Banken

„Es könnte wieder eine Fusionswelle geben“

Blessing: “Wir werden die hohen Eigenkapitalrenditen nicht für immer halten können“

Blessing: "Wir werden die hohen Eigenkapitalrenditen nicht für immer halten können"

21. Dezember 2007 Die Commerzbank galt bislang als einer der aussichtsreichsten Interessenten für den bevorstehenden Verkauf der heftig angeschlagenen Mittelstandsbank IKB. Doch die in den vergangenen Wochen aufgetauchten neuen Verluste und Risiken der Düsseldorfer IKB vergraulen allmählich die möglichen Käufer. Das Interesse der Commerzbank flaut jedenfalls spürbar ab. „Ich bin nicht sicher, wie hoch der Nutzen für unsere Aktionäre, Kunden oder Mitarbeiter ist, wenn wir uns hier positionieren“, sagt das für das Mittelstandsgeschäft zuständige Vorstandsmitglied Martin Blessing im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Die meisten Kunden der IKB oder zumindest sehr viele davon haben ohnehin schon mit uns Bankbeziehungen“, sagt der 44 Jahre alte Bankmanager, der im Mai von Klaus-Peter Müller den Posten des Vorstandssprechers übernimmt.

Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Commerzbank überhaupt nicht bieten wird und die IKB an eine ausländische Bank oder gar an die selbst schwer angeschlagene Düsseldorfer Landesbank West LB geht. Nachdem in den vergangenen Wochen immer höhere Risiken bei der IKB auftauchten, musste der staatliche Großaktionär, die Förderbank KfW, ihre Risikovorsorge für dieses Engagement auf 4,95 Milliarden Euro aufstocken und ihre IKB-Beteiligung von 38 Prozent um 400 Millionen Euro abschreiben. Seit kurzem hat die Investmentbank Merrill Lynch das Mandat der KfW, die IKB zu verkaufen.

Börsenwert der Commerzbank ist auf rund 17 Milliarden Euro geschrumpft

Nach Ansicht von Blessing wird die derzeitige Finanzkrise, die vom amerikanischen Hypothekenmarkt ausgegangen ist und längst zahlreiche andere Kreditmärkte in Mitleidenschaft gezogen hat, eine Reihe von Fusionen und Übernahmen unter den großen Banken auslösen. „Jede Verwerfung auf den Finanzmärkten hat in der Vergangenheit zu großen Zusammenschlüssen geführt. Auch die Commerzbank ist Ende des neunzehnten und Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts so entstanden. Nun könnte es wieder eine Konsolidierungswelle geben.“ Für die Commerzbank sieht er daraus keinen Handlungsdruck entstehen, auch wenn die Bank demnächst wieder einmal als Übernahmekandidat gehandelt werden sollte. „Diese Konsolidierungsdebatten werden genauso hohen Unterhaltungswert haben wie frühere Diskussionen.“

Die zweitgrößte deutsche Bank gilt schon seit Jahrzehnten als Übernahmekandidat. Mittlerweile ist sie freilich fast die einzige verfügbare Bank, mit der sich ein ausländischer Wettbewerber auf einen Schlag einen größeren Marktanteil in Deutschland sichern könnte. Die Aktienkurse sämtlicher Bankaktien sind in den vergangenen Monaten stark gefallen; der Börsenwert der Commerzbank ist auf rund 17 Milliarden Euro geschrumpft.

Von einer Kreditklemme sei in diesem Geschäft nichts zu spüren

Blessing ist erst vor kurzem vom Aufsichtsrat zum Nachfolger des langjährigen Vorstandssprechers Müller gekürt worden. Zur Gesamtstrategie der Bank will er sich aber erst äußern, wenn er das neue Amt innehat. Dafür wird der Kronprinz umso gesprächiger, wenn es um die Mittelstandsbank geht, die er mittlerweile zur ertragreichsten Säule der Commerzbank ausgebaut hat. Von einer Kreditklemme ob der Finanzkrise sei in diesem Geschäft nichts zu spüren, sagt Blessing. Im Gegenteil habe die Bank das Wachstum des Kreditvolumens in den vergangenen Monaten beschleunigt. „In den letzten drei Monaten haben wir das Neugeschäft um weitere 3,5 Prozent gesteigert.“

Ohne Folgen bleibt die Kreditkrise für den Mittelstand gleichwohl nicht. „Die Kreditpreise steigen jetzt sukzessive.“ Denn für die Banken habe sich die Refinanzierung verteuert, und für Risiko werde nun wieder ein höherer Preis bezahlt. Allerdings würden die höheren Kosten erst mit einer gewissen Zeitverzögerung weitergegeben. „Wenn die Kartoffelpreise steigen, wird McDonald's auch nicht gleich am nächsten Tag die Pommes oder das Happy Meal teurer verkaufen.“ Die Folgen für die Banken sind daher erst einmal sinkende Margen. Blessing rechnet aber nicht mit drastischen Preiserhöhungen, sondern er geht von Steigerungen zwischen 0,25 und 0,5 Prozentpunkten aus. „Wenn deshalb ein Unternehmen umfällt, dann hätte es von Anfang an gar keinen Kredit erhalten sollen.“

Risikovorsorge sei historisch niedrig

Blessing erwartet angesichts des nun härteren Marktumfelds sinkende Renditen für sein Geschäft. „Wir werden die hohen Eigenkapitalrenditen nicht für immer und ewig halten können.“ In den ersten neun Monaten dieses Jahres erwirtschaftete die Mittelstandsbank eine operative Eigenkapitalrendite von 43 Prozent. Blessing erinnert daran, dass die Risikovorsorge zuletzt wegen der guten Konjunktur historisch niedrig gewesen sei.

Die Aussichten für die Konjunktur seien aber nun deutlich schlechter geworden. „Es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine Rezession in den Vereinigten Staaten. Europa wird sich davon kaum abkoppeln können.“ Er plane daher für das kommende Jahr eine höhere Risikovorsorge im Mittelstandsgeschäft. Die Rendite dürfte mithin trotz weiter steigender Erträge sinken. Nicht nur wegen der höheren Risikovorsorge, sondern auch, weil mit der Einführung neuer aufsichtsrechtlicher Regeln (“Basel II“) in der Mittelstandsbank mehr Eigenkapital gebunden sein werde. „Im Unterschied zu anderen Geschäftsbereichen werden wir im Mittelstandsgeschäft eine höhere Kapitalbelastung haben“, erläutert Blessing.

Trotz des abflauenden Interesses an der IKB will der Bankmanager weitere Zukäufe im Mittelstandsgeschäft nicht ausschließen. „Angesichts des Mangels an kaufbaren Objekten sollte man seine Strategie aber nicht zu sehr darauf stützen.“ Zu den angesichts der Schwierigkeiten mancher Banken am Markt wieder aufgewärmten Szenarien wie eines Verkaufs des Firmenkundengeschäfts der Dresdner Bank will sich Blessing nicht äußern.

„Mit dieser Wachstumsrate fühlen wir uns wohl“

Priorität habe für die Commerzbank ohnehin organisches Wachstum. Hierbei komme das Kreditinstitut gut voran: In diesem Jahr werde die Mittelstandsbank, die vorwiegend auf Unternehmenskunden mit mehr als 2,5 Millionen Euro Umsatz zielt, abermals 3000 bis 4000 Neukunden gewinnen, sagt Blessing. Gemeinsam mit dem vom Vorstandskollegen Achim Kassow betreuten Geschäft mit kleineren Firmenkunden solle die Kundenzahl in diesem Jahr um 40.000 auf gut 560.000 erhöht werden. Dieses Wachstumstempo solle in den kommenden Jahren beibehalten werden. „Mit dieser Wachstumsrate fühlen wir uns wohl.“

In den vergangenen Monaten ist die Bank angesichts der Schwäche mancher Wettbewerber ein wenig schneller gewachsen. „Wir sehen, dass sich einige Banken wieder zurückziehen, beispielsweise manche Auslandsbanken, die zuvor auf Schnäppchenjagd waren.“ Namen will Blessing nicht nennen. In der Branche ist aber häufig zu hören, dass sich die amerikanische Citigroup derzeit zurückhält. Die Landesbank HSH Nordbank hatte kürzlich davon gesprochen, dass derzeit nicht alle Chancen im Kreditgeschäft genutzt werden könnten.

Seit dem Sommer haben viele Banken Schwierigkeiten, kapitalmarktnahe Kredite an Investoren weiterzureichen. Das belastet auch die Mezzanine-Programme - eine Mischform zwischen Fremd- und Eigenkapital - der Banken. Für diese Produkte, die gebündelt und an den Kapitalmarkt weitergereicht wurden, finden sich nun keine Abnehmer mehr. Es gebe daher eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Commerzbank das derzeitige, weniger als 200 Millionen Euro große Programm auf der Bilanz behalte, sagt Blessing. Das bereite der Bank ob der geringen Größe des Programms keine schlaflosen Nächte. Die Folge für den Kreditkunden ist ein etwas höherer Preis.

Commerzbank will künftig zwei Kreditarten anbieten

Derweil denkt die Commerzbank im Mittelstandsgeschäft über neue Produkte nach. Eines wären Kredite, die direkt mit dem Rating, also der Kreditwürdigkeit des Kunden, atmen. Steigt die Bonitätsnote, wird das Darlehen günstiger - und andersherum. Allerdings müssten die rechtlichen Voraussetzungen für ein derartiges Produkt in Deutschland noch geprüft werden.

Blessings zweite Idee betrifft ein heikles und zuletzt von der Politik in einem Gesetzesvorhaben aufgegriffenes Thema: den Verkauf eines Bankkredits an einen Finanzinvestor. Blessing hält die Möglichkeit eines Verkaufs für sehr sinnvoll, denn dadurch könnten die Banken wie mit einer Rückversicherung Klumpenrisiken entschärfen. Die Commerzbank erwäge daher, künftig zwei Arten von Krediten anzubieten: ein verkaufbares Darlehen und ein nicht verkaufbares, für das der Mittelständler einen entsprechenden Aufschlag zahlen müsste.

Voller Tatendrang ist Blessing auch für den osteuropäischen Raum, für den er teilweise zuständig ist. Nach dem Vorbild der zur Commerzbank gehörenden polnischen M-Bank wurden Ende November in Tschechien und der Slowakei zwei Direktbanken gestartet. Wenn sich das als erfolgreich erweise, sei der Marktstart auch in anderen osteuropäischen Ländern geplant. Als Nächstes könnte Ungarn an der Reihe sein. Die von Analysten mitunter geäußerte Kritik, die Commerzbank sei in Osteuropa zu schwachbrüstig, um mit den Marktführern mithalten zu können, mag Blessing nicht teilen. Die Bank sei in der Region sehr gut positioniert und immerhin die deutsche Bank mit dem größten Engagement dort.

Das Gespräch führte Daniel Schäfer.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Frank Röth

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