der Rumpfproduktion des A350 an sich zieht. Der A350 ist der erste Airbus, der hauptsächlich aus Kunststoff hergestellt wird. Er soll nach Gallois' Willen in Toulouse montiert werden.
Text: Dow Jones
Bildmaterial: dpa, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb
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