Tui-Chef Frenzel im Interview

„Wir werden dauernd attackiert“

01. Mai 2008 Tui ist ein Konzern im Umbruch. Der Vorstandsvorsitzende Frenzel stand zuletzt in der Kritik. Im Interview mit der F.A.S. spricht Frenzel über rebellierende Aktionäre, die Aufspaltung des Konzerns und die Vorzüge der Seefahrt.

Herr Frenzel, sind Sie ein Sturkopf?

Meine Frau behauptet das Gegenteil, und wie so oft, hat sie recht. Mir geht es nie um eine Position der Position willen, sondern um die Sache.

Ihre rebellischen Aktionäre sehen das anders: Nur unter Zwang seien Sie bereit, deren Vermögen zu mehren, lautet der Vorwurf.

Jetzt zeichnen Sie ein Zerrbild. Wir haben zwei unterschiedliche Kreise von Investoren, diejenigen, die langfristig an der Tui als Touristikunternehmen interessiert sind. Von denen hören Sie solche Töne nicht, die tragen unseren Kurs mit. Auf der anderen Seite gibt es jene mit kurzfristigem Interesse, denen liegt an einer Verwertung unserer Schifffahrt. Diese Trennung haben wir jetzt angepackt.

Ihr mächtigster Aktionär, der norwegische Reeder John Fredriksen, zweifelt, wie ernst Sie es mit der Aufspaltung des Konzerns meinen.

Ich darf unmissverständlich feststellen: Wir werden uns von Hapag-Lloyd trennen. Das ist keine Taktik. Wir haben das im Konzern durchgekämpft, zum ersten Mal in meinen 20 Jahren gegen die Stimmen der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat. Unser Ziel ist es nun, dies möglichst rasch und mit möglichst optimalem Ergebnis für alle Shareholder umzusetzen.

Haben Sie im Laufe der Auseinandersetzung je mit Herrn Fredriksen persönlich gesprochen?

Immer wieder, meist am Telefon. Ich bedaure sehr, dass sich das Thema jetzt so zuspitzt.

Vor der Hauptversammlung Anfang Mai braut sich ein Aufstand zusammen. Fredriksen und seine Mitstreiter verlangen neue Aufsichtsräte, die von der Container-Schifffahrt eine Ahnung haben.

Auch wenn es nicht an mir ist, den Aufsichtsrat zu verteidigen: Dieses Argument ist nicht schlüssig. Wenn wir bisher keine Container-Kompetenz gehabt hätten, dann hätte sich Hapag-Lloyd kaum zu solch einer Perle entwickelt. Wir haben die Flotte von 22 auf 140 Schiffe ausgebaut, sind von unter ferner liefen auf Platz fünf weltweit vorgestoßen. Wir haben hier Wert geschaffen. Den Punkt sieht offenbar Herr Fredriksen, sonst hätte er keine Tui-Aktien gekauft.

John Fredriksen hat 12 Prozent und gute Chancen, Ihren Aufsichtsratsvorsitzenden in der Hauptversammlung zu stürzen - ein beispielloser Vorgang in einem Dax-Konzern.

Das ist in der Tat noch nie passiert. Ich halte diese Konfrontation im Interesse des Unternehmens nicht für gut. Wir gehen davon aus, dass die Mehrheit der Tui-Shareholder dies ebenso sieht.

Warum geben Sie Herrn Fredriksen nicht einfach den Sitz im Aufsichtsrat, den er beansprucht?

Das hat ihm das Nominierungskomitee der Tui AG längst angeboten. Schriftlich, schon Anfang des Jahres, im April dann noch mal. Jederzeit kann er seinen Sitz bekommen.

Inzwischen verlangt er zwei Sitze.

Diese plötzliche Wendung hat uns überrascht. Jeder Großaktionär hat ein Recht, im Aufsichtsrat vertreten zu sein - aber nicht mit der Brechstange. Wir haben weder Lust noch Zeit, uns mit dieser Art personeller Konflikte zu beschäftigen. Das schadet jetzt nur dem Abspaltungsprozess und schwächt das Unternehmen. Unser Ehrgeiz richtet sich darauf, Hapag-Lloyd optimal herauszutrennen.

Noch Anfang des Jahres erklärten Sie die Schiffe zum Kerngeschäft. Warum diese plötzliche Wende?

Die erfolgreiche Containerschifffahrt hat insbesondere in den Krisenjahren nach dem 11. September 2001 geholfen, das Konzernergebnis abzusichern. Doch die Zwei-Säulen-Strategie Tourismus und Schifffahrt ließ sich nicht mehr halten.

Wer hindert Sie daran?

In den letzten zwei, drei Jahren wuchs der Druck des Marktes bezüglich unserer Strategie. Erst gab es den Hedge-Fonds-Angriff auf die TUI, dann attackierten uns große Finanzinvestoren massiv. Und im Herbst taucht dann Herr Fredriksen auf. Anfang des Jahres zeichnete sich ab, dass die ganze Diskussion eine unkontrollierte Entwicklung nehmen könnte.

Sie fürchteten eine feindliche Übernahme?

Es gibt ja mehrere Arten einer feindlichen Übernahme; diejenige durch die Hintertür wäre das realistische Szenario gewesen, dass Minderheitsinvestoren, ohne formelle Mehrheit, uns einen Kurs aufzwingen. Da beschlossen wir: Lass uns nach vorne gehen, die Trennung von Hapag-Lloyd proaktiv betreiben. Sonst laufen wir Gefahr, permanent in destruktive Konflikte mit dem Markt zu geraten.

Wie viel Geld wollen Sie mit den Schiffen einnehmen? In Ihren Büchern steht Hapag-Lloyd mit 3,5 Milliarden Euro, die kühnsten Prognosen sprechen von 5 Milliarden Euro.

Hapag-Lloyd ist eine Ertragsperle, die einen erheblichen Wert darstellt. Sie werden verstehen, dass ich keine Bewertung vornehmen werde, dies wäre unprofessionell.

Es gibt günstigere Zeiten, um Firmen zu verkaufen, als jetzt in der Finanzkrise.

Attraktive Unternehmen wie Hapag-Lloyd stoßen auch in einem schwierigen Refinanzierungsumfeld auf hohes Interesse.

Was halten Sie von einer „Hamburger Lösung“?

Die vermag ich bisher nicht zu erkennen. Bisher gibt es nur einen Kreis Hamburger Investoren, den ich aus den Zeitungen kenne und dessen Besetzung auch noch wechselt. Eines ist klar: Es gibt keinen Hamburger Rabatt. Da würden mich die Aktionäre zerreißen, und zwar zu Recht.

Die Bundesregierung unterstützt diese Variante. Ihr liegt an Arbeitsplätzen und Know-how, das in Deutschland bleiben soll.

Noch mal: Es wird keine politische Lösung geben und ganz sicher keinen politischen Preis.

Könnte die Bahn die TUI komplett übernehmen, wie jetzt spekuliert wurde?

Vergessen Sie das. Das hat Herr Mehdorn umgehend dementieren lassen. Da schließe ich mich gerne an. Anhängsel eines Staatskonzerns zu sein, das ist das Letzte, was ich mir wünsche.

Angenommen, der Verkauf klappt im Sommer. Werden Sie die damit erzielten Milliarden dann an die TUI-Aktionäre ausschütten?

Wir werden die Aktionäre am Erlös beteiligen, ich kann heute natürlich noch nicht sagen, mit wie viel. Unser Ziel muss es sein, dass eine lebensfähige Tui zurückbleibt. Wenn alles gut läuft, mit einer deutlich niedrigeren Verschuldung als heute.

Viel bleibt nicht übrig ohne Hapag-Lloyd: Die Tui wird zur besseren Briefkastenfirma, eine Holding mit 120 Angestellten.

Halt, halt. Die Tui wird zum reinrassigen Touristikkonzern mit rund 20 Milliarden Euro Umsatz.

Das Urlaubsgeschäft haben Sie doch in ein Gemeinschaftsunternehmen mit Sitz in London eingebracht.

Erstens steuern wir das Geschäft als Mehrheits-Shareholder dort maßgeblich mit. Außerdem haben wir längst nicht alles dort eingebracht: Wir bleiben weltweit die Nummer eins im Ferienresort-Geschäft mit 237 Hotels. Außerdem behalten wir die Kreuzfahrten, nach dem Luxusgeschäft steigen wir da jetzt in den Volumenmarkt ein, da werden wir in den nächsten Jahren massiv wachsen.

Ihr Vertrag wurde bis 2012 verlängert - gegen den Protest prominenter Tui-Aktionäre wie Guy Wyser Pratt, der Sie öffentlich als Kapitalvernichter beschimpft hat.

Sie müssen unterscheiden zwischen dem, was draußen gesagt wird, und welche Wirkung das hat: Im Aufsichtsrat gab es keine Diskussion um die Verlängerung des Vertrages.

Sie werden aber nicht behaupten, dass es Sie kalt lässt, als Wertvernichter tituliert zu werden?

Entscheidend für das Urteil über die Performance ist der betrachtete Zeitraum: Von 1994, als ich als Vorstandsvorsitzender der damaligen Preussag angetreten bin, bis 2001 haben wir deutlicher besser abgeschnitten als der Dax. Nach dem Terroranschlag folgte branchenbedingt ein tiefer Einbruch, das stimmt. Von 2003 bis 2008 liegen wir im Kurszuwachs zumindest im Dax-Mittelfeld.

Hätten Sie das Stahlgeschäft der Preussag behalten, stünden Sie heute besser da: Ihre ehemalige Sparte, die Salzgitter AG, ist mehr wert als die gesamte Tui.

Als wir uns 1995 entschlossen haben, den Stahl zu verkaufen, hatte der 15 grausame Jahre hinter sich. Kein Mensch konnte damals den Rohstoffboom ahnen. Wer mir das im Rückblick vorwirft, den kann ich nicht ernst nehmen. Das hat kein Mensch vorhergesehen. Kein Analyst, auch kein Journalist.

Es ist das Schicksal eines jeden Managers, am Ergebnis gemessen zu werden. Als Jürgen Schrempp seine Hochzeit im Himmel verkündet hat, haben ihn alle bejubelt. Und ihn hinterher als Milliardenvernichter verschmäht.

Unser Fall ist damit nicht zu vergleichen. Selbst wenn wir dank prophetischer Gaben den Stahlboom vorhergesehen hätten, hätten wir uns von dem Geschäft trennen müssen. Der Verkauf hat seinerzeit den Fortbestand des Konzerns gesichert, der wäre sonst unter die Räder gekommen. Insofern ist diese Kritik nicht schlüssig.

Jetzt bleibt die Tui ein Tourismuskonzern, oder haben Sie schon eine Idee für die nächste Häutung?

Nein. Wir sind jetzt am Ende einer langen Reise, die Tui wird ein reinrassiger Tourismuskonzern mit hervorragenden Wachstumschancen.

Das Gespräch führte Georg Meck



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Denzel / F.A.S.

 
Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 6.395,73 -0,70
TecDax 722,12 +0,07
DowJones 11.349,28 -2,43
Nasdaq 2.280,11 -1,97
STOXX 50 3.335,26 -0,58
Nikkei 225 13.334,76 -1,97
S&P 500 Zert. 12,50 -2,34
Euro/Dollar 1,57 +0,11
Bund Future 110,79 -0,14
Gold 927,10 -0,06
Öl 124,98 -1,22
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